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Charly Hübner über "Banklady":"Ich verteidige meine Kinofiguren bis aufs Messer"

Charly Hübner

Als Hermann Wittorff gibt er sich sehr männlich, doch im realen Leben sagt Charly Hübner: "Machos, wie ich es für mich kapiere, treten mir einen Tick zu ausstellerisch auf."

(Foto: picture alliance / dpa)

Im Kinofilm "Banklady" spielt Charly Hübner einen Bankräuber im Hamburg der Sechzigerjahre, der mit Macker-Charme und dem Versprechen auf ein besseres Leben eine Komplizin und Geliebte gewinnt. Ein Gespräch über die Nachkriegszeit, Männlichkeit und sein Körpergewicht.

Von Paul Katzenberger

Er kommt vom Theater, doch inzwischen ist er auch im deutschen Film eine feste Größe, wo er sich 2006 in der Rolle des DDR-Oberfeldwebels Udo Leye in "Das Leben der Anderen" erstmals einem größeren Publikum bekannt machte. Seither hat der 1,92-Meter-Hüne in sehr unterschiedlichen Rollen überzeugen können: Im "Polizeiruf 110" spielt er seit 2009 den raubeinigen Rostocker Kriminalhauptkommissaren Alexander Bukow genauso überzeugend wie er 2011 das sozial gestörte Muttersöhnchen Robert in "Unter Nachbarn" gab oder kürzlich den modernen Hausmann Konrad" in "Eltern".

Für seinen neuen Kinofilm "Banklady", der die wahre Geschichte eines Hamburger Bankräuber-Paares aus den Sechzigerjahren erzählt, konnte der gebürtige Mecklenburger Hübner auf eigene Erfahrungen mit der Mentalität im Hamburgischen zurückgreifen. Denn seit mehr als zehn Jahren wohnt er in der Hansestadt.

SZ.de: Im Rostocker "Polizeiruf 110" sind Sie vielen Zuschauern in Ihrer Rolle des Kommissars Alexander Bukow ans Herz gewachsen, weil der ein sympathischer Macho ist. In Ihrem neuen Film "Banklady" spielen Sie wieder so einen, den man einfach gerne haben muss. Liegt es Ihnen besonders, den charmanten Chauvi herauszukehren?

Hübner: Das war bei beiden Rollen sicher nicht mein Ansatz, sondern hat sich jeweils so ergeben. Bei Bukow geht es eigentlich gar nicht darum, dass er charmant ist. Das passiert einfach, weil er für Kinder zumindest ein großes Herz hat, und für Leute in Not. Hermann Wittorff, den ich in "Banklady" spiele, empfindet man hingegen als charmant, weil er diesen Witz hat, aus der Not heraus, die in seiner Zeit herrschte.

Zumindest sind beide Figuren norddeutsche Originale.

Das auf jeden Fall. Ich bin ja Mecklenburger in Hamburg, und während wir "Banklady" drehten, habe ich solche Typen dort immer wieder erlebt. Es gibt eine bestimmte Art von alten Hamburger Taxifahrern, die haben so eine direkte Art, und die sagen Sätze, die auch von ihm stammen könnten, wie "das ist 'ne Horizontale" oder "da haben wir aber noch richtig was ausbaldowert". Eigentlich liegt mir das nicht so als gebürtigem Mecklenburger, wir sind einfach stiller. Aber für die beiden Rollen passte das dann auf einmal. Da ist eine Duplizität, die zufällig entstanden ist.

Redseliger Hamburger und stiller Mecklenburger, worin genau besteht diese Duplizität?

Diese Art der Unverbindlichkeit, die man als Kommissar braucht, um in einer Ermittlung einen nächsten Schritt weiterzukommen, ist ähnlich dem, wie man herausfindet, wo dann wieder ein Einbruch gemacht werden kann. Du brauchst einen offenen Tonfall, um an eine Information zu kommen oder jemanden für Deine Sache zu gewinnen, bleibst in der Nähe aber sehr unverbindlich. Das ist dann der Moment, in dem wir als Betrachter das Gefühl von Sympathie oder Charme haben, obwohl wir eigentlich ein bisschen veräppelt werden.

