bedeckt München 29°

Charlotte Roches neuer Roman "Schoßgebete":Charlotte oder Elizabeth?

Doch wenn letzterer vor allem den fließenden Übergängen zwischen sexueller Erregung und Ekel auf der Spur war, soll es dieses Mal um die höhere Biologie (oder Chemie) des ehelichen Zusammenlebens gehen, unter besonderer Berücksichtigung eines Urintropfens unter der Vorhaut des Mannes oder von vier Fadenwürmern am After. Die Form dieser Forschungsarbeit ist der Bericht, und das heißt hier, weil es ja um die Wahrheit von Gefühlen und Begierden geht, das rückhaltlos offene Bekenntnis.

Deswegen tritt in diesem Buch eine Psychotherapeutin auf, der, aus existentieller Notwendigkeit, alles erzählt werden muss - denn es gilt, angeblich tiefe Traumata zu überwinden. Hinter (und über) der Psychotherapeutin aber befindet sich der Leser: Er ist der eigentliche Adressat dieser Bekenntnisse, an ihn wendet sich die Erzählerin mit ihrem schlichten, intimen, manchmal flapsigen Ton, er ist die scheinbar überlegene Macht, der auch das Privateste anvertraut wird, um - ja, warum geschieht das? Was hat der Wunsch der Erzählerin, nicht nur mit Georg (dem Gatten) und Lumi (einer Prostituierten), sondern auch mit dem netten Jochen zu schlafen, mit der Selbstoffenbarung gegenüber Millionen fremden Menschen zu tun, was eine Blähung des Bettnachbarn mit einem Buch?

Und doch gibt es diese Verbindungen. Nie wurden, an einem Tag, von einem in deutscher Sprache geschriebenen Buch mehr Exemplare ausgeliefert als von den "Schoßgebeten". An der Zahl der mit der Erstveröffentlichung ausgelieferten Bücher gemessen, ist dieses Werk größer als die "Blechtrommel", größer als "Ansichten eines Clowns", größer als "Ein fliehendes Pferd". Das liegt auch, aber nicht nur, am Gegenstand, am Fundamentalismus des Geschlechtslebens. Es liegt aber ebenso sehr an der konsequenten Verwirrung der Verhältnisse zwischen Autorin und Erzählerin.

Denn selbstverständlich ist Charlotte Roche zu einem großen Teil identisch mit "Elizabeth Kiehl" - nicht ganz, gewiss (das verleiht dem Bekenntnis einen zusätzlichen Reiz), aber doch genug, um einen reibungslosen Übergang zwischen Wirklichkeit und Roman zu gewährleisten. Und dieser Übergang ist notwendig, damit die Erzählerin ihren Lesern zurufen kann: "Das war aber mal eine Überforderung für mich! Für die kleine Elizabeth. Puh."

Anders gesagt: Was sich hier zur Schau stellt, ist Prominenz. Sie funktioniert nach dem Prinzip, dass sich ein gewöhnlicher Mensch dadurch in einen absolut ungewöhnlichen Menschen verwandelt, dass er anderen Menschen offenbart, wie gewöhnlich er ist - sie lebt von der Professionalisierung des Laienhaften, von der Lüge, dass einer, dem die Aufmerksamkeit der Massen gilt, nichts anderes sei als einer in der Masse, oder von dem ebenso idiotischen wie unterwürfigen Gedanken, dass einem berühmten Menschen, der öffentlich so tut, als wäre er gewöhnlich, mitsamt Familienleben, Verdauungsschwierigkeiten und Magenkrebskaffee, eine ganz besondere Bewunderung gebührt.

Aus diesem Grund bestehen die "Schoßgebete" im Übrigen auch nicht aus lauter pornographischen Videos - selbst wenn die Vorlagen genannt werden: "Er bleibt mit dem Kopf zwischen meinen Beinen und guckt ganz genau zu, wie ich alles abrufe, was ich je über Selbstbefriedigung im Internet und auf DVD gesehen habe."

Nein, das Unvermögen, sich sprachlich angemessen auszudrücken, wird hier - "jetzt mal laienhaft formuliert" - zu einem Mittel der literarischen Selbstinszenierung. So kommt auch das mittlerweile gesellschaftlich eher randständige Medium Buch zu Ehren: als systematisches Unterlaufen von Literatur in der Literatur.

Doch noch ist die Frage unbeantwortet, warum sich, in einer weitgehend libertären Gesellschaft, immer noch so viele Energien auf die Sexualität werfen können. Sie ist eng verwandt mit der Frage, welche Gründe es dafür geben kann, dass Charlotte Roche den Tod ihrer drei Halbbrüder und die schwere Verletzung ihrer Mutter bei einem Autounfall in das ansonsten weitgehend von Sexualität beherrschte Tagebuch ihrer Ehe einfügt - zusammen waren sie im Sommer 2001 unterwegs zu der Hochzeit, die Charlotte Roche mit ihrem damaligen Lebensgefährten in England feiern wollte.

Die Antwort auf beide Fragen ist dieselbe. Sie lautet: "Fick mich ins Leben zurück!" Sexualität ist das Leben, lautet der Gedanke. Sie ist die beste, wenn nicht die einzige Überwindung des Todes. Und wenn die "Schoßgebete" eine Art Forschungsprojekt bilden, so ist dieser schlichte romantische Gedanke die Idee, die dem ganzen Vorhaben zugrunde liegt: Zwei Prinzipien stehen einander gegenüber, zwei einander ausschließende, aber gleichermaßen Totalität fordernde Lebensmomente, zwei Erfahrungen, zu denen jeder etwas zu sagen hat.

Für den Tod gilt das zweifellos. Bei der Sexualität ist das anders. Sie muss als gesellschaftliche Erfahrung erst isoliert und dann verdichtet werden, damit man öffentlich und ungeniert von ihr handeln kann. "Kein Autor aus den Blütezeiten des Romans bis zum 20. Jahrhundert hat seine Protagonisten denken, fühlen, glauben, zweifeln und unverhüllt vögeln lassen", heißt es in einem Aufsatz, in dem Roger Willemsen vor Jahren einmal eine Anthologie erotischer Literatur einleitete.

"Sollten sie das tun, so begann der Autor einen neuen Text, in dem sie nun kaum etwas anderes trieben." Das liegt daran, dass Sexualität bis noch vor wenigen Jahrzehnten eingebettet war in ein dichtes Geflecht verwandtschaftlicher Beziehungen, in soziale Hierarchien, Sitten und Rituale, in unerbittliche moralische Forderungen und feste Traditionen. Wollte man ihnen entkommen, musste man gleichsam die Flucht in den Giftschrank antreten.

Die Sexualität wird banal

Die Befreiung der Sexualität hat zwei Konsequenzen: Zum einen wird sie banal, zum "alten Rein-Raus-Spiel", wie sie Anthony Burgess in seinem Roman "Uhrwerk Orange" nannte. Zum anderen aber fordert sie, selbständig geworden, erst recht alle höheren Erwartungen heraus, die zuvor ein über Jahrhunderte eingespielter kultureller, bis in die Sakralsphäre reichender Zusammenhang aufgefangen hatte.

Sie wird absolut, sie wird zum Fetisch, zum Gegenstand eines eigenen Fundamentalismus: "Der Trip beginnt", lautet der letzte Satz in diesem unerheblichen, trivialen, ja verlogenen Buch, das also gar nicht zufällig das Wort "Gebete" im Titel trägt. Denn es huldigt dem Glauben an eine rettende Erfahrung. Und weiß doch, dass es sie nicht gibt.

© SZ vom 10.08.2011/pak/gba
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB