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Charlie Chaplins Hitler-Parodie:Führer befiehl, wir lachen!

Re-Education als Abendunterhaltung: 1946 zeigten die Amerikaner ahnungslosen Berlinern Chaplins Hitler-Farce "Der große Diktator", um zu testen, wie die Deutschen darauf reagieren.

Niels Kadritzke

"Angekündigt war der Film ,Kitty Foyle', der in Berlin als ,Fräulein Kitty' läuft. Die Menschen, die zu den Kronen-Lichtspielen schlenderten, wollten lachen, auch ein paar Tränen verdrücken, aber in erster Linie wollten sie Deutschland vergessen. Doch daraus wurde nichts, denn man hatte das Programm geändert. Statt ,Kitty Foyle' gab es Chaplins ,The Great Dictator'."

chaplin hitler

Szene aus "Der große Diktator": Diktator Hynkel (Charles Spencer Chaplin) schwingt sich zum Führer des tomanischen Reiches auf. Er drangsaliert die jüdische Bevölkerung und bereitet die Invasion seines Nachbarlandes vor. Doch dann wird ein Barbier, der Hynkel ähnelt, mit dem Diktator verwechselt.

(Foto: Foto: dpa/SAT.1)

Diese Nachricht stand am 19. August 1946 im US-Magazin "Time". Dass den Kinogängern im westlichen Stadtteil Steglitz ein ganz anderer Film vorgeführt wurde, hatte die Information Control Section (ICS) eingefädelt. Als Organ der US-Besatzungsbehörde hatte sie die Stimmung im Lande zu erkunden. In dem Steglitzer Kino machte die ICS ahnungslose, unterhaltungsbegierige Berliner zu Versuchskaninchen.

Der "Time"-Bericht schildert, wie das Publikum reagierte: "Die Deutschen lachten, als Chaplin in der Rolle des jüdischen Frisörs einen Kunden zu Brahms-Musik rasiert. Sie lachten über Chaplin als Diktator Hynkel, der einen Ballonglobus umtanzt, bis dieser ihm ins Gesicht explodiert.

Führer befiehl, wir lachen!

Aber mit der Zeit versiegte das Lachen, und in dem stickigen Kino breitete sich erst peinliche, dann betroffene Stille aus. Bei den KZ-Szenen lachte niemand mehr. Kaum war der Film zu Ende, begann aufgeregtes Tuscheln. Insgesamt war es für die Zuschauer ein Albtraum gewesen. Über die Tragödie des Nazismus konnten sie nicht lachen. Viel zu nahe war ihnen noch die Zeit, da sie selbst ihrem Großen Diktator zugejubelt hatten."

Die Vorstellung gehörte zu den "Re-education"-Versuchen der alliierten Befreier. Zur pädagogischen Entnazifizierung dienten zunächst die Filmdokumente über das KZ-System. Doch diese "atrocity films", wie es in der Re-education-Sprache hieß, wurden von der Bevölkerung nicht wirklich "angenommen". Billy Wilder, Emigrant aus Wien und mittlerweile US-Bürger, hatte aus dem Material, das die Alliierten bei der Befreiung der KZs gedreht hatten, den Film "The Mills of Death" zusammengestellt. Die "Todesmühlen" liefen im April 1946 eine Woche lang in sämtlichen Kinos des amerikanischen Sektors von Berlin. Die ICS-Berichte belegen für diese Woche rund 40 Prozent weniger Kinogänger.

Die Berliner wollten leichte Kost aus Hollywood, die sie die Alltagssorgen vergessen ließ - und die Vergangenheit erst recht. Wilder hatte im August 1945 eine Denkschrift über "Propaganda durch Unterhaltung" verfasst. Seine Ausgangsfrage lautete: "Werden die Deutschen jede Woche ins Kino kommen, um den schuldbewussten Schüler zu spielen?" Nein, war die Antwort, sie würden bei pädagogischen Vorführungen "apathisch vor sich hin dösen und erst aufwachen, wenn Rita Hayworth auf der Leinwand erscheint". Die filmpolitische Wende passte sich an diese Diagnose an.

