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Charlotte Gainsbourg:Wie man sich offenbart, wenn man sich nicht offenbaren will

Lustloser Teenager und Diva zugleich: Charlotte Gainsbourg.

(Foto: Amy Troost/Warner Music)

Charlotte Gainsbourg ist linkisch und gewandt, trotzig und schüchtern, knochig-sehnig und weiblich - und damit ähnlich dialektisch wie ihr neues Album.

Von Juliane Liebert

Charlotte Gainsbourg schrieb ihr erstes Tagebuch für einen sehr viel älteren Mann. Sie war vierzehn Jahre alt, verliebt, und immer, wenn sie sich trafen, las er ihr Tagebuch, noch bevor sie miteinander sprachen. Also dachte sie sich Sachen aus. Was auf diesen Seiten stand, war nie geschehen. Die Bücher bewahrte sie in einem Koffer auf, sie verschimmelten. Aber Tagebuch schreibt sie bis heute: Die Lyrics ihres neuen Albums "Rest" (Because Music) beruhen auf diesen Notizen.

Die Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin sitzt an einem Glastisch, in dem sich die Fenster, die Vorhänge spiegeln. Dreht man das Zimmer auf den Kopf, erzählt die gespiegelte Charlotte von unter ihrem Saftglas. Sie erzählt konzentriert, heiter, manchmal fallen ihr die englischen Worte nicht ein, dann verwendet sie stattdessen französische. Paravent. Écoute.

Anlass des Treffens ist ihr neues Album, Anlass des Albums ist ein Todesfall. Charlotte Gainsbourgs Alben hatten auch früher oft mit dem Tod zu tun, sagt sie. Ihr zweites Album, "IRM", folgte auf einen Unfall, der sie beinahe das Leben kostete. "Rest" ist nun von ihrer Schwester, Kate Barry, inspiriert. Kate Barry kam im Dezember 2013 ums Leben. Sie war allein in ihrer Wohnung und stürzte aus dem Fenster.

Es ist auffällig, dass die Familie vermeidet, von Suizid zu sprechen, obgleich Charlotte Gainsbourg zugleich sehr offen über ihre Trauer spricht, die auch dieses Album geprägt hat. Nicht nur die Texte, auch die Stimmung der Musik ist voller Widersprüche, wie ein Gefühl, das man nicht zu fassen kriegt. Die Texte für "Rest" schrieb sie selbst, aber ihr Mitstreiter und Produzent Sebastian Akchoté alias Sebastian mochte ihre Lyrics nicht, also ließ sie sie auf Rat ihrer Plattenfirma von anderen Autoren überarbeiten. Als sie die Entwürfe zurückbekam, waren sie besser, sagt sie. Rhythmischer, justierter. Ihre Zeilen sahen aus wie richtige Songs. Aber sie mochte sie nicht mehr. Ihre Fehler fehlten ihr.

In ihrem Kopf redet sie viel mit sich selbst, erzählt die Gainsbourg im Glastisch. Sie hatte nie imaginäre Freunde, aber immer einen imaginären Ratgeber. "Ich funktioniere nur, wenn ich jemanden habe, der über mir steht", sagt sie, "ich mag es nicht, alleine zu sein. Alleine zu wählen. Ich mag die Idee, dass mir jemand hilft. Darum habe ich jemanden erschaffen, der mir hilft."

Sie ist linkisch und gewandt, gleichzeitig lustloser Teenager und Diva

Diese ausgedachte Person war nicht immer dieselbe. Als sie klein war, stellte sie sich immer einen Mann vor. Er hatte eine eigene Persona und war stets schlecht gelaunt. Nach dem Tod ihres Vaters - sie war 19 - wurde er der Geist, an den sie sich wendete. Seit ihre Schwester gestorben ist, wendet Charlotte sich an sie. Sie stellt sich vor, sich mit ihr zu unterhalten. Auf diese Weise hält sie sie am Leben. "Ich sage es nicht oft, aber diese Gespräche sind sehr wichtig geworden. Ich war gestern in London, und ich ertappte mich dabei, wie ich auf der Straße mit mir selbst redete."

