New Yorker Pop-Absteige:Eine Geisterbahn namens Chelsea Hotel

New Yorker Pop-Absteige: Besitzerwechsel, Gerichtsverfahren, Verfall. Inzwischen haben viele Zimmer im Chelsea Hotel weder Heizung noch Strom. Aber ein paar Menschen leben immer noch hier.

Besitzerwechsel, Gerichtsverfahren, Verfall. Inzwischen haben viele Zimmer im Chelsea Hotel weder Heizung noch Strom. Aber ein paar Menschen leben immer noch hier.

(Foto: mauritius images / adam eastland / Alamy)
  • Im New Yorker Chelsea Hotel logierten Andy Warhol und Madonna, Bob Dylan schrieb hier Songs, Dylan Thomas trank sich zu Tode.
  • Inzwischen ist das Haus lebengefährlich heruntergekommen - ein paar Menschen leben aber immer noch dort.

Von Juliane Liebert

Are you helping, are you hurting?", hat jemand auf den Bauzaun vorm Chelsea gesprüht, dem berühmten Hotel in Manhattan, in dem Bob Dylan tagelang aufblieb, um "Sad Eyed Lady of the Lowlands" zu schreiben. Die Fassade des Hotels ist, wie man sie von Bildern kennt: dunkelrot, unten ein kleiner Gitarrenladen, ein geschlossenes Restaurant.

Der Eingang zur Lobby ist verbarrikadiert. Nur durch den ehemaligen Dienstboteneingang kann man das Gebäude betreten. Er wird von Sicherheitsmännern bewacht. "Sie können nur rein, wenn Sie hier wohnen. Haben Sie Freunde hier? Nein? Keine Chance", heißt es. Der Eingang führt zu einem Fahrstuhl, der Menschen mit misstrauischen Blicken ausspuckt. Ein paar der alten Mieter wohnen noch inmitten der Baustelle, etwa 50 bis 100 Menschen. Unregelmäßig hört man von einem Streit mit den neuen Eigentümern. Genaueres zu erfahren ist schwer.

Wenn man es doch ins Chelsea schafft, hat man den Eindruck einer Kriegszone. Die Menschen sind skeptisch und müde. "Bleiben Sie direkt hinter mir", sagt ein früherer Bewohner. "Ich führe Sie vom 13. Stock bis nach unten. Machen Sie sich selbst ein Bild." Die Wände sind mit Gipskarton verkleidet. Kabel hängen aus den Decken. Ab und an schaut ein Bewohner aus den Zimmern. Schritte hallen in den leeren Fluren. Fotografieren ist schwierig wegen der Verfahren - beide Seiten fürchten, Bilder könnten gegen sie verwendet werden. Manche befürchten, dass es ihnen schadet, mit Journalisten zu sprechen. Auf jeder Etage hängen Pläne, die zeigen, welche Zimmer noch bewohnt sind.

"Ein normaler Mensch checkte ein und traf im Fahrstuhl auf Allen Ginsberg."

Diese Zimmer sind weltberühmt. In Raum 205 trank sich Dylan Thomas zu Tode. Im Aufzug bändelten Leonard Cohen und Janis Joplin an, in Raum 100 erstach Sid Vicious angeblich Nancy Spungen. Madonna lebte während ihrer ersten Monate in NY in Raum 822. Hier filmte Andy Warhol "Chelsea Girls" mit Nico und Edie Sedgwick. Das Chelsea war seit Mark Twains Besuch dort nicht nur Inspiration und Heimat, sondern ein Biotop — ein Zufluchtsort für einige der bedeutendsten Künstler und Weltstars zweier Generationen.

Seit 2007 wird es renoviert, so heißt es, um es in ein Luxushotel umzufunktionieren. In Wirklichkeit befindet es sich jedoch in einem so schlechten Zustand, dass seine Zukunft nahezu aussichtslos ist. Wieso steht ein Ort, an dem sich kulturelle Weltgeschichte ereignet hat, mitten in Manhattan kurz vor der Zerstörung? Sucht man nach Menschen, die Auskunft geben können, stößt man nach ein paar harschen Absagen schließlich auf Scott Griffin.

