Süddeutsche Zeitung

Charlize Theron:Monstermäßig schön

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Für ihre Darstellung einer US-Serienmörderin bekam sie 2004 den Oscar in der Kategorie "Beste weibliche Hauptrolle". Leider ist es nicht das, wofür Charlize Theron wirklich bewundert wird. Eine Begegnung in Berlin.

Kristin Rübesamen

Die Tür geht auf und ein Mythos geht kaputt. Das Wesen, das da gerade ins Hotelzimmer schwebt, ist der Beweis dafür, dass Schönheit eben doch nicht von innen kommt. Wie unermüdlich auch immer Feministinnen gegen die Marketingstrategien von Beautychirurgen kämpfen - jede von ihnen würde jetzt, hier, in diesem Moment, nur sprachlos sein. Zwischen weißgoldenen Locken strahlen smaragdgrüne Augen. Eine Stupsnase wie aus dem Hause Mattel. Die pfirsichfarbene Haut ist, dank kosmetischer Behandlungen, porenlos, ja sie wirkt fast wie aus einem neuartigen, hochwertigen Kunststoff. Wäre da nicht diese klappernde Raucherstimme, man würde meinen, einer Menschenpuppe gegenüberzusitzen.

Einer, die vor dem Interview nicht richtig aufgezogen wurde. Die Fragen werden fast mechanisch beantwortet.

Man hätte sich das aber denken können. Schließlich ist die Frau im melierten Wollkostüm, die sich einen grünen Tee mit Honig bestellt, nicht für ihre Gedichte berühmt. Als der Tee kommt und sie vergisst, sich zu bedanken, flucht sie sich selbst so an, dass der exakte Wortlaut hier unmöglich hingeschrieben werden kann. Den Trick mit dem Fluchen kennt man von ihr, und trotzdem rührt er einen: Sie will uns auf diese Weise helfen, auf dem Boden zu bleiben, aber die Tatsachen sind zu überwältigend, die Augen, die Haut, siehe oben.

Wer unbedingt daran festhalten will, dass Schönheit von innen kommt, der sollte sich mal mit Charlize Theron an den Tisch setzen, so nah, dass man jederzeit kräftig in die sorgsam enthaarten Unterarme zwicken könnte, nur, um sich zu versichern, dass sie wirklich lebt und vor einiger Zeit auf die Welt gekommen ist - wie wir. Aber nicht gealtert ist.

Es wird immer erwähnt, wie Charlize Theron, die heute zur sogenannten A-List von Hollywood gehört, auf einer Farm in Südafrika aufgewachsen ist, "umringt von vielen Tieren", als würde ihr das ein gewisses Maß an Natürlichkeit verleihen. Aber sie besitzt nicht diese unschuldige Schönheit, wie sie Mädchen haben, die, sagen wir, irgendwo in Weißrussland auf dem Dorf aufgewachsen sind, dort Gemüse verkaufen, und gar nicht wissen wie unglaublich schön sie sind, bis sie irgendwann bei einem Ausflug in die nächstgrößere Stadt von einem Modelscout entdeckt werden . . .

Es gab eine Zeit, da war die schöne Charlize auf Schönheits-Diät. Für ihre Rolle der ersten weiblichen Serienmörderin im Film "Monster" futterte sie sich 2003 gut fünfzehn Kilo drauf und trug im Film eine Maske mit verrotteten Zähnen und strähnigen Haaren. Die Kritiker waren hingerissen, sie bekam den Oscar. Eine Weile noch hielt sie ihre Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger mit der brennenden Spitze nach innen gedreht, wie es nur grobe Kerle tun. Und sie kippte an Filmtheken so viel Schnaps in sich hinein, bis auch der Letzte kapierte, dass sie verdammt noch mal nicht eitel ist. "Jedes Drehbuch, in dem eine Frau ein Alkoholproblem hatte und aus der Unterschicht kam, landete nach ,Monster' in meinem Briefkasten."

Diese Zeiten sind vorbei.

In ihrem neuen Film "Schneewittchen und der Jäger" spielt sie das genaue Gegenteil. Angesprochen auf die schönheitssüchtige Königin Ravenna, antwortet Charlize Theron gelangweilt: "Um das gleich klarzustellen, ich habe nichts gegen Cremes und solche Sachen. Die stehen bei mir auch im Bad. Aber man darf es auch nicht übertreiben." Warum eigentlich nicht? Ravennas Strategie setzt den Botox-Exzessen in Hollywood schließlich ein Krönchen auf; sie jagt den ganzen Film über dem Herz von Schneewittchen (Kristen Stewart) nach, um es sich einzuverleiben - quasi die Bio-Pille gegen das Altern.