Das Gerücht vom Juden Chaplin

Das aufzuklärende Volk hatte auf die "atrocity films" eher verbockt reagiert. Von hungernden Menschen, räsonierte der dänische Journalist Stig Dagerman bei einer Deutschlandreise 1946, sei kaum die Einsicht zu erwarten, dass sie für ihren Hunger selbst verantwortlich waren.

Als im August 1945 die "Dreigroschenoper" im Hebbel Theater Premiere hatte, berichtete der ICS-Beobachter, am heftigsten bejubelt habe das Publikum die Zeile: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Das relativiert die These, dass die Menschen im Kino oder im Theater nicht an ihren Alltag erinnert sein wollten.

Im Herbst 1945 sparten sich die Berliner die Groschen vom Munde ab, um Charlie Chaplins "Goldrausch" zu sehen. Die ICS berichtet von Schlangen vor den Kinos, in denen der Film mit der berühmtesten Hungerszene spielte: Der Tramp Charlie schlägt sich den Magen voll, ohne satt zu werden, indem er eine gekochte Schuhsohle so andächtig verspeist wie ein zartes Filet.

Der Hunger auf "Goldrausch" war auch Ergebnis eines Zwangsfastens. Obwohl Chaplin vor 1933 der liebste Kinostar der Deutschen gewesen war, hatte das Nazi-Regime ihnen alle seine Filme vorenthalten. Dabei war es im März 1931, als Charlie Chaplin in Berlin eintraf, zum größten Volksauflauf gekommen, den die Hauptstadt zwischen den revolutionären Tagen von 1918 und dem Fackelzug der Nazis am 30. Januar 1933 erlebt hat. "Widerlicher Rummel um den Kriegshetzer Chaplin" titelte das Goebbels-Blatt "Der Angriff".

Während der NS-Diktatur war den Kinogängern Chaplin, obwohl die Nazis seine Filme verboten hatten, dann noch einmal im Kino begegnet - im schmählichsten aller rassistischen Propagandastreifen: "Der ewige Jude" kam 1940 in die Kinos. Die meisten Deutschen haben ihn gesehen, an der "Heimatfront" gehörte er zu den staatsbürgerlichen Pflichten.

Der Film zeigte neben Tucholsky und Einstein auch Charlie Chaplin - wie er 1931 von den Berlinern umjubelt wurde. Kommentar: "Es lässt sich nicht leugnen, ein Teil des deutschen Volkes applaudierte damals ahnungslos den zugewanderten Juden, den Todfeinden seiner Rasse." Gegen Schluss des Filmes huschen Ratten durchs Bild.

Führer befiehl, wir lachen!

Chaplin galt den Nazis nicht als Todfeind, weil sie ihn für einen Juden hielten. Es war umgekehrt: Weil er ihr Feind war, machten sie ihn zum Juden. Nach seiner Europareise von 1931 hatte er gewarnt: "In Europa greift überall der Patriotismus um sich, das muss in einen neuen Krieg münden."

Chaplin war nicht der einzige Feind, den die Nazis zum Juden ernannten. Doch in seinem Fall hat sich die Fama gehalten, weil er das Gerücht bewusst nicht korrigierte. In seinen Augen wäre ein Dementi nur Wasser auf die Mühlen des Antisemitismus gewesen. In dem Propagandaband "Juden sehen Dich an" von 1933 wird ein Bild des kleinen Tramp mit dem Hitlerbärtchen mit den Worten kommentiert: "Dieser ebenso langweilige wie widerwärtige kleine Zappeljude(...)"

Das ist ja der Adolf!

Als "The Great Dictator" entstand, hatte das Wort "Endlösung" noch nicht seine heutige Bedeutung, und der Begriff KZ ließ noch nicht an "Vernichtungslager" denken. 1964 schrieb Chaplin in seiner Autobiografie, er habe 1940 vor allem den rassistischen "Unsinn" der Nazis verspotten wollen: "Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können."

