China: Ai Weiwei:Vom Künstler zum Staatsfeind - und zurück?

Chinas bekanntester regimekritischer Künstler sieht sich seit Jahren politischer Repression ausgesetzt. Gegen seine Festnahme gab es weltweite Proteste. Nun wurde er auf Kaution freigelassen. Eine Chronologie in Bildern.

Daniela Otto

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(Foto: AP)

Verprügelt, beschädigt, verschwunden - und nun wieder aufgetaucht: Chinas bekanntester regimekritischer Künstler sieht sich schon seit Jahren politischer Repression ausgesetzt. Gegen seine Festnahme gab es weltweite Proteste. Nun wurde er gegen eine Kaution freigelassen - und bedankte sich bei den Reportern, die seinem dem Studio in Peking auf ihn warteten, für die Unterstützung. Eine Chronologie in Bildern. Text: sueddeutsche.de/dato/kar/gba/rus

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(Foto: dpa)

Ai Weiwei, chinesischer Künstler und Regimekritiker, war am 3. April 2011 in Peking festgenommen worden. Ai, dessen Vater Schriftsteller und Maler und ebenfalls schon aufgrund seiner politischen Gesinnung in Konflikt mit der Regierung geraten war, hatte sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch gegenüber dem chinesischen Regime geäußert. Durch diese Haltung und seine künstlerischen Arbeiten, mit denen er Menschenrechtsverletzungen, Arbeitsbedingungen und Umweltsünden in seiner Heimat anprangert, war Ai Weiwei immer mehr zum Ziel politischer Repressalien geworden.

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(Foto: AFP)

Geprägt durch die langjährige politisch motivierte Verbannung seines Vaters Ai Qing, der einer linken Künstlergemeinschaft angehörte, lehnte es auch der 1957 geborene Ai Weiwei (hier 2009 vor seinem damaligen Studio) schon als junger Mann ab, unter staatlicher Überwachung künstlerisch aktiv zu sein. 1979, als er an der Pekinger Filmakademie studierte, gründete er die Künstlergruppe "Stars Group", die regimetreue Propagandakunst ablehnte. Von 1981 bis 1993 lebte er in den USA, vor allem in New York, wo er sich mit Performance und Konzeptkunst beschäftigte, und schloss dort ein Designstudium ab. Danach kehrte er wegen einer Erkrankung seines Vaters nach Peking zurück, wo er seitdem im Kunstbezirk Dashanzi lebt. 1994 gründete er die Galerie China Art Archives and Warehouse für experimentelle Kunst in Peking. Obwohl das regimekritische Werk des Konzeptkünstlers, Bildhauers und Kurators provokativ und grenzüberschreitend wirkt, betont Ai immer wieder die tiefe Verbundenheit zu seiner Heimat, für die er kämpft. Dieses Engagement zeigte sich auch in einem seiner Architekturprojekte:

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(Foto: Gero Breloer/dpa)

2008 wirkte Ai Weiwei beim Entwurf des Nationalstadions in Peking mit, das für die Olympischen Sommerspiele 2008 konstruiert wurde. Er unterstützte dabei das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron als künstlerischer Berater. Wegen seiner Form wird das Stadion auch "Vogelnest" genannt. Später distanzierte sich der Künstler von den Propagandavorführungen, die China anlässlich der Spiele inszenierte - und sagte kurz vor der Eröffnungsfeier der Spiele seine Teilnahme ab.

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

2009 musste sich der Künstler wegen einer lebensbedrohlichen Gehirnblutung im Münchner Klinikum Großhadern operieren lassen. Wie er selber aussagte und dokumentierte, hatten ihn chinesische Geheimpolizisten in einem Hotelzimmer überfallen und verprügelt. Ai Weiwei hatte zum Missfallen des Regimes wegen eines 'Schul-Skandals' in Sichuan recherchiert: Bei einem Erdbeben waren Tausende Kinder ums Leben gekommen, Schuld daran waren mangelhaft errichtete Gebäude, in denen die Schüler unterrichtet wurden. Ai sagte nach dem Übergriff: "Ich wäre beinahe gestorben." Das Erdbeben in Sichuan ...

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(Foto: ddp)

... war auch Thema seiner Ausstellung im Haus der Kunst in München: So Sorry. Bereits von außen war die Handschrift des Künstlers zu erkennen: Die Hausfassade wurde von 9.000 verschiedenfarbigen Rucksäcken geziert, chinesische Schriftzeichen bildeten den Satz "Sieben Jahre lang lebten sie glücklich in dieser Welt".

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(Foto: dpa)

Auch sein 2010 ausgeführtes Projekt Dachstein setzte sich mit dem Erdbeben in Sichuan auseinander. Ai Weiwei ließ einen vier Tonnen schweren Felsen auf den Gipfel des österreichischen Berges transportieren. Der Fels stammte aus der chinesischen Erdbebenregion und sollte als Mahnmal für die Katastrophe dienen.