Also: Ist der Plot nicht sehr realistisch - wo doch viele Frauen heutzutage alles tun, um möglichst lange jung zu bleiben? Charlize Theron: "Das ist ein Märchen."

"Wenn Sie die Worte hören Es war einmal . . . - was klingt da in Ihnen an?"

"Nichts, absolut nichts."

Tja, das war als Einleitung in ihre dunkle Vergangenheit gedacht. Es war nämlich einmal vor vielen Jahren, als die kleine Charlize eines Nachts von Schüssen geweckt wurde und miterleben musste, wie ihre Mutter ihren betrunkenen Vater in Notwehr erschoss. Die Mutter wurde nie verurteilt und ist heute die beste Freundin ihrer Tochter. Hat sie der Vorfall dazu gebracht, mit 18 Jahren Südafrika zu verlassen? Und mit einem Koffer und ein paar hundert Dollar in Hollywood ihr Glück zu versuchen? Nur soviel: "Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass ich etwas wert bin, unabhängig von meinem Äußeren, sodass ich ein gesundes Selbstvertrauen bilden konnte."

Aber genau dieses Äußere war der Grund, weshalb sie einem Agenten in einer Schlange am Hollywood Boulevard auffiel; es folgte ihre erste Rolle in einem Horrorstreifen. Frauen wie Charlize Theron haben im Film ("Kaltes Land") beste Freundinnen wie Frances McDormand, die in der Presse "Charakterdarstellerin" genannt werden, aber nie den Sieg davontragen, wenn es darum geht, die Wirklichkeit zu verändern.

"Schönheit ist meine Waffe", sagt Ravenna und damit den einzig geraden Satz in diesem Film. Schönheit ist auch die Waffe von Charlize Theron, und es ist so mühsam, dass sie es nicht einfach zugibt. Weil man sie dann fragen würde, wofür sie diese Schönheit einsetzt - oder: wogegen? Die Behauptung von Ernesto Che Guevara, dass "Schönheit und Revolution . . . kein Widerspruch (sind)", klingt, wenn man so einer Hollywood-Beauty gegenübersitzt, wie ein schlechter Witz. Schönheit hat kein revolutionäres Potenzial. Es gibt höchstens revolutionäre Schönheitsmittel.

Die Beautyindustrie hat die perfekte Charlize längst für sich eingespannt. Die 36-Jährige ziert regelmäßig Cover, aktuell die britische Vogue; außerdem war sie Model für das Dior-Parfüm "J'adore". Im Spot, der im Schloss von Versailles spielt, boxt sie sich durch eine fein gekleidete Menge, drückt ihre Handtasche einem Bediensteten in die Hand und lässt sich - von einer brünetten Widersacherin beobachtet - ein Diamantencollier umlegen, bevor sie im goldenen Kleid auf den Laufsteg schwebt: blond, rücksichtslos, zu schön für diese Welt.

Stars müssen immer wieder den Neid des Publikums zähmen - indem sie ihre Hypernormalität vorführen. Sie tragen Babys in Tragetüchern durch Bel Air, holen sich Pappbecher an Tankstellen, blamieren sich in TV-Shows wie "Saturday Night Life" und lassen auch mal eine Pediküre sausen. Eine alte Masche zwar, aber eine, die immer noch funktioniert.

Überhaupt nicht glaubt man es, wenn sie sagt, dass sie "mit beiden Beinen auf dem Boden" stehe. Im Moment handelt es sich dabei um einen der teuersten Quadratmeter Berlins, vor der Tür warten seit Stunden ihre Fans in der Hoffnung, einen Blick auf die Schauspielerin zu werfen. Man plaudert noch kurz über Obamas Chancen auf eine Wiederwahl (sie drückt die Daumen), die Occupy-Bewegung (ganz wichtig), die Gartenarbeit der Mutter in L.A. (sie könnte mit Tomaten das ganze Viertel ernähren!).

Je privilegierter ein Leben ist, desto leichter assoziiert das Publikum Einsamkeit damit. Jedenfalls schließen sich allein stehende Frauen dieser Klasse auffallend oft Hilfsprojekten an, oder sie kriegen ein Baby, auf eine für das eigene Äußere unproblematische Art: Adoption. "Einen Lottogewinn für das Baby" nannten US-Klatschmagazine die Entscheidung der Schauspielerin im März dieses Jahres, ein afroamerikanisches Baby zu adoptieren. Und die Männer? Lieber über Baby Jackson reden.

Wenn ihr Söhnchen groß ist, werden Wissenschaftler ganz bestimmt die Formel für die ewige Jugend gefunden haben. Oder Pillen, die jede Altershaut in Säuglingszustand zurück versetzen. Vielleicht wird dann der Stern von Frauen wie Charlize Theron sinken.

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Quelle:
SZ vom 26.05.2012
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