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Chinesische Lyrik:Hunger, Armut, Steuern

BAI JUYI Portrait de Bai Juyi (772-846) Illustration tiree d un album sur les poetes chinois realise au 19eme siecle. Cr

Hat am Jahresende noch was übrig: der Dichter Bo Juyi.

(Foto: imago images/KHARBINE-TAPABOR)

Der Münchner Sinologe Thomas O. Höllmann hat chinesische Gedichte aus 2000 Jahren übersetzt.

Von Birthe Mühlhoff

Der Herbst ist da, und jetzt werden die Früchte des Lockdowns geerntet. Was haben die Leute gemacht, die im vergangenen halben Jahr nicht mit Feuereifer in die private Maskenproduktion eingestiegen sind oder ihr Seelenheil in den Newstickern von Fallzahlen und Hochrechnungen gefunden haben?

Der Sinologe und Ethnologe Thomas O. Höllmann, seit 2017 emeritierter Professor der Ludwig-Maximilians-Universität und Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hat eine sehr schöne Antwort auf diese Frage gefunden: "Um mich von wichtigeren Dingen abzulenken, habe ich in den letzten Wochen einige antike politische Gedichte aus dem Chinesischen übersetzt" - so lautet zwar nicht der Titel des soeben erschienenen Gedichtbands, aber es ist das, was auf dem Cover zu lesen ist. Das ist typisch für die von Urs Engeler herausgegebene Roughbooks-Reihe mit dem handlichen, beinahe quadratischen Format, der schlichten großen Schrift: Lyrik schwarz auf weiß, einfach und unumwunden. Hier bekommt man nur das, was draufsteht. Das ist bei Gedichten, wenn es gut läuft, viel mehr als drinsteht.

Regierungsbeamte klagen dichtend die Ungerechtigkeit im Land an

Der versteckte Titel lautet "Abscheu". Ein Titel, der ein Grundgefühl der hier versammelten politischen Gedichte auf den Punkt bringt: Es geht um Armut, Hunger, Steuern, um die Folgen von Krieg und Misswirtschaft. Einmal heißt es: "Wie betrunken muss der Himmel / gewesen sein, dass er dies zuließ." Doch wird diese Abscheu nicht zu Politprosa, keines der Gedichte kommt als Pamphlet oder Streitschrift daher, sondern die Abscheu bleibt eine zutiefst persönliche Erfahrung einer ins Herz treffenden Ungerechtigkeit. Dass es sich hierbei um Texte handelt, die zum Teil beinahe 2000 Jahre alt sind, fällt dabei fast nicht auf. Stillstand und Niedergang, lyrisch festgehalten, bekommen eine zeitlose Dimension: "Tief in den Grund vereist die Wüste, / finstere Wolken vereinen sich mit / tristem Dunst zu einem frostigen Koloss. / (...) Schnee weht an die Tore. Dem Zerren des Sturms / widerstehen die roten Banner - steifgefroren." So klagt Cen Shen während seines Garnisonsdienstes in einer abgelegenen Provinz um 750 n. Chr. Im Jahr 807 schreibt Bo Juyi beim Anblick einer armen Frau bei der Feldarbeit: "Womit hab ich's verdient, dass mein Salär / dreitausend Scheffel zählt, wovon / am Jahresende noch etwas übrig ist?" Der anklagende Blick angesichts herrschender Ungerechtigkeit bekommt dadurch ein besonderes Gewicht, dass hier Menschen das Wort ergreifen, die selbst oft an der Herrschaft beteiligt sind. Wie Höllmann im äußerst informativen, 30 Seiten starken Nachwort und in prägnanten Kurzbiografien erläutert, sind in den meisten Epochen nur zehn Prozent der chinesischen Bevölkerung des Schreibens mächtig - die meisten der Schriftgelehrten aber sind Beamte. Frauen schreiben in der Regel nicht; dass Höllmann trotzdem drei Dichterinnen mit aufgenommen hat, ist daher umso verdienstvoller. Obwohl die Dichter im Staatsdienst meist aus gehobenen Familien stammen und die legendär schwierigen Beamtenprüfungen durchlaufen haben, sind ihre Bezüge nicht besonders üppig. Korruption ist daher ebenso ein Thema wie die Ausschweifungen der Superreichen. Auch da scheint sich seit dem Jahr 750 nicht viel geändert zu haben: In den Ausgehvierteln wirft man das Geld aus dem Fenster, "doch bringt keiner ein Wort heraus / über das, was ihn im Innersten berührt."

Doch von der Beamtenschaft selbst wird auch kein rosiges Bild gezeichnet - "gebadete Affen mit Kappe und Gürtel" nennt sie der erfolgreiche General Cao Cao (155 - 220) in einem Gedicht. Im wahrsten Sinne verkappt muss die Kritik an Kaiser und Würdenträgern formuliert werden, will der Schreibende der unerbittlichen Zensur entgehen. Nicht weniger als sechs der insgesamt 34 im Buch versammelten Schriftsteller fielen in Ungnade und wurden aufgrund ihrer Texte in die Verbannung geschickt.

Das erste Opfer der Verteidigungshaltung ist immer die Neugier

Gibt es eine schönere Idee, als die Kontaktbeschränkungen einer Pandemie darauf zu verwenden, den Kontakt zwischen Kulturen auszubauen? Übersetzung als eine andere Art der Übertragung. Es erstaunt doch zuweilen sehr, wie man sich hier in Deutschland über Donald Trumps Gerede vom "China Virus" entrüstet, einen neuen Kalten Krieg mit China aufs Schärfste verurteilt, aber in keiner Weise verhindert, dass sich im eigenen Kopf eine sich auf verlorenem Posten glaubende Verteidigungshaltung breitmacht - deren erstes Opfer immer die Neugier ist.

Wie genau man mit dem Fremden umzugehen hat, sollte man erst einmal der Neugier überlassen. Was die Übersetzungsarbeit von zeitlich wie räumlich so entfernter Lyrik anbelangt, schreibt Höllmann treffend, erfordere sie eine "respektvolle Rücksichtslosigkeit" gegenüber dem Original. Das Gefühl der Abscheu, könnte man als Rat aus diesem schönen kleinen Band mitnehmen, sollte den Zuständen vor der eigenen Haustür vorbehalten sein, an denen man mitschuldig geworden ist.

Thomas O. Höllmann (Hrsg.): Abscheu. Politische Gedichte aus dem alten China (roughbook 051). Chinesisch / Deutsch. Aus dem Chinesischen von Thomas O. Höllmann. Engeler Verlag, Schupfart 2020. 164 Seiten. 12 Euro.

© SZ vom 06.10.2020

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