Dachten so auch die Berliner Kinogänger, die Chaplins Film 1946 nicht richtig lustig fanden? Einen Ansatzpunkt, die Motive und Reaktionen dieser Nachkriegsdeutschen zu rekonstruieren, bieten die Berichte der ICS-Leute, die "The Great Dictator" testen ließen:

Der Film wurde zweimal vorgeführt. Die erste Vorstellung fand vor speziell geladenen Zuschauern statt, die der US-Behörde als "in jeder Hinsicht überdurchschnittlich qualifiziert" galten. Es handelte sich um deutsche Kulturschaffende, die für die Reeducation-Pläne der Siegermächte eine wichtige Rolle spielten. Dieses Publikum wusste, welcher Film sie erwartete. Dagegen erfuhren die meisten Besucher der zweiten Vorführung, von der eingangs die Rede war, erst im Kino, dass ihnen Chaplins Hitler blühte.

Wunsch nach Aufschub

Nach beiden Vorstellungen wurde ein Fragebogen ausgehändigt. Die ICS-Leute wollten wissen: "Wie hat Ihnen der Film gefallen?" Und vor allem: "Soll er dem breiten Publikum zugänglich gemacht werden?" Von den jeweils 500 verteilten Fragebogen wurden nach der ersten Vorstellung nur 144, nach der zweiten 232 abgegeben. Wertet man die ausgefüllten Fragebogen, so erzielte der Film eine hohe Zustimmungsquote. Als "hervorragend" oder "gut" wurde er am ersten Abend von 75 Prozent, am zweiten von 84 Prozent bewertet.

Die Frage, ob "The Great Dictator" in die deutschen Kinos kommen solle, bejahten 69 bzw. 62 Prozent. Entscheidend ist freilich die Frage, was die Zuschauer dachten, die den Bogen nicht ausfüllten. Wertet man ihre Abstinenz als Ablehnung, wäre dies eine klare Mehrheit gegen die Idee, den Film einem breiten Publikum zuzumuten. In den Zahlen steckt ein weiterer Hinweis. Die Skepsis war bei den ausgewählten und informierten Zuschauern größer als bei den Versuchskaninchen.

Die Gründe benennt der Theaterkritiker Friedrich Luft in seinem Bericht für den Tagesspiegel. Er artikuliert das Unbehagen eines Nazigegners, dem die jüngste Geschichte so ernst ist, dass er sie nicht mal dem besten aller Komiker überlassen will: "Uns ist der originale Spaß zu teuer gekommen, als dass wir jetzt schon die Satire davon heiteren Auges sehen könnten. Darum zeige man uns diesen Film jetzt nicht. Vielleicht später. Sehr viel später."

Diesen Wunsch nach Aufschub hatten auch die römischen Zuschauer empfunden, als ihnen die Amerikaner im Oktober 1944 "The Great Dictator" im gerade befreiten Rom zeigten. Die "New York Times" berichtete damals, nach dem Film sei das Publikum " wie betäubt aus dem Kino" gegangen. Die Zeitung mutmaßte hierzu: "Die Menschen haben ihn lange bewundert und lassen sich heute nicht gerne sagen, dass sie einem Hanswurst nachgelaufen sind."

Zu nah an der Hornhaut

Über die Reaktionen des Berliner Publikums gibt es sporadische Hinweise in der New York Times vom 10. August 1946. Der Bericht beruft sich auch auf "amerikanische Beobachter", die als Lauscher im Publikum saßen. Er vermerkt zwar hin und wieder "brüllendes Gelächter und sogar Applaus".

Aber der Haupteindruck ist, dass die Leute ihre Emotionen kontrollierten. "Spontanes Gelächter" gab es nur über die Göring-Parodie mit Doppelkinn und Ordensbrust. "Irritiert und verletzt" reagierten sie dagegen, als Chaplin als Diktator in einer Sprache losrattert, die mit ihren Urlauten und Wortfetzen das Panzerkettenstakkato einer Hitlerschen Drohrede imitiert. Man könnte diese Reaktionen auch so interpretieren: Schadenfreude für den eitelsten ihrer ehemaligen Führer - aber Betroffenheit ob der Beleidigung ihrer Sprache, deren Erniedrigung durch die Nazis sie zwölf Jahre lang anstandslos hingenommen hatten.

