Der Philosoph Charles Taylor wird 90:Aufmerksamkeit für den Widerspruch

Lesezeit: 4 min

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Denken, was ist: Charles Taylor.

(Foto: Mary Altaffer/ASSOCIATED PRESS)

Dass die Zeit der großen Erzählungen vorüber sei, möchte kein Leser seiner Bücher glauben. Zum 90. Geburtstag des kanadischen Philosophen Charles Taylor.

Von Dirk Lüddecke

Wer das Wirkliche als vernünftig und das Vernünftige als wirklich erkennt, denkt hegelianisch, hat einfach nur gute Nerven, wenig Empathie oder einen ziemlich merkwürdigen Humor. Und doch spricht einiges dafür, dass zu sagen, was ist, die eigentlich vernünftige Tat ist. Zugegeben, das mag manchem nach zu viel Zugeständnis an gegebene Strukturen und einen fragwürdigen Status quo klingen, den bewahren zu wollen bestehendes Unrecht verlängert oder ins Verderben führt. Wo bleibt da der Möglichkeitssinn? Statt noch eine Interpretation der Welt zu geben, sollte es praktisch um unmittelbar verändernde, verbessernde Worte und Taten gehen.

Man könnte es aber auch einmal anders versuchen. Zu sagen, was ist, bedeutete dann wesentlich mehr als die Betonierung des Status quo. Es meinte dann vielmehr die Aufmerksamkeit für den Widerspruch in der Wirklichkeit, die Denken und Handeln besser zu orientieren erlaubt; es meinte die Aufmerksamkeit für die Bewegungstendenzen in der Wirklichkeit, die unser Denken und Handeln sowohl fördern als auch hemmen; der Status quo wird zum Prozess. Es meinte das historische Gespür für die Gewordenheit der Gegenwart - sowohl als Lernprozess und Auftrag wie auch als Verlust- oder Verfallsgeschichte. Es meinte den Sinn für die sprachlich-symbolische Gestalt dessen, was als soziale Realität wirklich ist. Vor allem aber meinte es durchzudringen durch die kleinen und großen Selbstmissverständnisse und täuschenden Fassaden, die das, was ist, verbergen. Jeder Investigativjournalist weiß um das Aufklärungs- und Selbstgefährdungspotenzial, das darin steckt, zu sagen, was ist.

Den großen Selbstverständnissen einer Zeit entkommt man nur mit äußerster Mühe

In diesem umfassenden Sinne ist der kanadische Philosoph Charles Taylor, der am heutigen 5. November sein 90. Lebensjahr vollendet, ein Denker dessen, was ist; ein Philosoph, der die Zeit in Gedanken erfasst und dabei besonders aufmerksam ist für ihre Widersprüche und (großen) Selbstmissverständnisse. Und er ist ein Denker von profunder historischer Bildung, um ihr geistesgeschichtliches Gewordensein zu verstehen. Dass die Zeit der großen Erzählungen vorüber sei, möchte kein Leser seiner Bücher glauben.

Verstehen ist eine Kunst, Missverstehen kommt von allein, und den großen Selbstverständnissen einer Zeit entkommt man nur mit äußerster Mühe. Das ist der Preis, den wir als soziale selbstinterpretierende Wesen zu zahlen haben. Und es ist schon reichlich paradox, dass ein hegelianischer Kommunitarist wie Taylor, der die soziale, kulturelle und sprachliche Einbettung des Menschen zu einem Leitmotiv seines Denkens gemacht hat, allenthalben die umfassenden Verblendungen der Zeit aufspürt.

Die großen Rahmenirrtümer unserer Kultur sind Taylors Themen: In seinem 1989 erschienenen Buch "Die Quellen des Selbst" fragte er nach der Entstehung des modernen Individualismus. Wie konnte sich ein Selbstmissverständnis von solcher Tragweite einstellen, wie es das isolierte, "desengagierte" Subjekt der Moderne ist, das zur Ursache mancherlei Unbehagens an der Moderne wurde. Mit anderen Worten: Die Welt zu verstehen und ein Gespür für moralische Unterscheidungen zu entwickeln, das gelingt uns nicht als bloß beobachtendes Ich, das sich aus der Welt und den sozialen Beziehungen zurückzieht, um objektiv zu werden. Verstehen ist vielmehr die Leistung eines engagierten Akteurs. In seinem zweiten Hauptwerk "Ein säkulares Zeitalter" vollzog er 2007 schließlich die Entstehung des säkularistischen Selbstmissverständnisses liberaler Gesellschaften nach und deren Ideologie eines sogenannten ausgrenzenden Humanismus, innerhalb dessen Raum fehle für Formen religiöser Lebensführung in der Gegenwart.

In einer gemeinsam mit Hubert Dreyfus verfassten erkenntnistheoretischen Arbeit zur Wiedergewinnung des Realismus konstatierte er: "In unserer Kultur ist ein gewaltiger Irrtum wirksam." Nämlich der Irrtum, dass wir das Erkennen als etwas Vermittlungsgebundenes, auf Repräsentationen Angewiesenes missverstehen. Unser Geist ist aber kein datenverarbeitender Wahrnehmungsapparat. Stattdessen stehen wir laut Taylor mit der Welt verkörpert in Kontakt, indem wir etwa achtsam für ihren "Angebotscharakter" sind, und setzen uns mit ihr als gesellschaftlich eingebettete Akteure auseinander.

Ein vor 30 Jahren geschriebenes Wort von ihm klingt wie in unsere Gegenwart gesprochen

Nicht nur der Umfang seiner Bücher - auch die geistigen Schlachten, die darin geschlagen werden, haben episches Format. Über weite Strecken sind sie in einem melancholischen Ton philosophischer Verfallsgeschichten verfasst, dem Taylor nur mühsam den Klang offener Möglichkeiten entlockt. Das gelingt ihm zum Beispiel als Philosoph politischer Freiheit. Noch im technisch-bürokratischen Gehäuse der modernen Welt instrumenteller Rationalität, wie es Max Weber beschrieb, spürt Taylor Chancen politischer Handlungsfähigkeit auf.

In seiner 1991 erschienenen Schrift "Das Unbehagen an der Moderne" geht er zwar zunächst vom Ohnmachtsgefühl einer fragmentierten Öffentlichkeit aus, das sich einstellt, wenn der Einsatz für ein Stückchen Umwelt als politisch aussichtslose Sache erfahren wird. Aber - und da klingt sein vor 30 Jahren geschriebenes Wort wie in unsere Gegenwart gesprochen: Sobald "im Umfeld der Umweltbedrohung ein Klima des Einverständnisses erzeugt wird, ändert sich die Situation. (...) Die Mechanismen der Unausweichlichkeit funktionieren nur dann, wenn die Menschen uneins und fragmentiert sind. Die bedrängte Lage wandelt sich, sobald ein gemeinsames Bewußtsein entsteht."

Dem isolierten desengagierten Subjekt der Neuzeit gibt Taylor wieder einen Leib. Derart verleiblicht stellt er es hinein in eine Welt, die einen vor die Herausforderung stellt, mit ihr zurechtzukommen, die aber auch Sinn bietet und "Resonanz" - ein Konzept, das der deutsche Soziologe und Taylor-Kenner Hartmut Rosa zu seinem großen Thema gemacht hat. Taylor betont, dass das Weltverständnis immer schon ein gemeinsames ist, ein sprachlich und kulturell geteiltes. Und als politischer Philosoph versteht er Menschen als Bürger und Bürgerinnen, die sich als anerkennende und anerkannte Teile einer historisch und kulturell interpretierten politischen Gemeinschaft begreifen, um politische Freiheit zu verwirklichen - mit der Möglichkeit auch zu einer religiösen Lebensführung. Als Anerkennung seiner unermüdlichen Aufklärungsarbeit gegen unsere selbstverschuldete geistesgeschichtliche Desorientierung wurde Charles Taylor 2008 mit dem renommierten Kyoto-Preis ausgezeichnet. Wenn eine hohe Auszeichnung auf solche Verdienste trifft, dann ist das wirklich vernünftig.

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