Stärker als früher in Chanson-Tradition

Charlotte Gainsbourg ist eine singuläre Erscheinung der gegenwärtigen Popkultur. Ihr Image als Musikerin steht konträr zu den Lars-von-Trier-Exzessen, die ihr Image als Schauspielerin prägen. "Deadly Valentine" und der Titelsong "Rest" sind die stärksten Songs auf dem neuen Album. Musikalisch steht "Rest" deutlich stärker als die früheren Alben in der französischen Chanson-Tradition, mit Anklängen an die Achtziger. Der Disco-Funk-Beat von "Deadly Valentine" stampft trocken, die Bassline knackig, dazu singt sie mit Kinderstimme immer dieselbe Tonfolge. Im Song "Rest" bilden die Synthesizer mit dem warmen Bass organische Kaskaden, die Loops schnurren derweil mit technischer Präzision ab, was einen schönen Kontrast erzeugt: Die Musik folgt einer eigenen Dialektik aus Innerlichkeit und Getriebenheit.

Eine Kombination, die auch die Ausstrahlung von Charlotte Gainsbourg ausmacht — eine Mischung aus Trotz und Schüchternheit, Herzlichkeit und fast autistisch wirkender Verkapselung. Sie ist linkisch und gewandt, lustloser Teenager und Diva, knochig-sehnig und weiblich. Ihr Gesicht eine irritierend schöne Mischung ihrer Eltern - auch deshalb so irritierend, weil beider Gesichter so gut erkennbar bleiben.

Apropos Gesichter: Es gibt bisher drei Videos zum Album, zu "Rest", "Deadly Valentine" und "Ring-A-Ring O' Roses". In letzterem streift ein junger Mann mit einer ausgesprochen großen Nase durch eine Stadt, in "Deadly Valentine" wird ein Paar durch vier Lebensalter begleitet. Die Lebensphase des Erwachsenseins wird von Gainsbourg selbst dargestellt, ihre Teenagerversion hat, genau, eine beeindruckend schöne und große Nase. Offenbar identifiziert Gainsbourg sich mit Menschen mit großen Nasen. In "Rest" gibt es nur Charlottes eigene Nase, und die ist, nun, sehr normal proportioniert. Vielleicht schaut sie im Video auch deswegen so traurig?

In der Mitte des Interviews geschieht dann etwas Seltsames. Gainsbourg erzählt eine Kindheitsgeschichte von sich und ihrer Schwester, die als Kinder, von Kindermädchen verängstigt, unter ihr Kinderbett pinkelten, weil sie sich nicht trauten, ins Bad zu gehen. Davon, wie sie mit dem Geruch des Urins aufwuchs. Seltsam daran ist nicht die Geschichte an sich, sondern, dass sie sie wortwörtlich einige Stunden vorher oder nachher schon einer anderen Zeitung erzählte. Aber nicht nur ungefähr, sondern aufs Wort genau, dieselben Wendungen, die überrascht vorgetragene Erkenntnis am Ende. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Künstler sich einen Fundus an Anekdoten zurechtlegen, um Alben zu bewerben. Meist sind das jedoch Anekdoten zur Tour, zum Gitarrist, der sich den Arm gebrochen hat.

Die ungeschminkte Stelle im Nacken der Geishas faszinierte sie besonders

Aber auch wenn sie mit der Uringeschichte Intimität vortäuscht: Charlotte Gainsbourg ist ein Profi. Sie ist mit dreizehn zum Teeniestar geworden. So jemand plaudert nicht spontan aus seinem Privatleben. Was vielleicht auch die Schuld der Journalisten ist, die wieder und wieder nach ihren Eltern und ihrer Vernachlässigung als Kind fragen. Die Uringeschichte passt da nur allzu perfekt: Eine Story, die alle Klischees über sie befriedigt, alle vorgefassten Annahmen. Manchmal muss man sich offenbaren, um sich nicht offenbaren zu müssen. Eine Linie, die sich durchzieht vom Mädchen mit dem erfundenen Tagebuch - bis jetzt.

Vor einiger Zeit reiste Gainsbourg nach Tokyo, um ihre Mutter, Jane Birkin, zu filmen. Es war eine Ausrede dafür, bei ihr zu sein, ihr zuzusehen, sagt sie. Sie wirklich anzusehen. Für Charlotte Gainsbourg und ihre Mutter hat Japan eine besondere Bedeutung, weil ihre Schwester Kate das Land liebte. Nach Jane Birkins Konzert besuchten sie in Kyoto eine Geisha-Bar. Charlotte Gainsbourg hatte gedacht, die Frauen würden sich schämen, für Prostituierte gehalten zu werden. Aber sie seien einfach nur sehr stolz gewesen: "Wenn ich ein Mann wäre - ich wäre durchgedreht!" Besonders faszinierten sie die schwarz gefärbten Zähne der im Gesicht und Hals traditionell weiß geschminkten Geishas. Und die Stelle im Nacken, die nicht mit weißer Farbe bedeckt war.

© SZ vom 25.11.2017/cag
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