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Soulsängerin "Celeste" im Porträt:Die Königin im Tauziehen

Von ihr wird man noch hören, und ja, das heißt es immer. Aber diesmal ist es wahr, bestimmt: Celeste Waite.

(Foto: Mauritius/Rodolfo Sassa)

Die Sängerin Celeste Waite ist 25, hat noch kein Album veröffentlicht und wird schon mit Amy Winehouse und Adele verglichen. Kann das gutgehen?

Von Theresa Hein

Vor ein paar Wochen stehen vor der Glaswand eines Aufnahmestudios in Nordrhein-Westfalen ein Haufen Männer und wippen mit dem Kopf. Sie tragen Lederjacken, lange Haare, Sakkos, einer, und der senkt den Altersdurchschnitt drastisch, einen rasierten Kopf und ein graues Sweatshirt, aus dem rötliche, tätowierte Arme hervorlugen. Alle wippen eindeutig mit dem Kopf, damit man sieht, dass sie verstehen, dass diese Musik echt was Besonderes ist. Sie hören der Frau zu, die hinter der Glasscheibe singt, und die ab und zu ihre Strumpfhose unter dem eng anliegenden Wollkleid nach oben zieht.

Celeste Waite, die Sängerin hinter der Glaswand, Künstlername Celeste, 25 Jahre alt, ist die neue Adele, die neue Amy Winehouse, ach was, die neue Aretha Franklin. Alles Vergleiche, die schon gefallen sind. Zu ihren Fans zählen Spike Lee, Stormzy, angeblich auch Elton John. Kurz zuvor war sie noch in Mailand auf der Fashion Week, grade noch rechtzeitig vor Corona, gewann außerdem bei den Brit Awards.

Jetzt, am frühen Morgen, sitzt die große Frau in einem Aufnahmestudio von Radio NRW und beantwortet höflich die Fragen des Moderators, während die Kopfhörer ihre krausen Haare nach unten drücken. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass die Haare dagegen ankämpfen, platt gedrückt zu werden, als seien sie Kleidung in einem zu vollen Koffer, der nicht schließt, und irgendwie passt diese Vorstellung ganz gut zu der jungen Frau. Celeste ist eine, die weiß, dass sie sich an die Regeln halten muss. Noch.

"Mama, ich glaub ich kann singen, aber du musst dich zur Wand drehen."

Waite hat mit Jazz und Soul ihre Stimme geschult, der erste bewusste musikalische Einfluss, an den sie sich erinnern kann, ist Aretha Franklin. Ihre Stimme hat tatsächlich etwas klassisch Souliges aus den alten Aretha-Balladen, allerdings ohne das von Franklin perfektionierte, sich bei den Funksongs überschlagende Geschrei. Waite lässt es ruhig angehen, als wisse sie, dass ihr fürs Schreien später noch genug Zeit bleibt. Mit 14 ging sie zu ihrer Mutter ins Schlafzimmer und sagte: "Mama, ich glaub, ich kann singen, aber du musst dich währenddessen zur Wand drehen." Sie sang "Use me" von Bill Withers, den Text hatte sie damals nicht ganz kapiert.

"Es war seltsam, ich wollte nicht, dass sie mich anschaut, dabei ist es doch meine Mutter", erzählt Celeste. Schüchtern, aber nur zur Hälfte, das ist Celeste Waite, Selbstbewusstsein trotz Zurückhaltung, das kann man perfektionieren, wenn man gerade einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma unterschrieben hat. Die Adele- und Amy-Winehouse-Vergleiche sind natürlich Mist und in etwa so zutreffend, als würde man sagen, alle Braunhaarigen sehen gleich aus.

Bei dem Radiointerview morgens ist Waite noch etwas müde, aber trotzdem aufgekratzt. Als der Moderator sie fragt, wie es ihr gehe, sagt sie genau das: Nicht viel geschlafen, Party, Brit Awards, Party, Fashion Week, und sie sieche gerade ein bisschen vor sich hin. Sie lacht ein leises Hustenbonbon-Lachen, fragend sieht sie sich durch die Glaswand zu ihrem Manager um. Hätte sie das jetzt sagen dürfen? Der schließt kurz die Augen und nickt ihr beruhigend zu, alles gut.

Momente der Unsicherheit erlebt man mit Celeste selten. Die Vergleiche mit Amy Winehouse und Adele, die seien "schon einschüchternd" gewesen. Aber im nächsten Satz schiebt sie sofort hinterher: "Man muss eben daran arbeiten, dass die Leute merken, das sind die, und du bist du." Die Selbstsicherheit muss Celeste niemand geben, keine Zuhörerinnen, keine Instagramfollower, keine mit dem Kopf wippenden Männer. Sie trägt sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sie den hellblauen, bodenlangen Mantel mit dem gefärbten Pelz trägt; mit der sie beim Mittagessen in der Kölner Innenstadt Calamari und Pizza gleichzeitig bestellen wird, weil sie sich nicht entscheiden kann; mit der sie vor einem Termin in einen kleinen italienischen Feinkostladen spaziert, weil die Sachen aus dem Augenwinkel so gut aussehen. Die Frau hinter der Theke muss erst etwas nach ihrem Englisch kramen, Celeste sieht sie geduldig an und lächelt breit. Noch etwas, das man an diesem Tag beobachten kann: Celeste Waite kommt in einen Raum, und der Raum strengt sich an, ihr zu gefallen, Verkäuferinnen, Radiomoderatoren, Label-Abgesandte, Kellner.

