Süddeutsche Zeitung

Charlie Chaplin:Ein Tempel für den Tramp

Tonbänder, Bücher, seine metallene Stehhilfe: Ein riesiges Museum soll in der Schweiz an Stummfilmstar Charlie Chaplin erinnern. Und nebenbei Elvis' Graceland in den Schatten stellen.

Kalt ist es im Manoir de Ban, wie kann es anders sein? Draußen liegt Schnee, und in der Villa wohnt seit drei Jahren keiner mehr. Es riecht leicht säuerlich, wie nach Äpfeln. Monsieur Durand bringt in der Eingangshalle ein paar Glühbirnen zum Leuchten. Gleich links eine Standuhr aus dunklem Holz, mit dem Wort "LONDON" im Zifferblatt.

Zur Rechten die weiße steinerne Treppe, auf der sich die Frau eines früheren Besitzers den Hals gebrochen haben soll. Eine der blassblau gestrichenen Wände ist mit Nummern bekritzelt, hier stand das Telefon. Durand öffnet die große Tür zum Salon. Die Möbel sind weg, an der Decke zeigen Stromkabel die Stelle an, wo einst ein Kronleuchter hing.

Nur der hellbraune Flügel steht noch hier. In der Bibliothek nebenan aber hat sich fast nichts verändert seit Charlie Chaplins Tod: der quadratische Holzschreibtisch, an dem er seine Memoiren schrieb, die deckenhohen Regale mit ledergebundenen Sammelbänden der Magazine Punch und Strand - und einem Revox-Kassettengerät, Swiss made, dem Nonplusultra vor 40 Jahren.

Chaplins dritte Heimat

Manoir de Ban, ein Herrenhaus: Dieses ehemalige Weingut oberhalb von Vevey am Genfer See war, nach London und Hollywood, Chaplins dritte Heimat; hier lebte er die letzten 25 seines 89 Jahre langen Lebens. Das 15-Zimmer-Haus mit Alpenblick wurde weitgehend leergeräumt, aber eben nicht ganz, die Spuren des großen Clowns sind noch nicht verwischt. Überall kann man ihm begegnen: In einer Nische auf halbem Weg zum Keller lagern angerostete Filmdosen.

Chaplin musste die Rollen selbst aufbewahren, weil sie den Studios wegen des brennbaren Nitrats im Celluloid zu gefährlich waren. Chaplin war ein leidenschaftlicher Aufbewahrer. Im Keller stehen die Holzregale seines gigantischen Archivs, verstaubte Bücher, Tonbänder, Fotografien, ein Wörterbuch auf Suaheli. Einiges liegt in Haufen auf dem Steinboden. Auch in seinen Privaträumen im ersten Stock ist sein Geist noch zu spüren. Im Bad erinnert eine metallene Stehhilfe neben der Dusche an den gebrechlichen, alten Chaplin.

Aber wohl nicht mehr lange. Im kommenden Frühjahr beginnen im Manoir die Umbauarbeiten für ein Museum, das Graceland, die amerikanische Wallfahrtsstätte für Elvis Presley, in den Schatten stellen soll. 50 Millionen Franken werden investiert, um den Fans in aller Welt Chaplins Leben und Werk vorzustellen. "Wir wollen möglichst behutsam sein", sagt Yves Durand, einer der Köpfe hinter dem Projekt. Oberstes Ziel ist es, das Flair des Anwesens zu erhalten, das Mitte des 19. Jahrhunderts entstand.

Souvenirs, Familienalben, seine Lieblingsspeisen

Das Herrenhaus selbst wird Chaplins Leben gewidmet, es ist der private Teil der Ausstellung. Hier werden Möbel, Bücher, Manuskripte, Kunstgegenstände, Souvenirs und Familienalben gezeigt, an vielen Stellen begleitet von Chaplins Stimme. In den Kellerräumen wird die Armut seiner Kindheit in London dargestellt, die Fahrt über den Atlantik. In der Küche sind seine Lieblingsspeisen zu sehen, im ersten Stock kann die Weihnacht 1977 nachempfunden werden, als Chaplin die Welt verließ; im zweiten Stock, wo die Kinder von Charles und Oona Chaplin wohnten, entstehen eine Galerie und Räume für Empfänge.

