CD: Morcheeba "The Antidote" Chillout im Kraftzentrum

Trip Hop war gestern. Pop auch - und doch setzt die frisch reformierte Band Morcheeba darauf. Frei nach dem Motto: Neue Sängerin, neue Stimme, neuer Ansatz.

Von Von Caroline Daamen

Der Name ist geblieben und damit die Erinnerung - vor allem an eine Stimme. Und zwar an die von Morcheeba-Frontfrau Skye Edwards.

Gestatten, Morcheeba im Jahre 2005: Ross Godfrey, Daisy Martey und Paul Godfrey.

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Edwards war Morcheeba. Irgendwie. Zumindest stimmlich und im Auftreten war sie eindeutig das prägende Element der britischen Trip Hop-Formation, die sich in den 90ern aufmachte den Begriff "Chillout" zu vertonen.

Das ging acht Jahre und vier Alben lang gut bis sehr gut, brachte Gold- und Platin-Status für eine entspannte Mixtur aus Hip Hop-Elementen, Soul, Blues, auch mal Country, und vor allem elektronischen Klängen. Mal sphärisch-verspielt wie "Trigger Hippie" oder poppig wie "Rome wasn't build in a day".

Danach war Schluss.

Vor einem Jahr kam von Edwards und den Brüdern Paul und Ross Godfrey die Erklärung, man wolle von nun an getrennte Wege gehen.

Für ein Band-Projekt, das ursprünglich nur für ein Jahr geplant war, hatte man das Soll schließlich übererfüllt. Chillout auch hier: Kein Gezeter, kein Streit. Einfach ein Schlusspunkt nach einer erfolgreichen Zeit.

So wirklich lassen wollten die beiden Herren hinter Morcheeba von ihrer alten Band aber nicht, lang ersehnte Solo-Projekte hin oder her.

Also der Neustart unter alter Flagge mit neuer Sängerin, neuem Label und frischem Material für einen neuen Longplayer. "The Antidote", das Gegengift. Die alten Pfade der Trip Hop-Anfänge sind längst Vergangenheit. Pop heißt das Zauberwort.

Gefühlvoll und verspielt, doch mittlerweile nicht mehr ganz so stark von Elektro und Hip Hop gekennzeichnet.

Und abermals: Die markante Stimme der Frau im Vordergund.

Die heißt nun Daisy Martey und drückt dem Trio einen ähnlichen Stempel auf, wie zuvor Skye Edwards. Stücke wie "Wonders never Cease", das Gitarren-lastige "People Carrier" oder der abschließende Track "God Bless an Goodbye" mit seinen Klavier-Sequenzen überzeugen mit schwungvollen Melodien, die allerdings erst mit der klaren und pointierten Stimme der ehemaligen Sängerin der Independentband Noonday Underground ihren glamourösen Pop-Feinschliff bekommen.

Insgesamt waren die Begrüder Godfrey bei "The Antidote" für ihre Verhältnisse recht experimentierfreudig - offensichtlich hat die vorübergehende Morcheeba-Pause den Blick für andere Gefilde geöffnet. Trompete, Posaune, Harfe oder Geige, wo früher vorrangig sphärische Elektro-Teppiche aus Soundmaschinen und Effektgeräten waberten.

Die sind zwar auch auf Morcheeba-Album Nummer fünf zu finden, doch Vieles klingt handgemacht und weniger aus der Retorte. Wenn dann allerdings in "Ten Men" mittelalterliche Flötenklänge ertönen, bleibt nur noch die Frage: "Was soll das?".

Trotzdem gelingen Godfrey & Co. schöne, eingängige Pop-Melodien wie im pulsierenden "Living Hell" oder dem einfühlsamen Titelstück "Antidote". Kurz: Pop zum Gernhaben. Eingängige Texte, feine Rhythmen ohne Ecken und Kanten und wenn es dann heißt "I've got the medicine to suit the mood you're in/ I've got the antidote here", dann mag man das sogar glauben. Zumindest in den 45 Minuten, die das Gegengift wirkt.

Morcheeba, "The Antidote" (PIAS/RoughTrade) 1. Wonders Never Cease 2. Ten Men 3. Everybody Loves a Loser 4. Like a Military Coup 5. Lining Hell 6. People Carrier 7. Lighten Up 8. Daylight Robbery 9. Antidote 10. God Bless and Goodbye

Live-Daten:

08.06.2005 München - Tonhalle 09.06.2005 Köln - E-Werk 13.6.2005 Berlin - Columbia Halle 14.06.2005 Hamburg - Große Freiheit