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China:"Sterben ist jetzt einfacher"

Liu Xia

Liu Xia ist die Frau des verstorbenen chinesischen Regimekritikers und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Während seiner gesamten Haftzeit saß sie in Hausarrest, inzwischen leidet sie offenbar an Depressionen.

(Foto: dpa)

Liu Xia, die Frau des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, spricht zur Welt.

Von Kai Strittmatter

Nach vielen Jahren: ihre Stimme. Mit einem Mal hört die Welt diese Stimme wieder. Es ist die Stimme der Dichterin und Fotografin Liu Xia, einer Frau, die, so behauptet es die Propaganda Pekings, "alle gesetzesmäßigen Rechte einer chinesischen Staatsbürgerin" genießt. Sieben Minuten eines Telefonats mit Liu Xia vom 8. April hat der im deutschen Exil lebende Schriftsteller Liao Yiwu am Mittwoch ins Netz gestellt. Einen "Hilferuf" nannten erste Kommentare und Titelzeilen diese sieben Minuten, vor allem aber sind sie ein Dokument der Verzweiflung. Liu Xias Rede ist über lange Strecken ein Weinen und Wimmern nur. "Nimm es ruhig auf", sagt sie an einer der wenigen Stellen, wo die Tränen ihre Worte nicht verschlucken: "Ich bin so verdammt zornig, von mir aus kann ich hier sterben. Wenn ich tot bin, dann ist das alles vorüber."

Die deutsche Regierung versuchte, Liu Xia aus China freizubekommen. Vergebens.

Diese Frau ist nicht frei. Sie hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen, stand nie vor Gericht, und doch ist sie seit Jahren verschwunden vom Antlitz der Welt, ist Gefangene in ihren eigenen vier Wänden. Aus einem Grund nur: Liu Xia ist die Frau von Liu Xiaobo, dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger. Liu Xiaobo war der Mann, der 2010 seinen Nobelpreis nicht entgegennehmen konnte, denn da saß er seiner Worte und Gedanken wegen im Gefängnis in China. In Oslo stand während der Preisverleihung ein leerer Stuhl auf der Bühne.

Am 13. Juli 2017 wurde Liu Xiaobo der erste Friedensnobelpreisträger seit Carl von Ossietzky 1938, der als Gefangener seines Staates starb: an einem lange unbehandelten Leberkrebs. Der chinesische Staat geht aber noch einen Schritt weiter: Er machte Liu Xiaobos Ehefrau Liu Xia praktisch die gesamte Haftzeit zur Mitgefangenen, sperrte sie in ihren eigenen vier Wänden ein.

Die deutsche Regierung und Diplomatie setzen sich seit langem für Liu Xia ein. Nach dem Tod ihres Ehemannes im vergangenen Sommer hatte es Anzeichen gegeben für ein Entgegenkommen des chinesischen Staates: Den deutschen Diplomaten und Liu Xia selbst war bedeutet worden, sie könne vielleicht bald nach Deutschland ausreisen. Zuerst dachten Liu Xias Freunde und die Diplomaten, sie müssten noch das Ende des 19. Parteitags im Oktober abwarten. Dann gab es einen neuen Termin: Mögliche Ausreise nach der Sitzung des Nationalen Volkskongresses NVK im März 2018. "Wir haben in Berlin schon alles vorbereitet", sagt der Schriftsteller Liao Yiwu. "Leute wie Herta Müller und Wolf Biermann haben sich für sie eingesetzt. Noch Anfang April waren wir voller Hoffnung."

Der NVK aber ging zu Ende, weitere Wochen verstrichen - und nichts geschah. Tatsächlich waren Enttäuschung und Verärgerung auch auf Seiten der deutschen Diplomatie so groß, dass der deutsche Botschafter in China, Michael Clauss, in einem Interview mit der South China Morning Post seine Ungeduld Ende vergangener Woche ganz undiplomatisch offen zu Protokoll gab. "Wir hoffen, dass Liu Xia bald Bewegungsfreiheit genießen und dorthin reisen kann, wo sie möchte", sagte der Botschafter. Und: "Je mehr Zeit vergeht, umso dringlicher wird eine positive Lösung ihres Falles."

Kanzlerin Merkel soll die Tonaufnahme mit nach China nehmen. Und vorspielen

Tatsächlich geht es Liu Xia schlecht, sie leidet offenbar an schwerer Depression. Die Enttäuschung über die erneut nicht genehmigte Ausreise scheint die Lage noch schlimmer zu machen. "Wenn ich nicht weg kann, dann sterbe ich in meiner Wohnung", sagte sie dem Schriftsteller Liao Yiwu in einem Telefonat am 30. April. "Xiaobo ist nicht mehr da, und in dieser Welt ist nichts mehr für mich. Sterben ist jetzt einfacher als am Leben zu bleiben." Das sei der Moment gewesen, sagt Liao Yiwu der SZ, in dem er entschlossen habe, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Liao Yiwu ist seit mehr als 35 Jahren mit Liu Xia befreundet. "Ich glaube, ihr Leben ist in Gefahr", sagt er. "Ihre Mutter und ihr Ehemann sind gestorben. Dazu die Einsamkeit in ihrer Wohnung, die schwere Depression." Liao hofft, dass mehr Leute auf Liu Xias Schicksal aufmerksam werden, dass sich Diplomaten und Politiker für sie einsetzen bei Chinas Regierung. "Ende Mai wird Bundeskanzlerin Merkel nach China reisen. Ich hoffe, sie hört sich das Telefonat an", sagt Liao Yiwu. "Und vielleicht können Sie Ihr ausrichten: Es ist mein großer Wunsch, dass sie die Aufnahme mit nach China nimmt, als Geschenk für ihre Gesprächspartner dort."

© SZ vom 04.05.2018
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