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(Foto: dpa)

2010 wurde Ai Weiwei die Ausreise aus China verboten und der mediale Kontakt zur Außenwelt erschwert, weil er zu den Unterstützern des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo gehört (im Bild). Ausreise-, Internet- sowie Handyverbot waren die Folge - die chinesische Regierung schaltete den Internetzugang des Regimekritikers kurzerhand ab.

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(Foto: dapd)

Im selben Jahr hatte der Künstler (hier im Haus der Kunst inmitten seines Werkes 'Rooted Upon', das aus 100 Baumteilen besteht) zu einer ganz besonderen "Party" geladen: Als die Stadtverwaltung von Shanghai verkündete, das Gebäude, in dem sich auch sein Atelier befand, räumen zu lassen, entschied sich Ai zum Gegenangriff und lud öffentlich zur Abrissparty. Da der Künstler, der unter anderem Ökosünden und schlechte Bildungschancen kritisiert hatte, daraufhin unter Hausarrest gestellt wurde, fand diese "Party" zwar ohne ihn statt - allerdings mit mehreren hundert Gästen.

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(Foto: Getty Images)

Im Januar 2011 wurde die Drohung der Stadt Shanghai wahrgemacht und Ai Weiweis Atelier abgerissen. "Es ist traurig, dass China inzwischen wirtschaftlich so stark ist, aber nicht einmal ein wenig Kritik vertragen kann", sagte der Künstler im Januar der Süddeutschen Zeitung.

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(Foto: Getty Images)

Im Februar 2011 sagte Ai Weiwei seine Werkschau ab, die seine erste große Ausstellung in seinem Heimatland China gewesen wäre. Er reagierte damit auf die Pläne der Organisatoren, die Ausstellung zu verschieben, um Platz für eine Jahrestagung des Volkskongresses zu schaffen. Der Regimekritiker (im Bild 2007 vor seiner Installation 'Template' aus Holztüren und Fenstern zerstörter chinesischer Gebäude der Ming- und Qing-Dynastie - Ai Weiwei verwendet oft Objekte wie Antiquitäten oder spirituelle Gegenstände, um sie in einen neuen Zusammenhang zu stellen) warf den Veranstaltern Zensur vor. "Mir wurde mitgeteilt, dass die Schau im März zu heikel ist", sagte der 53-Jährige der SZ: "Wenn meine Kunst unter Zensur ausgestellt wird, sage ich es lieber ab. Es ist sinnlos."

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(Foto: AP)

Im März 2011 kursierten Gerüchte über Pläne des Künstlers (im Bild 2009 zu Besuch in Bremen), wegen politischer Repressalien nach Berlin zu ziehen. Ai Weiwei bestätigte Verhandlungen über einen Atelierkauf, betonte jedoch, dass es keine politischen Gründe für diesen Standortwechsel gebe: "Ich habe einfach viele internationale Projekte und hätte gerne einen Arbeitsplatz in Berlin. Aber China ist mein Heimatland, und mein Atelier in Peking bleibt der wichtigste Ort für meine Arbeit."

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(Foto: REUTERS)

Am 3. April 2011 wurde bekannt, dass Ai Weiwei bei der Ausreise aus Peking festgenommen wurde. Seitdem galt er als verschwunden. Ai Weiwei hat nicht nur in Deutschland viele Fürsprecher: Bis zu 100.000 Menschen folgen ihm bei Twitter. Fünf Tage vor seiner Festnahme gab Ai Weiwei der SZ erneut ein Interview, in dem er nahezu prophetisch voraussagte, was nun auch ihm geschah: "Die Polizei bricht mitten in der Nacht bei dir ein, durchwühlt dein Haus - und dann fabrizieren sie Beweise gegen dich für ihre Gerichte. Sie verurteilen unschuldige Leute zu zehn Jahren Haft." Und weiter: "Ich frage die Journalisten oft, warum sie nicht einmal einen anderen befragen. Das wäre wohl besser für mich. Gäbe es wenigstens zwei Leute wie mich, dann wäre meine Last nur noch halb so groß. Aber es ist immer noch mein Job, ganz allein meiner. Es ist lustig. Und gleichzeitig habe ich große Angst."

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(Foto: dapd)

Am Mittwoch, 22. Juni 2011, gaben chinesische Staatsmedien nun bekannt, Ai WeiWei sei gegen eine Kaution aus der Haft entlassen worden - weil er eine Steuerhinterziehung zugegeben habe und weil er chronisch krank sei. In den zweieinhalb Monaten seiner Inhaftierung ist Ai Weiwei unter anderem in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen worden - teils aus künstlerischen, teils aus Gründen der politischen Solidarität - und organisierten europäische und US-Metropolen spontane Ausstellungen seiner Arbeiten und Protestkundgebungen gegen seine Gefangennahme. Wieder zuhause, bedankte sich Ai Weiwei bei Reportern, die am Mittwoch vor seinem Studio in Peking auf ihn warteten, für deren Unterstützung. Er erklärte aber, unter den Bedingungen seiner Freilassung könne er sich nicht weiter zu dem Thema äußern.

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