Charlie Chaplins Hitler-Parodie Führer befiehl, wir lachen!

Aber mit der Zeit versiegte das Lachen, und in dem stickigen Kino breitete sich erst peinliche, dann betroffene Stille aus. Bei den KZ-Szenen lachte niemand mehr. Kaum war der Film zu Ende, begann aufgeregtes Tuscheln. Insgesamt war es für die Zuschauer ein Albtraum gewesen. Über die Tragödie des Nazismus konnten sie nicht lachen. Viel zu nahe war ihnen noch die Zeit, da sie selbst ihrem Großen Diktator zugejubelt hatten."

Die Vorstellung gehörte zu den "Re-education"-Versuchen der alliierten Befreier. Zur pädagogischen Entnazifizierung dienten zunächst die Filmdokumente über das KZ-System. Doch diese "atrocity films", wie es in der Re-education-Sprache hieß, wurden von der Bevölkerung nicht wirklich "angenommen". Billy Wilder, Emigrant aus Wien und mittlerweile US-Bürger, hatte aus dem Material, das die Alliierten bei der Befreiung der KZs gedreht hatten, den Film "The Mills of Death" zusammengestellt. Die "Todesmühlen" liefen im April 1946 eine Woche lang in sämtlichen Kinos des amerikanischen Sektors von Berlin. Die ICS-Berichte belegen für diese Woche rund 40 Prozent weniger Kinogänger.

Die Berliner wollten leichte Kost aus Hollywood, die sie die Alltagssorgen vergessen ließ - und die Vergangenheit erst recht. Wilder hatte im August 1945 eine Denkschrift über "Propaganda durch Unterhaltung" verfasst. Seine Ausgangsfrage lautete: "Werden die Deutschen jede Woche ins Kino kommen, um den schuldbewussten Schüler zu spielen?" Nein, war die Antwort, sie würden bei pädagogischen Vorführungen "apathisch vor sich hin dösen und erst aufwachen, wenn Rita Hayworth auf der Leinwand erscheint". Die filmpolitische Wende passte sich an diese Diagnose an.

Das Gerücht vom Juden Chaplin

Das aufzuklärende Volk hatte auf die "atrocity films" eher verbockt reagiert. Von hungernden Menschen, räsonierte der dänische Journalist Stig Dagerman bei einer Deutschlandreise 1946, sei kaum die Einsicht zu erwarten, dass sie für ihren Hunger selbst verantwortlich waren.

Als im August 1945 die "Dreigroschenoper" im Hebbel Theater Premiere hatte, berichtete der ICS-Beobachter, am heftigsten bejubelt habe das Publikum die Zeile: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Das relativiert die These, dass die Menschen im Kino oder im Theater nicht an ihren Alltag erinnert sein wollten.

Im Herbst 1945 sparten sich die Berliner die Groschen vom Munde ab, um Charlie Chaplins "Goldrausch" zu sehen. Die ICS berichtet von Schlangen vor den Kinos, in denen der Film mit der berühmtesten Hungerszene spielte: Der Tramp Charlie schlägt sich den Magen voll, ohne satt zu werden, indem er eine gekochte Schuhsohle so andächtig verspeist wie ein zartes Filet.

Der Hunger auf "Goldrausch" war auch Ergebnis eines Zwangsfastens. Obwohl Chaplin vor 1933 der liebste Kinostar der Deutschen gewesen war, hatte das Nazi-Regime ihnen alle seine Filme vorenthalten. Dabei war es im März 1931, als Charlie Chaplin in Berlin eintraf, zum größten Volksauflauf gekommen, den die Hauptstadt zwischen den revolutionären Tagen von 1918 und dem Fackelzug der Nazis am 30. Januar 1933 erlebt hat. "Widerlicher Rummel um den Kriegshetzer Chaplin" titelte das Goebbels-Blatt "Der Angriff".

Während der NS-Diktatur war den Kinogängern Chaplin, obwohl die Nazis seine Filme verboten hatten, dann noch einmal im Kino begegnet - im schmählichsten aller rassistischen Propagandastreifen: "Der ewige Jude" kam 1940 in die Kinos. Die meisten Deutschen haben ihn gesehen, an der "Heimatfront" gehörte er zu den staatsbürgerlichen Pflichten.

Der Film zeigte neben Tucholsky und Einstein auch Charlie Chaplin - wie er 1931 von den Berlinern umjubelt wurde. Kommentar: "Es lässt sich nicht leugnen, ein Teil des deutschen Volkes applaudierte damals ahnungslos den zugewanderten Juden, den Todfeinden seiner Rasse." Gegen Schluss des Filmes huschen Ratten durchs Bild.