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40 Jahre CD:"Ein Wunder!"

30 Jahre Musik-CD: Vom Goldesel zum Auslaufmodell

Der große Herbert von Karajan und die kleine CD, die ab 1981 von ihm promotet wurde und in den 1990er-Jahren die Welt eroberte.

(Foto: Deutsche Grammophon/dpa)

Vor vierzig Jahren führte Herbert von Karajan eine revolutionäre kleine Silberscheibe in die Welt der Klassik ein: die CD. Ein Sammler-Rückblick aus dem Streamingzeitalter.

Von Reinhard J. Brembeck

Am Anfang war nicht das Wort, aber Herbert von Karajan, der für alle technischen Neuerungen begeisterte Dirigent. Wie alle nur reproduzierenden Musiker fürchtete er vor allem eines: das Verstummen. Denn sobald eine Klassikmusikerin oder ein Klassikmusiker nicht mehr kann oder gar tot ist, ist es vorbei mit der Kunst. Leider. Wie Bach Orgel oder Mozart Hammerklavier gespielt, wie Orlando di Lasso gesungen hat, wird man nie erfahren, so interessant das wäre. Karajan aber, der langjährige Chef der Berliner Philharmoniker, hat dafür gesorgt, dass man noch in Jahrmillionen Jahren hörend nachvollziehen kann, wie er Beethovens Sinfonien in den verschiedenen Phasen seiner Karriere immer wieder anders (und jedes Mal langsamer) dirigierte.

Als Karajan seine Karriere unter den Nationalsozialisten begann, war noch die Schellackplatte en vogue, im Monoklang. Es folgte die vom Gewicht her deutlich leichtere, schmalere, mit mehr Musik bespielbare und billigere Langspielplatte, die LP. Später favorisierte Karajan ab 1971 die Bildplatte. Die Neuerung aber, die sich dann weltweit durchsetze und die LP entthronte, war die Compact Disc, die CD, die Karajan vor genau vor 40 Jahren in Salzburg, dem Mittelpunkt seines Klassikimperiums, vorstellte: "Ein Wunder!"

Es war der Anfang vom Ende der Plattengeschäft-Tempel

Ein Vorteil der CD war und ist ihre Kleinheit. Denn ein aus umweltverträglicher Pappe gefertigtes LP-Cover misst 31,5 mal 31,5 Zentimeter, eine (viel umweltschädigendes Plastik enthaltende) CD-Box nur 14 mal 12,5 Zentimeter, sie ist aber dreimal dicker als die LP. In die Jahre gekommene Klangästheten können sich noch an LP-Geschäfte erinnern, in denen eine Atmosphäre wie in einem Tempel herrschte, weil dort LPs andächtig und mit größter Vorsicht aufgelegt wurden. Denn nichts fürchtete man damals mehr als einen Kratzer auf der Scheibe. Der aber war letztlich unvermeidlich, und deshalb hat man manche Stücke nur mit dem regelmäßigen Aussetzer in Erinnerung, die solch ein Kratzer direkt und unauslöschlich in die Musik übertrug.

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Sie waren einmal das Nonplusultra - die Silberscheiben.

(Foto: Westend61/imago)

Die CD war dagegen robuster. Man musste schon den Fußboden damit schrubben, um den Klang zu beschädigen. Der sich dann in ein Dauerwummern verwandelte und mit nervigen Repetitionshüpfern durchsetzt wurde. Manchmal stellt sich dieser Effekt auch nach Jahren von selber ein, digitaler Verschleiß eben. Die CD und der CD-Player waren etwa ab 1990 billig genug, um mit den Plattenspielern konkurrieren zu können. So mancher Sammler machte sich dann daran, seine LP-Sammlung durch ein entsprechendes CD-Konvolut zu ersetzen, das weniger Platz einnahm. Für die Plattenfirmen war das ein Riesengeschäft, das aber im Zuge der weiteren Digitalisierung bald einbrach, was die Industrie zum Jammern brachte, das bis heute nicht verstummt ist. Zumal die findige Kundschaft schon bald mit CD-Brennern und CD-Rohlingen umzugehen lernte und die Musik einfach kopierte, teils legal, teils illegal.

Noch bevor sich der PC als Massenphänomen durchsetzte, war die CD das erste digitale Massenmedium. Schon bald erhob sich der bis heute nicht abgeflaute Streit über die Klangqualität derselben. Denn die LP als analoges Medium speichert und reproduziert die kleinsten Klangphänomene bis weit hinauf in fürs menschliche Ohr nicht mehr wahrnehmbare Bereiche. Die digitale Musik dagegen ist aus Speichergründen zum Verzicht gezwungen, sie muss irgendwo einen Schlussstrich ziehen. Dieser Schlussstrich wurde zwar im Laufe der Jahre angehoben, aber für Klangästheten steht außer Frage, dass eine CD anders, vulgo: schlechter klingt als eine LP: flacher, kälter, körperloser. Man lege nur "Friday Night in San Francisco" mit den sensationell sinnentleerten Livegitarren-Wettrennen von Paco de Lucía, John McLaughlin und Al Di Meola auf, einmal als CD und dann als LP. Selbst der unmusikalischste Mensch wird den Unterschied hören.

