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CDs der Woche - Popkolumne:Wider den braven Bombast-Kitsch

Wer ironisch und klug ist, hat bei den MTV Europe Music Awards eigentlich nichts verloren. In diesem Jahr die Überraschung: Im Mainstream-TV traten Songwriter auf, die hoffen lassen.

Von Jens-Christian Rabe

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Father John Misty

Das neue Album "I Love You, Honeybear", das Father John Misty Anfang kommenden Jahres veröffentlichen wird, scheint noch besser zu sein als sein Debüt "Fear Fun".

Quelle: Bella Union

Die Bilder, die dieser Tage von den MTV European Music Awards um die Welt gingen, verursachten dann doch mal wieder eine mittelschwere Depression. Das ist also übrig geblieben vom großen Popkulturspektakel, dass dieser Sender einmal aufführte: braver Bombast-Kitsch.

Zum Glück sah man dann aber doch noch mal den wirklich fabelhaften Auftritt von Father John Misty in der Late-Night-Show von David Letterman am 3. November und war sofort wieder versöhnt mit dem Mainstream-Fernsehen, also wenigstens dem amerikanischen.

Eigentlich hat dieser große abgewohnte Indie-Folk-Entertainer im Mainstream-Fernsehen ja überhaupt nichts verloren, viel zu ironisch, viel zu klug ist er, und dann sitzt er da am Flügel vor einem 22-köpfigen Streichorchester und singt inbrünstig seinen neuen Song "Bored In The USA", die Kamera wandert langsam um ihn herum, und als erstes bemerkt man, dass sich die Klaviertasten von selbst bewegen, dann wird der Text immer bitterer - "Oh, they gave me a useless education / And a subprime loan / On a craftsman home" - und dann ist recht abrupt Schluss, er steckt das Mikro auf den Ständer, die Hände in die Hosentaschen seines dunklen Anzugs und blickt herausfordernd ernst ins Publikum.

Das Standard-Show-Protokoll sieht jetzt ja eigentlich absurde Lockerheit vor, Lächeln, Grinsen, Lachen, überschwängliche Dankesgesten ans frenetisch jubelnde Publikum, happy Shakehands mit Letterman und so weiter. Nicht mit Father John Misty!

Ach, leider erscheint der Nachfolger des fantastischen Debüts "Fear Fun" erst im kommenden Februar. Die Platte wird "I Love You, Honeybear" heißen und nach allem, was davon schon zu hören ist, muss man sagen: Sie ist noch besser als "Fear Fun", und es stimmt haargenau, was der Künstler selbst dazu ausrichten lässt: "Man könnte sagen, dass 'I Love You, Honeybear' ungefähr so klingt und vorgeht wie John Lennon während seiner Solo-Jahre, wie Scott Walker, Randy Newman, Harry Nilsson und Dori Previn. Außerdem wurde sich mehr als ein Trick geborgt von Woody Allen, Kurt Vonnegut, Alejandro Jodorowsky und Muhammad Ali."

Mit anderen Worten: Das nächste Pop-Jahr wird grandios beginnen. Kein Zweifel.

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Nicki Minaj

Comic-Domina Nicki Minaj

Quelle: AP

Nicht ganz glücklich waren die meisten Beobachter mit dem am Montag veröffentlichten wüsten Video zur neuen Single "Only" der amerikanischen Highspeed-Rap-Barbie Nicki Minaj.

Madame jongliert darin als Comic-Domina recht unsubtil mit allerlei totalitärer Symbolik. Nun ja. Auf jeden Fall passte es nicht schlecht zu Quincy Jones irrer Verbeugung vor Leni Riefenstahl im aktuellen Magazin der Zeit: "Ihr Ruf ist mir egal, ich liebe sie." Oha.

Wir haben zum Glück noch einen Kommentar von Susan Sontag dazu gefunden in ihrem Rolling-Stone-Interview aus dem Jahr 1978, das gerade als Buch unter dem Titel "Die Doors und Dostojewski" erschienen ist: "Ich glaube nicht, dass es sich hierbei um ein Wiederaufleben des Faschismus handelt, sondern eher um den Ausdruck eines Wunsches nach starken Gefühlen in einem nihilistischen Kontext. Unsere Gesellschaft ist auf Nihilismus gegründet (. . .). Er steht im Zentrum unserer Kultur."

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Taylor Swift

Sorgfältig ausgedachter Bubblegum-Pop: Taylor Swifts "1989"

Quelle: Universal Music

Direkt daneben im Zentrum der westlichen Populärkultur steht dieser Tage die 24-jährige amerikanische Popsängerin Taylor Swift, die als Country-Wunderkind berühmt wurde und spätestens mit ihrem soeben erschienenen neuen Album "1989" endgültig ein Pop-Superstar ist.

"1989" ist nicht nur das einzige Album, das in den USA in diesem Jahr über eine Million Mal verkauft wurde. 1,3 Millionen Einheiten wurden allein in der ersten Woche verkauft. Ein guter Grund für Nihilismus ist das allerdings nicht (es sei denn natürlich, man ist der Ansicht, das Abendland habe allenfalls noch eine Überlebenschance, wenn es Zwölftonmusik in die Charts schafft).

Die Platte ist nämlich voller sehr, sehr sorgfältig ausgedachtem Bubblegum-Pop. Wirklich perfekt ist allerdings leider nur "Shake It Off".

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Paul McCartney

Überflüssig, aber wohl wieder erfolgreich: "The Art of McCartney"

Quelle: Arctic Poppy

Womit wir beim überflüssigsten Album der Woche wären, dass sich natürlich trotzdem wie verrückt verkaufen wird. Es heißt "The Art Of McCartney - The Songs Of Paul McCartney Sung By The World's Greatest Artists" (Bulletproof).

Die "großartigsten Künstler der Welt" singen das McCartney-Weltpopkulturerbe, also Songs wie "Bluebird", "Helter Skelter", "Hey Jude", "Eleanor Rigby" und "Let'em In". Tatsächlich sind unter den Interpreten der 34 McCartney-Songs unsterbliche Kollegen wie Bob Dylan, Dr. John und B.B. King. Und auch die übrigen sind wenigstens weltberühmt: Billy Joel etwa, Roger Daltrey oder Smokey Robinson.

Aber am Ende gelingt doch keinem eine bemerkenswerte Version. In den besten Fällen klingen die Songs wie ehrfürchtige Kopien. In den schlechten wie ungelenke Konzert-Zugaben. Don't let'em in. Ever.

© SZ vom 12.11.2014/danl/pak
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