20 Jahre nach den Anschlägen: 9/11 im Film:Für eine Flasche Tequila

Lesezeit: 2 min

Die Entstehungsgeschichte von "Zero Dark Thirty" wäre auch guter Filmstoff - für eine Realsatire. Alex Corbet Burcher und Jessica Chastain in dem Film von Kathryn Bigelow. (Foto: Mary EvansxAF ArchivexColumbia Pictures /imago images/Mary Evans)

Von den Anschlägen bis zur Jagd auf bin Laden hat Hollywood alles verfilmt - und nebenbei für neue Vorschriften bei der CIA gesorgt.

Von David Steinitz

Wenn sich in Hollywood einer mit 9/11 und den Folgen auskennt, dann der Regisseur Oliver Stone, der den Komplex so zusammenfasst: "Das ganze System ist am Arsch, und es wird immer schlimmer."

Das erklärte der Regisseur vor ein paar Jahren bei einem Treffen in München, wo er Teile seines Thrillers "Snowden" drehte, über den Whistleblower Edward Snowden. "Wir leben in einem Polizeistaat, ohne uns darüber aufzuregen", sagte Stone. "Im Grunde kann man nicht protestieren, man kann nicht wirklich etwas machen, man wird in Zuckerwatte erstickt und begraben."

Der Hollywoodveteran gehört zu den wichtigsten Kinochronisten rund um 9/11. Er verfilmte den Anschlag selbst in "World Trade Center" mit Nicolas Cage in der Hauptrolle. Eine Verneigung vor den Einsatzkräften, der Polizei und der Feuerwehr von New York. Er drehte mit "W." außerdem eine Farce über den 9/11-Präsidenten George Bush jr., um sich auch mal "in einen Idioten" hineinzuversetzen. Und in "Snowden" widmete er sich schließlich den metastasierenden Geheimdienstauswüchsen nach 9/11. Auf die Frage, was ihn antreibt, solche Filme durchzuboxen, während die meisten seiner Kollegen dicke Schecks für Popcornfilme kassieren, antwortete Stone schlicht: "Wut."

(Foto: SZ-Grafik)

Mit seiner Leidenschaft, die Unzulänglichkeiten der amerikanischen Exekutive in Spielfilmform zu gießen, ist Stone einer der letzten Verfechter des US-Politkinos, das eine lange Tradition hat, aber kaum noch Künstler, die für dieses Genre kämpfen. Sind ja fast alle mit Superhelden beschäftigt. Hollywoods Erstreaktion auf die Anschläge vom 11. September war dann auch, dass das World Trade Center nachträglich digital aus der New Yorker Skyline von "Spider-Man" retuschiert werden musste, um den Zuschauern nicht die Blockbuster-Laune zu verderben.

Ergebnis des Skandals war ein neuer Leitfaden für CIA-Mitarbeiter im Umgang mit der Unterhaltungsindustrie

Aber natürlich gibt es auch außer Stone noch ein paar weitere Filmemacherinnen und Filmemacher, die sich intensiv mit 9/11 und den Folgejahren beschäftigen. Kathryn Bigelow zum Beispiel. Sie bekam einen Oscar für ihr Irakkriegsdrama "The Hurt Locker", 2008 und verfilmte in "Zero Dark Thirty" die irre Jagd der Amerikaner auf Osama bin Laden, die das Land Milliarden Dollar gekostet und in zwei Kriege geführt hatte.

Aus der Entstehungsgeschichte von "Zero Dark Thirty" könnte man mittlerweile ebenfalls einen Film machen, und zwar eine Realsatire. Denn die CIA, damals massiv in der Kritik für ihre "erweiterten Verhörmethoden", versuchte, im Film möglichst positiv dargestellt zu werden. Die Filmemacher wurden mit Informationen gefüttert, deren Wahrheitsgehalt man mindestens als bedenklich einstufen kann. Laut einem Untersuchungsbericht soll es unter CIA-Mitarbeitern zu Eifersüchteleien gekommen sein, wer mit den Hollywoodleuten sprechen dürfe. Außerdem ließen sich CIA-Leute von den Filmemachern mit erstaunlich preisgünstigen Geschenken (ein Käsesandwich im Hotel, eine Flasche Tequila) Informationen entlocken. Ergebnis dieses Miniskandals war ein neuer Leitfaden für CIA-Mitarbeiter im Umgang mit der Unterhaltungsindustrie.

Dass man den Auswüchsen von 9/11 gerade wegen ihrer Tragik eigentlich fast nur noch mit Komik beikommen kann, demonstrierte auch Christian Bale in der Tragikomödie "Vice" von 2018. Darin spielt er den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney, der als das eigentliche Hirn der Bush-Jahre gilt. Cheney, so die Sicht der Filmemacher und auch mancher Historiker, erlebte 9/11 nicht als Katastrophe, sondern als Chance. Er kam schon im Krisenraum, während alle anderen durchdrehten, auf die Idee, dass sich den USA durch diese Anschläge künftig durchaus attraktive Erdölperspektiven eröffnen könnten. Wofür nur eine klitzekleine kriegerische Umschichtung der Weltordnung notwendig sein könnte. Was der Film als überdrehten Wahnsinnscoup zeigt.

Christian Bale hatte keine Möglichkeit, mit Cheney zu sprechen für seine Rolle, sagte aber beim Interview während der Berlinale vor zwei Jahren, dass es doch eine Sache gegeben hätte, die er wahnsinnig gern von ihm hätte wissen wollen: "Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob er nachts gut schläft."

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusJodie Foster im Interview
:"Schon als Kind wollte ich Anwältin werden"

Jodie Foster über ihr Berlinale-Drama "Der Mauretanier", die Abgründe der US-Politik und warum sie keine Frauen mehr spielt, die gerettet werden müssen.

Von Nicolas Freund

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: