bedeckt München

Cecilia Bartoli:Mit Freude verzaubernd

Cecilia Bartoli, die Grande Dame der Barockmusik, bei den Salzburger Festspielen.

(Foto: Marco Borrelli/Salzburger Festspiele)

Cecilia Bartoli ist eine leidenschaftliche Sängerin. Jetzt triumphierte sie mit ihrem Barockprogramm bei den Salzburger Festspielen.

Von Egbert Tholl

Es wirkt so, als wolle die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli mit einem einzigen Konzert, das zweimal gegeben wird, über die Absage der diesjährigen und von ihr noch bis 2026 geleiteten Salzburger Pfingstspiele hinwegtrösten. Und es gelingt ihr fabelhaft. So sehr, dass das Publikum fast die Corona-Contenance vergisst, weil sich die Begeisterung halt Raum schaffen muss. Vier Zugaben folgen - und ein paar Stunden später wird Bartoli das dann mit ihrer nie versiegenden Energie und Leidenschaft wiederholen im Haus für Mozart der Salzburger Festspiele.

Es ist ein Fest der Barockmusik. Bartoli singt Arien von Nicola Porpora, Georg Friedrich Händel und Antonio Vivaldi, und wird begleitet von dem Orchester Les Musiciens du Prince-Monaco, zu dem sie eine inzwischen symbiotische Beziehung unterhält. Gianluca Capuano leitet das im Stehen spielende Ensemble, erfindet selbst zwischen den Arien und Orchesterstücken Überleitungen am Cembalo: Girlanden, die wie kleine Solokonzerte wirken.

Bartoli erschafft an diesem Nachmittag Theater. Sie bringt sich einen Haushofmeister mit, der aus einem Schrankkoffer eine kleine Garderobe baut und ihr verschiedene Kostüme und Perücken reicht. Hinter dem Orchester prangt ein Prospekt des Innenraums des Teatro San Carlo in Neapel, wo Bartoli vor knapp eineinhalb Jahren mit einem ähnlichen Programm, das damals allerdings vier Stunden dauerte, triumphierte. Nun blickt man von einem wegen der Corona-Regeln halb vollen Saal in einen gänzlich leeren, Menetekel unserer Zeit, wenn man nicht gerade bei den Salzburger Festspielen weilt, wo man trefflich und vorsichtig mit den Bedingungen, die das Virus diktiert, umzugehen gelernt hat. Anders als etwa in Bayern, wo die Politik Kunst als Ausnahmesituation begreift und sich gegen jede Erweiterung der kümmerlichen Zuschauerzahlen sperrt.

Das Toben im Inneren nach außen zu wölben, jeden Ton zu einem tief empfundenen Ereignis zu machen, ist Bartolis Spezialität

Das Programm zielt auf Händels "Ode for St. Cecilia' Day". Cecilia ist die Schutzheilige der Musik, dürfte derzeit ziemlich verzweifelt sein und sich über diese Huldigung sicher freuen. Die Ode hat Händel gar nicht so großartig auftrumpfend, eher poetisch zart komponiert. Doch das Toben im Inneren nach außen zu wölben, jeden Ton zu einem tief empfundenen Ereignis zu machen, ist Bartolis Spezialität. Auf dem Weg zur Ode beschreitet sie auch grandios virtuose Pfade, tritt in Dialoge mit Oboe, Flöte, Trompete. Da wird ihre Stimme selbst zum Instrument, perlen die Koloraturen.

Und natürlich macht sie auch Zirkus. Nicht erst bei einer der Zugaben inklusive "Summertime", dann aber völlig losgelöst, nimmt sie das Duell mit Thibaud Robinne und seiner Trompete an. Sie macht etwas vor, er muss es nachspielen, oder umgekehrt. Wer hier siegt, ist klar.

Das Programm ist konzis gebaut, man erspürt seine Tiefe auch ohne weitere Informationen zu den Stücken. Händels "Lascia la spina" (schlichtere Vorgängerversion von "Lascia ch'io pianga") zeigt es auf: "Lass doch die Dornen, pflücke die Rose." Nimm das Schöne, vergiss jede Unbill, und Bartolis Inbrunst ist reines Betören. Das Orchester singt dazu zart, um dann gleich wieder mit bestem Furor loszustürmen, Bartoli immer vorneweg, mitreißend, mit Freude verzaubernd.

© SZ vom 29.08.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema