Nachruf auf Schauspieler Charles Grodin:Vom Schicksal gekränkt

Lesezeit: 3 min

Jan. 1, 2011 - CHARLES GRODIN WITH HIS DAUGHTER AND MOTHER AT PARTY IN NEW YORK FOR THE B WAY OPENIN

Charles Grodin, hier mit seiner Tochter und Mutter auf einer Party nach der Broadway-Premiere des Films "Same Time, next Year" im Jahr 1978.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Der Schauspieler Charles Grodin, bekannt aus "Ein Hund namens Beethoven", gab gern den amerikanischen Jedermann im Kampf mit den Tücken des Lebens.

Von Tobias Kniebe

Manchmal klingt es heute so, als hätten die Männer im Kino noch nie begriffen, dass sie nicht im Zentrum des Universums stehen. Es gab aber doch Figuren, die das schon immer ahnten, die ein bisschen daran verzweifelt sind und aus dieser gefühlten Zurückweisung durch das Schicksal sehr komische Funken schlagen konnten. Daran denkt man bei der traurigen Nachricht, dass Charles Grodin gestorben ist. Er war ein Schauspieler, dem man dieses Wissen in fast jeder seiner Rollen ansah. Am Dienstag starb er im Alter von 86 Jahren in Connecticut an Knochenmarkkrebs.

Einer wie Grodin mit seinem breiten amerikanischen Vorstadtgesicht war kein strahlender Held, sondern ein Jedermann im Kampf mit den Tücken des Lebens. Als solcher sieht man die Dinge manchmal klarer als andere und muss grausame Wahrheiten aussprechen, die sonst keiner hören will. So war es zum Beispiel in "Ein Hund namens Beethoven", als sich ein süßer Bernhardiner-Welpe zufällig in den Garten der Newtons verirrte. Charles Grodin als Vater Newton wollte ihn wieder loswerden und versuchte darauf hinzuweisen, dass solche Winzlinge zu Monstern heranwachsen. Außerdem ahnte er, dass seine Kinder das Biest bald mehr lieben würden als ihn. In beidem behielt er recht. Aber dann macht er vor, wie man sich ins Unvermeidliche fügt, ohne seine Würde vollständig zu verlieren.

Wenn er die Zumutungen des Daseins nicht so ganz akzeptieren wollte, konnte Grodin auch bauernschlau und verschlagen spielen, was für Schurkenrollen sehr gut funktionierte. So gab er etwa in Warren Beattys "Heaven Can Wait / Der Himmel soll warten" einen sinister-komischen Privatsekretär, der den strahlenden Quarterback-Helden (natürlich Beatty selbst) gleich zweimal umbringt. Und in der Siebzigerjahre-Fassung von "King Kong" war er ein fieser Öl-Kapitalist, der Kong in die Quere kommt und (zumindest in der ersten Schnittfassung) nur knapp dem Schicksal entgeht, von dessen Riesenaffenfuß zermalmt zu werden.

Grodin selbst erzählte die Geschichte, dass das Publikum bei Testvorführungen so klar auf der Seite des Affen stand und von Grodins Überleben bitter enttäuscht war, so dass der Film umgeschnitten werden musste, bis er wirklich zermalmt wurde. Ob das stimmt oder nur ein guter Gag war, den er auf den Sofas von Letterman & Co. oft erzählte? Jedenfalls hat der Talkshow-Profi Grodin, der später auch selbst eine Fernsehshow hatte, früh begriffen, dass er mit Witzen auf eigene Kosten am weitesten kam.

Die Rolle, die Dustin Hoffman zum Weltstar machte, lehnte er ab

Charles Grodin wurde 1935 in Pittsburgh in eine orthodox-jüdische Familie geboren, die ursprünglich aus Russland kam. Sein Studium in Miami brach er ab, um in New York Method Acting zu studieren. Nach ersten Erfolgen am Broadway und einem kleinen, aber eindrucksvollen Auftritt in Roman Polanskis "Rosemary's Baby" sahen die Dinge gut für ihn aus. Es wundert zum Beispiel nicht, dass er mit seinem Jedermann-Appeal die erste Wahl für den Helden in Mike Nichols "The Graduate" ("Die Reifeprüfung") war. Ein Angebot, dass ihm damals allerdings zu schlecht bezahlt war. Der damals unbekanntere Dustin Hoffman hatte weniger Bedenken. Der Rest ist Geschichte.

Für Grodin blieb auch so genug zu tun, wenn auch nicht mit ganz so universaler Reichweite. Mike Nichols' Comedy-Partnerin Elaine May besetzte ihn in "The Heartbreak Kid". Da war er noch so ein Orientierungsloser der neuen Zeit, der kurz nach der Hochzeit mit der traditionellen Männerrolle völlig überfordert war. Die komische Verzweiflung wird dann ein wiederkehrendes Motiv, etwa auch in "The Lonely Guy" ("Ein Single kommt selten allein") mit Steve Martin, wo sich die beiden gegenseitig in ihrem herrlich zelebrierten Losertum unterstützen.

Sehr effektvoll war Grodin aber auch, wenn er gegen die große Mittelmäßigkeit aufbegehrte, zum Beispiel als Mafia-Buchhalter in "Midnight Run" ("Fünf Tage bis Mitternacht") von Martin Brest. Da will er sich mit einigen Millionen davonmachen, um endlich mal die Hauptfigur seines eigenen Lebens zu werden, wird dann aber von der Mafia und vom FBI gejagt. Robert De Niro als Kopfgeldjäger erwischt ihn als Erster und schleift ihn quer durchs Land. Es sagt alles über Grodins subtile Klasse, dass er neben so einem Schwergewicht mühelos seine eigenen Marken setzen konnte.

Nach dem großen Erfolg seiner beiden "Beethoven"-Filme in den Neunzigerjahren kamen noch mehr Familienfilme. Dann aber machte Grodin eine zwölfjährige Kino-Pause, um sich in einer eigenen Fernsehshow auf CNBC politischen und sozialen Fragen zu widmen. Auf die Leinwand kehrte er 2006 zurück, als eine neue Generation von Filmemachern - darunter Zach Braff, Noah Baumbach und vor allem Louis C.K. mit seiner Fernsehserie "Louie" - seine Qualitäten entdeckte. Auch da war er die Stimme der Desillusionierung und also der Wahrheit, ein Ratgeber, wie man mit der ewigen und doch so notwendigen Kränkung fertig wird, nicht im Zentrum des Universums zu stehen. Und auch dafür kann man, wie die Würdigungen seiner Karriere jetzt zeigen, am Ende sehr geliebt werden.

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