Durand führt in die alte Holzscheune gleich nebenan, die ihr Äußeres behält, aber entkernt wird, hier ziehen Ticketverkauf, Shop und Café ein. Die architektonisch wichtigste Neuerung betrifft die bisherige Garage, in deren Einliegerwohnung Gäste wie Michael Jackson übernachtet haben. Sie wird mit einem in den Hang gelegten Bau verlängert, der bis zu acht Meter tief in den Boden reicht. Er bietet Platz für eine Ausstellungshalle und ein 200-Personen-Kino. Das ist der Hollywood-Teil des Konzepts, hier sollen die Besucher Chaplins Werk erfahren.

Liebe und Bewunderung für gute Stimmung

Sie sehen ein Multimedia-Spektakel, schreiten durch die Leinwand in einige Kulissen seiner berühmtesten Streifen, können auch einfach nur Filme schauen. "Wir wollen das 20. Jahrhundert abbilden, aber mit der Technik des 21.", sagt Durand stolz. Gleichzeitig soll es ein "grünes" Museum werden: Die Energie kommt aus Sonnenkraft und Erdwärme, die Parkplätze verlieren sich in der Landschaft, und der 14 Hektar große Park mit den jahrhundertealten Bäumen und den Rosen, Chaplins Lieblingsblumen, er wird kaum angerührt, nur mit ein paar Skulpturen und Wegen versehen, die die Besucher zur weißen Kolonnadenfassade des Manoir führen, zu der berühmten Terrasse, auf der die Chaplins fast den ganzen Sommer verbrachten. Nur die Hirsche, die jetzt noch im Park wohnen, werden wohl ausziehen müssen.

Die Schweizer Jahre. Von 1952 an brachten sie endlich Ruhe, vielleicht Zufriedenheit in Chaplins Leben. Freiwillig war er nicht ins Exil gegangen. Das Amerika der McCarthy-Ära hatte dem überzeugten Humanisten nach einer Europareise die Rückkehr verweigert. Mit seiner Frau Oona und den vier Kindern ging er in die Schweiz, die prominente Regisseure damals noch in Ruhe ließ. Und kaum Steuern verlangte. In Gstaad, wo er sich zuerst umschaute, war es ihm zu eng, dann entdeckte er das Manoir, "eines der schönsten Häuser Europas", wie Oona meinte.

36 Jahre Altersunterschied

Die hübsche Tochter des amerikanischen Dramatikers Eugene O'Neill hatte auf eine eigene Karriere als Schauspielerin verzichtet und ihr Leben in den Dienst ihres 36 Jahre älteren Mannes gestellt, dessen vierte Frau sie 1943 geworden war. Sie kümmerte sich um das neue Zuhause, hielt Chaplin, dessen Stimmung schwanken konnte, mit ihrer Liebe und Bewunderung bei Laune und brachte bis 1962 weitere vier Kinder zur Welt.

Täglich nach dem Frühstück trieb sie ihn zur Arbeit, die Chaplin bis zum Lebensende nicht losließ. Zwei große Spielfilme produzierte er noch in diesen Jahren: "Ein König in New York" (1957, mit Sohn Michael in einer Nebenrolle), den die Kritiker wohlwollend aufnahmen, sowie "Die Gräfin von Hongkong (1967, mit Marlon Brando und Sophia Loren), der zumindest in Großbritannien grausam verrissen wurde, was den durchaus eitlen Chaplin fürchterlich wurmte. Daneben schrieb er an seiner Autobiographie, schnitt alte Werke um, komponierte Filmmusik - und empfing im Manoir berühmte Künstler seiner Zeit, Jean Cocteau, Graham Greene, Noël Coward, Ian Fleming. 1972 erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk - es war eine Art Versöhnung mit den USA - sowie einen britischen Adelstitel.

