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"Cerro Torre" im Kino:Nichts für Puristen

Ausformuliert wird diese Reflexionsebene nicht. Aber sie ist da - und verleiht dem ansonsten etwas hyperaktiven Sportfilm Tiefe. Schließlich ist der Cerro Torre auch ein besonders ergiebiger Berg mit besonders exemplarischen Geschichten. Weil Maestris angebliche Erstbesteigung zunehmend bezweifelt wurde, hat dieser den Gipfel noch einmal angegangen. 1970 kehrte er zum Cerro Torre zurück, im Gepäck einen Bohrkompressor, der 360 Haken in den Fels trieb. Vorsprung durch Technik - daran glaubte damals die Welt.

Wenn David Lama den "Turm-Berg" heutzutage mit Händen und Füßen erobern will, Haken und Seile nur zur Sicherung verwendet, dann passt das in unsere technikkritische Zeit. Gleichzeitig ist die Selbstbeschränkung natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass man heute schon Superlative braucht und das Unmögliche wollen muss, um als Bergsteiger noch Aufmerksamkeit zu erregen.

Für Puristen ist das nichts. Obwohl keine Szenen nachgestellt wurden, wie die Filmemacher betonen, dürften Dokumentarfilm-Kenner, die im Kino am liebsten überrumpeltes, wahres Leben an sozialen Brennpunkten sehen, an diesem Film wenig Freude haben. In der Bergsteigergemeinde löste der Film sogar einen Skandal aus, weil das Team um Dirnhofer zusätzlich zu den verpönten (und mittlerweile entfernten) Bohrhaken Maestris viele neue Haken in den Cerro Torre schlagen ließ, um so gesichert Lamas Kletterkünste zu dokumentieren. Ein Shitstorm entlud sich deshalb über den Bergsteiger und das Red-Bull-Projekt.

Die Schwierigkeiten bei der Entstehung des Films werden aber auch selbst wieder thematisiert. Auch das gehört längst zum Repertoire des Dokumentarischen - es ist eine Form von Überzeugungsarbeit: Wenn Bilder manipulierbar sind, ihr Wahrheitsgehalt grundsätzlich im Zweifel steht, hilft es, über ihre Entstehung zu sprechen. So wird die Entrüstung über die neuen Bohrhaken in einen Zeichentrickfilm gepackt. Witzig wirkt das. Wie sehr der Skandal Lamas Karriere und Selbstbild gefährdete, vermittelt die Sequenz aber kaum.

Passend zur Show

Dirnhofer ist selbst Kletterer und Bergsteiger. Er hat Musikvideos und Werbefilme gedreht, das spürt man nicht nur in dieser Sequenz. Show-Bergsteigen wurde David Lama vorgeworfen, als die Sache mit den Bohrhaken bekannt wurde. Einen ähnlichen Vorwurf könnte man auch dem Regisseur machen, der den Berg und das Klettern immer wieder zu schön aussehen lässt, als dass es sich wirklich wahr für den Zuschauer anfühlte.

Eine solche Kritik zielte aber am Wesen des Projekts vorbei. Wo früher von nationaler Ehre und Mannesmut gefaselt wurde, geht es heute um eine - etwas künstlich anmutende - Demut vor dem Berg und um persönliche Grenzüberschreitungen. Gleichzeitig ist das Show-Element so sehr Bestandteil des Alpinismus geworden, dass ein Hochglanz-Bergfilm wie "Cerro Torre" mit einem übergroßen und gleichzeitig kindlichen Helden nur passend erscheint.

Cerro Torre - Nicht den Hauch einer Chance, D 2014 - Regie: Thomas Dirnhofer. Kamera: Dirnhofer, Lincoln Else, C. Mitterbauer, F. Hinterbrandner, G. Goeber. Verleih: Red Bull Media House, 104 Min.