Ihr nächster Hit soll die Single "Stop This Flame" werden. Der Song ist ungewöhnlich poppig für sie, der Musikvideodreh in New Orleans war angemessen aufwendig. Sie hofft, erzählt Celeste beim Mittagessen, bei dem sie für einen schmalen Menschen einen ansehnlichen Berg Weißbrot in einer immensen Geschwindigkeit vertilgt, dass der Song irgendwo ein Nummer-eins-Hit wird. Dann dürfe sie beim Album "mehr ihr eigenes Ding durchziehen". Celeste hat genau verstanden, wie das alte Spiel funktioniert: Es ist ein Tauziehen zwischen ihrer Selbstbestimmung, dem, was sie künstlerisch machen möchte, und dem, was die Industrie von ihr erwartet. Wer sie hört, der hat keinen Zweifel daran, dass sie das Tau langsam auf ihre eigene Seite ziehen wird. Langfristig will Celeste eher Songs singen, bei denen ihre Soulstimme die Protagonistin ist, als die durchchoreografierten wie "Stop This Flame", die in ein Schema passen müssen. Bis dahin: alles Verhandlungssache.

Sie hat die Gabe der großen Popstars, universelle Gefühle in Klänge zu übersetzen

Hundertprozentige Celeste-Songs, das sind zum Beispiel "Father's Son", in dem sie den Moment beschreibt, in dem einem klar wird, dass man, ob man will oder nicht, immer nur ein Abbild der eigenen Eltern ist. Bis zu einem gewissen Grad zumindest, was sie auf die schöne Zeile runterbricht: "I heard you got the same taste in your mouth", ich hörte, du hast denselben Geschmack im Mund.

Oder "Lately", das sie am Anfang ihrer Karriere schrieb, als sie sich bei Freunden mit schlechten Ausreden dafür entschuldigte, warum sie keine Zeit mehr hatte. "Strange", für das sie bei den Brit Awards mit dem Preis als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet wurde, ist eine minimalistische Ballade, nur ein simples Thema am Klavier. Auch hier fasst Celeste ein universelles Gefühl in Klang: Wie es ist, jemandem, den man vor Kurzem noch geliebt hat, auf einmal fremd zu sein und sich von Fremden in Freunde in Liebende und wieder zurück in Fremde zu verwandeln.

Die Themen, die Celeste in ihren Songs verhandelt, sind nicht noch nie da gewesen, sie sind sogar beinahe immer allgemeingültig. Aber trotzdem scheinen sie zugleich persönlich zu sein, und mit der Musik gelingt ihr ein ähnlicher Spagat. Die Beats in "Father's Son" und in "Lately", den beiden besten Celeste-Songs, sind gerade genug R 'n' B, nicht zu aufdringlich, sondern entspannt; dabei nie betont cool wie etwa die wippenden Männerköpfe. Genresprünge in Jazz und Pop sind für Celeste kein Problem, weil ihre Stimme sie immer wieder zurückkehren lässt in die eigenen Gefilde: den Soul.

Celeste Waite wurde in Los Angeles als Tochter eines Jamaikaners und einer Engländerin geboren. Nach der Trennung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter nach Saltdean, einem Vorort von Brighton in Südengland. "So ein Ort, in den Rentner fahren, um sich bei Strandspaziergängen zu erholen", sagt sie. Als junge Frau in Brighton fällt sie auf, nicht nur wegen ihrer Hautfarbe und ihres Stils - Celeste gefällt alles, was extravagant ist, als Jugendliche nähte sie sich Kunstpelz aus dem Secondhand-Laden an ihre Militärjacke -, sondern auch einfach, weil sie jung ist.

Mit 22 Jahren zieht sie nach London, hartnäckig hält sich das Gerücht, sie habe nicht mehr als hundert Pfund auf dem Konto gehabt. "Ganz so schlimm war es nicht", sagt sie, "aber ich habe zu der Zeit in einer Bar für sieben Pfund die Stunde gearbeitet und irgendwann gemerkt, ich werde nie genug Geld zusammengespart haben, um wegzugehen."

Also geht sie ohne viel Geld, fährt nach London, nimmt Gelegenheitsjobs an, lädt ihren Song "Born Again" bei Soundcloud und Youtube hoch, ihr späterer Manager wird auf sie aufmerksam. Und ja, das höre sich an, als seien die Straßen für Celeste recht schnell mit Gold gepflastert gewesen, das weiß sie, "aber so war es natürlich nicht".

Wie es denn wirklich war? Will sie nicht weiter erörtern. Die selbstoptimierte, höfliche Celeste legt jedenfalls eine Karriere im Zeitraffer hin, die, noch bevor sie ihr erstes Album herausgebracht hat, enorm an Fahrt aufnahm, vergangenes Jahr zu viel. Was sie dann getan hat? Mit ihrer Mutter telefoniert, einen Personal Trainer engagiert, Songs geschrieben. Selbstoptimierung als Krisenmanagement. Was sie nicht getan hat: "Jeden Morgen aufstehen und denken: 'Oh Gott, ich kann das nicht'", erzählt sie und zuckt die Schultern, hilft ja nix. Das, woran sie zweifelt, kann sie in ihre Songs sperren und einem lyrischen Ich unterjubeln. Die Kraft in ihren Songs kommt auch nicht mit einem Knall, sie schleicht sich eher von hinten an. Sie trifft die Zuhörer deswegen nicht weniger.

In "Stop This Flame" singt Celeste, man solle sich von ihr fernhalten, wenn man glaube, man müsse das tun. Mit dem Tauziehen hat diese Frau, wie es scheint, genau die richtige Strategie gefunden, um sich durchzusetzen. Erst langsam, immer selbstbestimmt. Aber dann mit einem Ruck.

© SZ vom 17.04.2020
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