George Clare wurde 1920 als Georg Klaar in Wien geboren. Seine jüdische Familie musste 1938 emigrieren. 1946 war er Kontrolloffizier bei der britischen Militärverwaltung. Seine amerikanischen Kollegen hatten ihn zum Testlauf des Chaplin-Films eingeladen. In einem Interview 1999 interpretierte der Publizist die ICS-Umfrage zurückhaltend: "Fragebogen waren damals nicht populär, jeder musste ständig Bogen ausfüllen. Die Deutschen hatten Angst: Was machen die da draus, was passiert damit?"

Er selbst glaubte rückblickend, dass es im Publikum von 1946 zwei unterschiedliche Bedenken gab, die gegen "The Great Dictator" vorgebracht wurden: Einer Minderheit war der Film zu weit weg von der erlittenen Realität, der großen Mehrheit trat er zu nahe. Wer das Dritte Reich als Furcht und Elend erlebt hatte, musste denken: "Nein, der Film wird dem Ernst nicht gerecht."

Die anderen zeigten mit ihrer Reaktion, dass sie erst gar nicht erinnert werden wollten. Und dann unterlief Clare eine wunderbare Formulierung: "Es war alles zu nahe der eigenen Hornhaut." Hornhaut ist eine Schutzschicht, die sich unter Druck bildet. Mit Anritzen ist ihr nicht beizukommen. Die Nachkriegshornhaut der Deutschen schützte gegen jede moralische Frontalbelehrung, und sie wurde mit jedem Tag des eigenen Elends härter. "Das Selbstmitleid war damals die deutsche Nationalhymne," sagte Clare. "Der Durchschnittsdeutsche weinte um sich selbst."

Hitler hat Hynkel nie gesehen

Dass es bei den beiden Test-Vorführungen geblieben ist, hing auch mit den politischen Entwicklungen zusammen. In Clares Augen hat die Kulturpolitik der Alliierten schon damals auf den heraufziehenden Kalten Krieg reagiert: "Es war ein Wettlauf um die Gunst der besiegten Deutschen. Die wichtigste Frage lautete: Macht eine Maßnahme die Deutschen russenfeindlicher oder amerikafeindlicher?"

Was diese Systemkonkurrenz betrifft, so galt Chaplin 1946 schon nicht mehr als verlässlicher Vertreter der westlichen Sache. Als 1947 die Hexenjagd der McCarthy-Ära begann, gehörte Chaplin zu den Hauptverdächtigen.

Die zweite europäische Premiere erlebte "The Great Dictator" erst 1958, zwölf Jahre nach dem missglückten Berliner Test. In Deutschland war "Der große Diktator" zwar kein Kassenschlager, aber die meisten Kritiker würdigten den didaktischen Nutzen für die Nazi-Generation und die Nachgeborenen.

Dass viele ehemalige Hitler-Anhänger von dem Angebot Gebrauch gemacht haben, darf bezweifelt werden. Sicher wissen wir es nur von einem. Albert Speer, der herausragende Technokrat des Nazi-Regimes, hatte in den Siebziger Jahren mit dem "Großen Diktator" ähnliche Schwierigkeiten wie 25 Jahre zuvor der Antifaschist Friedrich Luft: Es sei nicht möglich, eine Satire über Hitler zu machen, sagte Speer 1975 einem amerikanischen Journalisten.

Doch eine Qualität des Films konnte der Architekt Speer kompetent beurteilen: Die bombastisch-bedrohliche Atmosphäre der Filmkulisse sei beklemmend der von ihm selbst entworfenen Reichskanzlei nachempfunden. Speer hat auch eine Frage beantwortet, über die schon 1945 viel spekuliert worden war.

In den USA war das Gerücht aufgekommen, eine Kopie des Filmes sei von Agenten des Dritten Reiches angekauft worden. Hitler habe sich "The Great Dictator" angesehen und anschließend vor Wut in den Teppich gebissen. Speer hat mit diesem Mythos aufgeräumt. Zwar habe sich die UFA im neutralen Portugal eine Kopie besorgt, aber die sei Hitler nie vorgeführt worden.

© SZ v. 12.1.2007
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