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Charlotte Gainsbourg:Stärker als früher in Chanson-Tradition

Charlotte Gainsbourg ist eine singuläre Erscheinung der gegenwärtigen Popkultur. Ihr Image als Musikerin steht konträr zu den Lars-von-Trier-Exzessen, die ihr Image als Schauspielerin prägen. "Deadly Valentine" und der Titelsong "Rest" sind die stärksten Songs auf dem neuen Album. Musikalisch steht "Rest" deutlich stärker als die früheren Alben in der französischen Chanson-Tradition, mit Anklängen an die Achtziger. Der Disco-Funk-Beat von "Deadly Valentine" stampft trocken, die Bassline knackig, dazu singt sie mit Kinderstimme immer dieselbe Tonfolge. Im Song "Rest" bilden die Synthesizer mit dem warmen Bass organische Kaskaden, die Loops schnurren derweil mit technischer Präzision ab, was einen schönen Kontrast erzeugt: Die Musik folgt einer eigenen Dialektik aus Innerlichkeit und Getriebenheit.

Eine Kombination, die auch die Ausstrahlung von Charlotte Gainsbourg ausmacht — eine Mischung aus Trotz und Schüchternheit, Herzlichkeit und fast autistisch wirkender Verkapselung. Sie ist linkisch und gewandt, lustloser Teenager und Diva, knochig-sehnig und weiblich. Ihr Gesicht eine irritierend schöne Mischung ihrer Eltern - auch deshalb so irritierend, weil beider Gesichter so gut erkennbar bleiben.

Apropos Gesichter: Es gibt bisher drei Videos zum Album, zu "Rest", "Deadly Valentine" und "Ring-A-Ring O' Roses". In letzterem streift ein junger Mann mit einer ausgesprochen großen Nase durch eine Stadt, in "Deadly Valentine" wird ein Paar durch vier Lebensalter begleitet. Die Lebensphase des Erwachsenseins wird von Gainsbourg selbst dargestellt, ihre Teenagerversion hat, genau, eine beeindruckend schöne und große Nase. Offenbar identifiziert Gainsbourg sich mit Menschen mit großen Nasen. In "Rest" gibt es nur Charlottes eigene Nase, und die ist, nun, sehr normal proportioniert. Vielleicht schaut sie im Video auch deswegen so traurig?

In der Mitte des Interviews geschieht dann etwas Seltsames. Gainsbourg erzählt eine Kindheitsgeschichte von sich und ihrer Schwester, die als Kinder, von Kindermädchen verängstigt, unter ihr Kinderbett pinkelten, weil sie sich nicht trauten, ins Bad zu gehen. Davon, wie sie mit dem Geruch des Urins aufwuchs. Seltsam daran ist nicht die Geschichte an sich, sondern, dass sie sie wortwörtlich einige Stunden vorher oder nachher schon einer anderen Zeitung erzählte. Aber nicht nur ungefähr, sondern aufs Wort genau, dieselben Wendungen, die überrascht vorgetragene Erkenntnis am Ende. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Künstler sich einen Fundus an Anekdoten zurechtlegen, um Alben zu bewerben. Meist sind das jedoch Anekdoten zur Tour, zum Gitarrist, der sich den Arm gebrochen hat.

Die ungeschminkte Stelle im Nacken der Geishas faszinierte sie besonders

Aber auch wenn sie mit der Uringeschichte Intimität vortäuscht: Charlotte Gainsbourg ist ein Profi. Sie ist mit dreizehn zum Teeniestar geworden. So jemand plaudert nicht spontan aus seinem Privatleben. Was vielleicht auch die Schuld der Journalisten ist, die wieder und wieder nach ihren Eltern und ihrer Vernachlässigung als Kind fragen. Die Uringeschichte passt da nur allzu perfekt: Eine Story, die alle Klischees über sie befriedigt, alle vorgefassten Annahmen. Manchmal muss man sich offenbaren, um sich nicht offenbaren zu müssen. Eine Linie, die sich durchzieht vom Mädchen mit dem erfundenen Tagebuch - bis jetzt.

Vor einiger Zeit reiste Gainsbourg nach Tokyo, um ihre Mutter, Jane Birkin, zu filmen. Es war eine Ausrede dafür, bei ihr zu sein, ihr zuzusehen, sagt sie. Sie wirklich anzusehen. Für Charlotte Gainsbourg und ihre Mutter hat Japan eine besondere Bedeutung, weil ihre Schwester Kate das Land liebte. Nach Jane Birkins Konzert besuchten sie in Kyoto eine Geisha-Bar. Charlotte Gainsbourg hatte gedacht, die Frauen würden sich schämen, für Prostituierte gehalten zu werden. Aber sie seien einfach nur sehr stolz gewesen: "Wenn ich ein Mann wäre - ich wäre durchgedreht!" Besonders faszinierten sie die schwarz gefärbten Zähne der im Gesicht und Hals traditionell weiß geschminkten Geishas. Und die Stelle im Nacken, die nicht mit weißer Farbe bedeckt war.

© SZ vom 25.11.2017/cag
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