Scott Griffin hat 18 Jahre im Chelsea gelebt; als er nach New York kam, nahm es ihn auf. Inzwischen wohnt er im Carlyle, wo er in seiner Suite empfängt. Er ist ein großer Mann, der einen rosa Anzug trägt. Obwohl es draußen 30 Grad sind, ist es in der Suite kühl. Griffin bietet Wasser und Nüsse an. "Das Chelsea?", fragt er: "Wie viel Zeit haben Sie?" Er wirkt, als verbinde sein Gehirn immerzu Fäden und Fakten, um Lösungen für unmögliche Probleme zu finden. Seit er aus dem Hotel Chelsea gezogen ist, verbringt er drei Stunden pro Woche mit Denkmalschützern, Anwälten und Bezirksleuten, um das Hotel zu retten.

"Die Situation dort ist so schlimm, dass ich mir ernsthafte Sorgen mache, dass jemand sterben könnte." Er zeigt ein Video aus dem obersten Geschoss. Wassermassen werden von einer Plane zurückgehalten, wo sie nicht hält, rauscht das Wasser wie aus einer Dusche ins Haus. "Ich sage das ungern, aber ich wäre nicht überrascht, wenn mir jemand erzählen würde, dass es einen Brand im Chelsea gab und das Gebäude vollständig abgebrannt ist."

"Es gibt kein Gas im gesamten Gebäude, weshalb niemand kochen kann. Klimaanlage und Heizsystem funktionieren überhaupt nicht", sagt Griffin: "Die Aufzüge sind häufig kaputt. Das Gebäude hat keine angemessenen Notausgänge, sodass im Falle eines Brandes viele Leute nicht mal lebend aus dem Gebäude kämen. Fenster fallen aus ihren Rahmen und werden durch Plexiglasscheiben ersetzt." Die Räume, in denen Jack Kerouac "On The Road" schrieb, sind versiegelt. 75 Prozent des Hotels stehen leer, in den anderen 25 harren die Mieter aus, teilweise ohne fließend Wasser, ohne Heizung und zunehmend ohne Hoffnung.

"Als Erstes muss man sich vergegenwärtigen, dass das Chelsea Hotel, wie wir es aus unserer Vorstellung kennen, von der Bard-Familie, besonders dem Hotelier Stanley Bard, erschaffen wurde", erzählt Scott Griffin. Dessen Strategie war auf den Wert der Marke ausgerichtet. "Das war lange bevor Leute wussten, was eine Marke ist. Es gab ständige Bewohner und Bewohnerinnen, die ein bestimmtes kulturelles Klima schufen, und Hotelgäste. Ein normaler Mensch checkte ein und traf im Fahrstuhl auf Allen Ginsberg. Das war eine alltägliche Situation. Es war ein spezielles Ökosystem, das aus irgendeinem magischen Grund funktionierte." So kam es, dass etwa Kerouac, Joni Mitchell, Jimi Hendrix, Robert Mapplethorpe und Patti Smith dort unterkamen, dort arbeiteten. Wodurch das Hotel zu Weltruhm gelangte. Obwohl er Millionär war, führte Bard das Tagesgeschäft selbst.

Dieses Konzept trug das Chelsea viele Jahre lang. Mitte der 2000er, nach dem 11. September und vor der Rezession, kam es zur Eskalation auf dem New Yorker Immobilienmarkt. Der Hauptteil des Hotels gehörte der Familie Bard, aber die Anteilseigner des Chelsea, die nicht zur Bard-Familie gehörten, begriffen, dass ihr Hotel zwar Geld abwarf, aber keinen von ihnen wohlhabend machte. Und dass es inzwischen viele Millionen Dollar wert war.

"Ich denke beim Chelsea immer an den 'Herrn der Ringe'", erklärt Griffin: "Es ist wie der Ring. Alle, die das Chelsea erblicken, fangen zu träumen an. Dass sie ein Vermögen machen werden, dass ihr Glück garantiert ist, sobald sie nur das Chelsea besitzen. Aber genau wie in den Filmen kann nur der eine Träger den Ring tragen."