Nicht nur ein bisschen veräppelt, vielleicht sogar sehr. Was Herrmann Wittorf macht, ist in letzter Konsequenz ja reiner Egoismus.

Ja, total.

Trotzdem begegnen Sie dieser Figur mit Sympathie.

Ich habe bei meinen Kinofiguren immer Lust, die bis aufs Messer zu verteidigen. Ich selber hätte mit Hermann Wittorff gar nicht so viel anfangen können. Der wäre mir zu prahlerisch gewesen. Für mich als Schauspieler ist es aber Freude, seinen Interessen gerecht zu werden. Dass man den Eindruck bekommt, man kann den zum Knuddeln gern haben, das war ja seine Absicht. Wenn man dem erst mal gerecht wird in seiner Art, dachte ich mir, dann wird man auch der Geschichte dieser beiden Figuren gerecht.

Die Titelfigur "Banklady" ist Gisela Werler (gespielt von Nadeshda Brennicke, Anm. d. Red.) - die erste Bankräuberin der Nachkriegszeit. Sie verfällt diesem Charmeur im Film schnell. Ist das nicht sehr klischeehaft? Die Frau geht dem Schwerenöter sofort auf den Leim?

Das bringt ein altes Männerbild zum Ausdruck, das wir heute so nicht mehr kennen. Viele von den Männern, die damals zwischen 30 und 40 Jahren waren, sind unter Hitlerjungen groß geworden, waren vielleicht sogar noch an den letzten Kriegswirren beteiligt und mussten nach dem Krieg auf dem Schwarzmarkt überleben. Nach dem Motto: Friss oder stirb. Aber das war ein Männerbild, das für die Frauen normal war. Andererseits: Dass er sie so verzaubert, mit seinem gewinnenden Lächeln, das waren zunächst einmal Verabredungsstufen. Dass die sich dann aber wirklich in einander verlieben, das war überhaupt nicht sein Plan.

In Ihrem Film "Eltern" verkörperten Sie kürzlich das genaue Gegenteil, einen modernen Hausmann, der als solcher mächtig Probleme bekommt, gerade auch mit seiner Frau. Muss man als Mann ein Macho sein, wenigstens ein bisschen?

Bei der Frage wär's mir am liebsten, wenn eine Frau für mich antworten würde. Machos, wie ich es für mich kapiere, treten mir einen Tick zu ausstellerisch auf. Aber ich glaube, es gibt so einen Typ "Machismo", im Unterschied zu "Macho", der die Frauen verzaubert. Der tritt durchaus männlich auf, aber nicht indem er es mackerhaft zeigt, sondern weil er es einfach ist.

Und wenn einer weder "Macho" ist noch "Machismo", sondern "Softie", kann der die Frauen auch verzaubern?

Ich kenne durchaus Frauen, die froh darüber sind, dass sie Männer bei sich zuhause in der Wohnstube haben, die all diese Männlichkeitsattribute nicht aufweisen. Dass Männer existieren, die sogenannte Softies sind, also warme, zartfühlende Menschen. Und diese Frauen sind sehr glücklich in Liebe und Beziehung. Man muss kein Macho sein. Es gibt aber Mechanismen, bei denen die Männlichkeit Ziele erreicht.

"Die Zeit lebte von diesen Heinz-Erhardt-Figuren"

"Banklady" spielt in den Wirtschaftswunderjahren, die für Westdeutschland sehr prägend waren. Der American Way of Life etablierte sich langsam, andererseits herrschten noch strenge Moralvorstellungen vor. Wie ist es Ihnen als gebürtigem DDR-Bürger gelungen, sich da hinein zu versetzen?

Nadeshda Brennicke und Charly Hübner in dem Film "Banklady"

Dem Charmeur verfallen: Gisela Werler (Nadeshda Brennicke, links) ist für den Witz von Hermann Wittorff (Charly Hübner) empfänglich. Das geht sogar so weit, dass sie ihm bei seinen Banküberfällen hilft.