Die CD bot mehr Musik als die LP, sah aber mickriger aus

Aber die CD siegte über die LP. Auch weil auf der einseitig bespielten CD knapp über 80 Minuten Musik unterkommen können und damit sogar die ganze Neunte von Gustav Mahler, zumindest in den besseren, weil zügigen Aufnahmen (Karajans Version gehört nicht dazu). Auf einer LP-Seite brachten findige Techniker allerhöchstens 30 Minuten Musik unter. Arturo Toscaninis späte Aufnahme von Beethovens 5. Sinfonie dauert sportliche 29 Minuten und wurde von den RCA-Technikern auf eine Seite in die Rillen gequetscht, das war ein Rekord.

Doch es gab noch andere, durchaus ästhetische Probleme mit der Weltenerstürmerin CD. Plötzlich wurden die großzügigen, künstlerisch wertvoll gemachten Cover so verkleinert, dass der Hörer bei Klaus Nomi oder Santanas "Abraxas" ein Mikroskop brauchte, um die Details würdigen zu können. Sehr bald setzten sich dann in der Klassik endgültig Porträts der Interpreten auf den Covern durch. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter war eine der ersten jener Klassikspielerinnen, die als Models präsentiert wurden, was vielen Klassikmännern durchaus Konkurrenzprobleme machte. Eine genuine CD-Hüllen-Ästhetik blieb die Ausnahme. Vor allem der in Grautöne verliebte Manfred Eicher mit ECM tat sich da hervor, genauso zwei andere Münchner Aufnahmefirmen: Trikont und Winter & Winter. Dass die Booklettexte, Libretti und Liedtexte ebenfalls ein Fall für Lupe und Mikroskop wurden, setzte den Gebrauchswert der CD jenseits aller Ästhetik zusätzlich herab.

Die CD war praktischer als die LP, brachte aber neue ästhetische Probleme mit sich. Zum Beispiel die Covergestaltung.

(Foto: imago)

Ein gut gefülltes LP-Regal konnte durchaus mit einem ebensolchen Bücherregal konkurrieren, es suggerierte Weltläufigkeit und Bildungshorizont. Ein CD-Regal aber erinnert bis heute an Lagerhalle und Schlamperkiste. Zumal die CD ein Synonym für Menge wurde. Denn schon bald wurden CDs so billig verramscht, dass jeder Einkauf daheim zu unlösbaren Konflikten führte. Musste jetzt nicht doch Goethes Weimarer Ausgabe den Neuerwerbungen weichen? Dazu kam das Problem der Sortierung. Solange nur ein Komponist oder ein Interpret vertreten war, genügte das Alphabet. Aber was war zu machen mit den leidigen Kompilationen, die von Arvo Pärt bis zur Notre-Dame-Schule von allem ein bisschen enthielten? Verzweiflung kam auf, die CD wurde verwünscht. Und jene Genies beneidet, die auf ABC und andere künstliche Ordnungssysteme pfiffen, CDs wie Bücher kurzerhand in der Reihenfolge des Erwerbs in die Regale stellten und sich dieses System auch noch merken konnten.

Heute: Ohrstöpsel und Onlinemusik. Doch analoge Nerds halten dagegen

Herbert von Karajan ist 1989 gestorben, und seit Jahren geht der Verkauf von CDs zurück. Der Markt hat sich aufs Internet und Streamingdienste verlegt. Dem physischen Tonträger CD wird der baldige Tod vorausgesagt. Kaum mehr ein Jogger, Radfahrer, Fußgänger, Supermarktbesucher, der ohne Ohrstöpsel daherkommt, die via Handy mit einem Onlinemusik-Bereitsteller verbunden sind. Oft rieselt es gleichzeitig aus den Lautsprechern in Einkaufsmarkt, dem Aufzug und den Ohrstöpseln. John Cage hätte an dieser anarchischen Gleichzeitigkeit der Klänge seine Freude gehabt.

Wer aber für solch eine Fluxusästhetik nicht zu haben ist, für den hat der Markt längst eine Retroalternative entwickelt. Während auf dem Höhepunkt der CD-Ära Schallplattenspieler so gut wie nicht mehr zu haben waren, hat sich in den letzten Jahren ein kleiner Nischenmarkt entwickelt, der wieder LPs herausbringt, fette, schwere Dinger zum Anfassen, Klassiker wie Neuaufnahmen. Das ist die Droge für Nerds, die sich in den Hochzeiten des digitalen Home-Office zu später Stunde ihrem abgefahren analogen Hobby hingeben können, das keine anderen Menschen und keine Konzertsäle und auch nicht notwendig Karajans Aufnahmen braucht: der Trost der Stunde.

© SZ/jsl
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