Das Apartment des Malers Philip Taaffe besitzt noch die originalen Kronleuchter

2007 zwangen die Minderheitseigner die Bards als Mehrheitseigner nach einem Rechtsstreit zum Verkauf. Joseph Chetrit, dem auch das Sony-Gebäude in der Madison Avenue gehört, kaufte es weit über dem Marktwert für 78 Millionen Dollar bei einem Gebäudewert von maximal 55 Millionen. "Nach dem Kauf des Gebäudes feuerte er sämtliche Hausmeister, Ingenieure, sämtliche Angestellte, um die Gewerkschaften zu brechen", so Griffin. Es gab im Chelsea Kaminsimse der Firma Pottier and Stymus, einige bis zu 200 000 Dollar wert. "Chetrit hat sie einfach rausgerissen und auf die Straße geworfen. Er hat sie sogar manchmal zweigeteilt, nur um sicherzugehen, dass niemand sie rettet."

Ferner ließ Chetrit Rohre herausreißen, einen großen Teil der Elektrik entfernen und das Heizungssystem des Gebäudes lahmlegen. Dann verkaufte er das Gebäude an Ed Scheetz. Der stellte fest, dass bei der Sanierung des Gebäudes selbiges zerstört worden war. Also verkaufte er es weiter an BD Hotels. Griffin: "Der Denkmalschutz in New York gilt momentan nur für das Äußere von Bauten. Wir mussten zusehen, wie das Waldorf Astoria und das Plaza Hotel im Grunde genommen ausgelöscht wurden. Eben weil die Gesetzgebung sich nicht auf das Innere erstreckt."

BD Hotels besitzt also ein sehr teures Gebäude, das sie nicht reparieren können. Dazu kommen Rechtsstreitigkeiten mit den Bewohnern und den Behörden. Das Chelsea zu retten würde inzwischen 250 Millionen Dollar kosten, schätzt Griffin, zusätzlich zum Verkaufspreis. Selbst die Mahagonitüren im Chelsea wurden damals in den Müll geworfen — wo ein ehemaliger Bewohner, der damals obdachlos war, sie fand, abtransportierte und Jahre später 2018 auf Anfrage eines Auktionshauses zur Auktion freigab. Die Tür des Nobelpreisträgers Bob Dylan brachte 100 000 Dollar. Die neuen Besitzer drohten, den obdachlosen Verkäufer zu verklagen. Man einigte sich.

New Yorker Pop-Absteige: Ein Raum, an dem Neues entstehen kann: die Halle des Chelsea Hotels in New York.

Ein Raum, an dem Neues entstehen kann: die Halle des Chelsea Hotels in New York.

(Foto: mauritius images / Martin Thomas)

Eine der wenigen verbliebenen Türen ist hinter einer Plane verborgen. Sie ist ein Eingang zu einer anderen Welt. Das Apartment des Malers Philip Taaffe ist das am besten erhaltene, besitzt noch den originalen Holzbau und die originalen Kronleuchter. Es zu betreten fühlt sich an, wie in ein anderes Zeitalter zu spazieren. Jeder Raum hat eine andere Farbe, das Esszimmer ist orange, das Wohnzimmer leuchtet hellblau. Der Holzboden knirscht bei jedem Schritt. Hölzerne Rollos, ein Kamin. An den Wänden Fotos und Kunstwerke, die in jenen Räumen entstanden sind.

"Am wichtigsten ist es mir, darüber zu reden, wie wichtig das war, was Stanley Bard getan hat. Ich lebe in großer - nicht Angst - Trauer, weil der enorme Beitrag dieses Mannes zur kulturellen Geschichte der Vereinigten Staaten verschwindet", sagt Griffin: "Ich treffe auf meinen Reisen Menschen, die entweder nur eine Nacht im Chelsea abstiegen oder Jahrzehnte dort lebten. Sehr berühmte Menschen und Menschen, von denen man nie gehört hat. Und alle fragen: Wie geht es Stanley?"

Stanley Bard ist 2017 gestorben. Aber das Chelsea Hotel sollte nicht sterben, denn es ist mehr als ein Hotel, sondern vielmehr eine Temporäre Autonome Zone nach Hakim Bey — ein Raum, in dem normale Autoritäten und Gesetze für eine gewisse Zeit nicht gelten und dadurch Neues entstehen kann. Der Verlust solcher Orte tötet eine Stadt — weil sie ihr Freiheitsversprechen nicht mehr einlösen kann.

© SZ vom 30.11.2019/qli
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