(Foto: StudioCanal Deutschland)

Es gibt die Parallele, dass in meinem Umfeld viele Menschen sehr auf den Materialismus im Westen fixiert waren. Das ging so weit, dass in der Schule Snickers-Papiere getauscht wurden gegen Spielzeug. Das war heiße Tauschware. Und Leute mit einer West-Jeans wurden mehr bewundert als Leute mit einer Ost-Jeans. Bei den Autos gab es klare Abstufungen: Der Trabi war für jedermann, der Wartburg war schon viel mehr wert, die Russen-Autos waren für die Bonzen und der Westwagen, das war eigentlich nicht real.

Und wie materialistisch waren Sie? Haben Sie sich damals auch durch schöne Dinge verführen lassen, die man besitzen kann?

Ich wollte einfach nur meine Platten haben. Das war schwer genug. Denn das waren Platten, die schon im Westen nicht in jedem Plattenladen zu kriegen waren. An das konnte ich anknüpfen.

Ihre Filmpartnerin Nadeshda Brennicke hat gesagt, dass Sie ihr absoluter Wunschkandidat für die Rolle des Wittorff gewesen seien, unter anderem wegen Ihrer nicht ganz perfekten Figur. Ein Adonis hätte sich niemals für so ein Aschenputtel wie Gisela Werler interessiert. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Dass ich deswegen für die Rolle geeignet sein soll, habe ich so noch nicht gehört, das finde ich auch interessant. Es passt aber, dass das kein Schönling ist. Denn die Zeit lebte ja von diesen Heinz-Erhardt- und Ludwig-Erhard-Figuren. Damals war es viel mehr als heute verbreitet, dass der Bauch etwas mit Reichtum zu tun hatte. Es gibt ja heute noch Kulturen, in denen der Bauch ein Statussymbol ist, nicht in Mecklenburg, aber in Indien zum Beispiel.

In der Berichterstattung über Sie wird Ihre Figur immer wieder thematisiert. Es fallen Begriffe wie "Wampe" oder es wird gefragt: 'Wie trägt der seinen Bauch?' Was sagen Sie dazu, dass solche Äußerlichkeiten so wichtig zu sein scheinen?

Das geht an mir tief im Süden vorbei. Ich kenne ja meinen Körper und weiß auch, was ich mit dem in der Arbeit mache. Der sieht für mich immer anders aus: Da gibt es Rollen, die sind noch dicker als Bukow und dann gibt es Figuren, für die muss ich abnehmen. Dieses Jahr habe ich noch eine Rolle vor der Brust, da muss ich gucken, dass ich wirklich sieben oder acht Kilo runterkomme und mich vielleicht auch sportiv betätigen. Ansonsten beschäftigt mich das aber gar nicht, auch weil ich nicht alles mitbekomme, was über mich geschrieben wird. Nur einmal habe ich einen Artikel gelesen, da stand, dass ich der Gegenentwurf zu Christiano Ronaldo sei, der mit seinem Sixpack Tore im Wert von Millionen schieße. Das fand ich schon wieder lustig. Denn es ist ja furchtbar anstrengend, so einen Sixpack überhaupt hinzukriegen. Was man mit der Lebenszeit alles an schönen Dingen erleben könnte, an Muße. Deswegen habe ich keinen Sixpack.

Mit Muße allein wird's im Schauspielberuf aber nicht immer gehen: Matthew McConaughey und Jared Leto haben für ihre Rollen in dem Aids-Drama "Dallas Buyers Club" extrem abgenommen, jetzt haben beide einen Oscar.

Für mich geht es um den Grad der Glaubwürdigkeit der Rolle und nicht um den Leistungssport unter Schauspielern, wer sich noch extremer kaputtmachen kann. Wenn ich zum Beispiel jemanden spielen soll, der Kampfschwimmer ist und jeden Tag zehn Kilometer schwimmt, dann hat der eine andere Statur als ich. Die Oberarme und Schultern sind anders definiert, die Muskelpartien sind sichtbarer als bei mir jetzt. Dass muss man dann hinkriegen.

© SZ.de/rus

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