Stolz auf den Gast

"Mein Vater genoss das normale Leben in der Schweiz", sagt Sohn Eugene, geboren 1953. Chaplin tat viel, um einigermaßen heimisch zu werden am Lac Léman. Er ging zum Essen in die Stadt, besuchte Feste, schickte seine Kinder auf die Schulen der Umgebung, lud zu Empfängen in den Garten, spendete Geld. Das Französisch der Waadtländer aber lernte er nie, so wie er auch seine britische Staatsbürgerschaft behielt, weil er sich ohnehin als "Weltbürger" sah.

Die Schweizer waren außerordentlich stolz auf den berühmten Gast, was die Berner Regierung indes nicht daran hinderte, ihn in all den Jahren kontinuierlich zu beschatten, man konnte nie wissen, angeblich war er ja ein Kommunistenfreund. Die örtlichen Behörden verstanden auch keinen Spaß, als Chaplin sich über den Lärm eines Schießplatzes in der Nachbarschaft echauffierte, den er beim Kauf übersehen hatte. Er verlor die Klage, es wurde weiter geschossen, sonntags ab sieben Uhr morgens.

Chaplin und seine Kinder

Zu seinen Kindern hatte Chaplin ein eher distanziertes Verhältnis, für Gefühle war die Mutter zuständig. Alle rebellierten irgendwann, zogen unter Protest aus, zuerst Geraldine, später Michael, der Drogen nahm und sich die Haare wachsen ließ. Victoria brannte mit einem Clown durch, was Chaplin besonders schmerzte, weil er ihr die Hauptrolle in seinem letzten Skript zugedacht hatte: "The Freak", über einen Menschen, dem Flügel wachsen. Ein Film entstand nicht daraus.

Alle Kinder haben sich vor Chaplins Tod wieder versöhnt mit der Familie, alle acht wurden Künstler: Sie schreiben, schauspielern, produzieren Filme, oder es zog sie in die Welt des Varieté, aus der ihr Vater kam. "Wenn man in so einer Umgebung aufwächst, ist es schwierig, kein Künstler zu werden", sagt Eugene, Regisseur und Choreograph beim Schweizer Zirkus Nock. Er sieht Charlie am ähnlichsten und hatte ein besonders enges Verhältnis zu Oona, die 1991 starb.

Eine große, globale Vision

Danach wohnten Eugene und Michael noch bis 2006 mit ihren Familien im Manoir. Einmal im Jahr treffen sich die Chaplin-Kinder, um Geschäftliches zu besprechen. Arbeiten müssten sie natürlich nicht, das Erbe ist Hunderte Millionen Dollar wert, der Tramp war auch ein cleverer Vermögensvermehrer.

Die Familie wacht sehr genau über das Konzept der Erinnerungsstätte. Eugene hält es für "innovativ" und hat doch Zweifel, ob sich das Museum langfristig alleine trägt. Die 50Millionen stammen fast ausschließlich aus privater Hand, einen beträchtlichen Teil hat der ortsansässige Nahrungsmittel-Multi Nestlé zugeschossen. "Man braucht eine sehr große, globale Vision", sagt Eugene. "Der Ort muss leben. Es ist wie beim Theater: Du willst, dass die Leute ein zweites Mal kommen." Die Macher selbst erhoffen sich 300.000 Besucher im Jahr. Seit fast zehn Jahren ringen sie um das Projekt.

2000 traf der Architekt Philippe Meylan, ein Freund der Chaplins, zufällig auf den kanadischen Museumsmacher Yves Durand, der die entscheidenden Ideen einbrachte, später holten sie den Franzosen François Confino hinzu, der die Weltausstellungen von Hannover und Schanghai mitgestaltet hat. Viel Zeit sei mit Behördenkram verloren gegangen, klagt Durand, vier Jahre habe allein der Streit mit einem einzigen Nachbarn gekostet, der sich um seine Ruhe sorgte. Und der Kampf geht immer weiter. Kurz vor Fristende am vergangenen Montag gingen drei Einsprüche gegen die Baubewilligung ein, davon zwei von Umwelt-Organisationen. Meylan sagt, sie seien "nicht unüberwindbar". 2012 soll das Museum öffnen.

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SZ vom 28.12.2009/pfau
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