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Chantal Akerman gestorben:Bilder von der anderen Seite

Chantal Akerman

Chantal Akerman beim Festival in Venedig, 2011.

(Foto: P. Le Segretain/Getty Images)

Dreieinhalb Stunden im Leben einer Hausfrau revolutionierten das Kino: Die belgische Regisseurin Chantal Akerman hat sich stets allen Kategorisierungen widersetzt. Nun ist sie gestorben.

Von Fritz Göttler

Dreieinhalb Stunden im Leben einer Brüsseler Hausfrau haben 1975 das Kino revolutioniert: "Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles". Da war die Filmemacherin Chantal Akerman 25. Ihre Titelheldin war eine alleinerziehende Mutter. Minutiös war ihr Alltag organisiert, putzen, einkaufen, ein paar Minuten in einem Café, kochen. Licht an, Licht aus, das Stakkato ihrer Schuhe, das ihr Leben skandiert. "Nur für sie selbst bleibt kein Platz. Die Objekte sind anstelle ihres Lebens getreten", schrieb Frieda Grafe. "Sie markieren Punkte, an denen es fehlt. Sie sind reine Usurpatoren."

Am späten Nachmittag legt Jeanne Dielman dann das Handtuch aufs Bett, für den Kunden. Die Hausfrau vom Quai du Commerce verdient sich etwas dazu durch Prostitution. Es ist kein kritischer, auch kein bitterer Film, es ist nicht mal ein Frauenfilm.

Chantal Akerman hat sich mit ihren Filmen solchen allzu leichten und leichtfertigen Kategorisierungen widersetzt. Sie filmte dokumentarisch und melodramatisch, chaplinesk und stoisch, brachte Juliette Binoche und William Hurt zusammen in "Eine Couch in New York", sie verfilmte Proust - "Die Gefangene" - und Joseph Conrad - "Almayers Wahn", und fast alle ihre Filme haben, angefangen mit dem entrückten Schwung von Delphine Seyrig als Jeanne Dielman, einen Touch von klassischem Musical.

Chantal Akerman wurde am 6. Juni 1950 in Brüssel geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft in Paris. 1968 drehte sie den ersten Film, kurz und explosiv, "Saute ma ville".

Es gibt keine Ziele, nur Richtungen, denen man folgt

Wenig später ging es nach New York, und den Rest ihres Lebens verbrachte sie abwechselnd dort und in Paris. Die klaustrophobischen Momente bei ihr hängen mit der Familie zusammen, dem Trauma des KZ-Überlebens.

Dem sind immer wieder weite offene Bilder entgegengesetzt - lang filmt sie 1977 in "News from Home" von der Fähre aus die Silhouette von New York. Aber was ist Heimat, fragen diese Filme, und hat das wirklich Sinn, eine Stadt, ein Land zur Heimat zu machen?

Es gibt keine Ziele, nur Richtungen, denen man folgt. Von Ostdeutschland nach Moskau in "D'est", nach der Wende, als die Menschen ihre Lebenskoordinaten verloren und die Kamera sich unter ihnen bewegt, als wären sie alle in einem Traum.

Im Kino, sagt Akerman, ist jedes Bild eine Öffnung auf das Imaginäre, und eine Abschließung ihm gegenüber. Neben dem Kino hat sie schließlich auch Installationen gemacht, zum Beispiel auf der 11. documenta, "From the Other Side".

Was für eine kluge Melancholie, was für Vitalität und Energie in ihr steckte. Im letzten Film "No Home Movie", auf dem Festival in Locarno dieses Jahr im Wettbewerb gezeigt, sieht man sie mit der Mutter kommunizieren, die nicht mehr ihre Wohnung verlässt, über Skype, und bei manchem Besuch.

Da huscht sie dann gelegentlich vor der Kamera vorbei, koboldhaft. Am Montag ist Chantal Akerman im Alter von 65 Jahren in Paris gestorben.

© SZ vom 07.10.2015/pak

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