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CD-Box:Ungestüme Leidenschaft

Er war der Lang Lang der 1960er-Jahre: Die Aufnahmen des Pianisten André Watts zeigen die Qualität einer vergessenen Legende.

Von Helmut Mauró

Er war der Lang Lang der 1960er-Jahre. 1964 erhielt er einen Grammy Award als bester klassischer Nachwuchspianist. Der afroamerikanische Musiker André Watts, dem diese Ehre zuteil wurde, war damals gerade mal achtzehn Jahre alt, und auch dies war und ist außergewöhnlich für solch eine Auszeichnung. Dabei war der Lebens- und Karriereweg des Pianisten keineswegs so geradlinig, wie es nach dieser Ehrung schien. Watts' Vater war US-Offizier, seine Mutter ungarische Pianistin; die beiden hatten sich ein halbes Jahr nach Kriegsende in Nürnberg getroffen. Die Pianistenlaufbahn des Sohnes, der nach längeren Versuchen an der Geige erst recht spät zum Klavier fand, war zunächst kaum vorhersehbar. Er hatte vor allem eines: keine Lust zu üben.

Die Mutter musste ihn mit aufregenden Geschichten über Franz Liszt bei Laune halten. Das hat funktioniert. Wenn man sich jetzt das erste Album "The Exciting Debut of André Watts" (The Complete Columbia Album Collection, Sony) unvoreingenommen anhört, wird man viel Überlegtes und Durchdachtes finden, was den späteren Watts auszeichnet, aber man wird vor allem die nur mühsam gezähmte ungestüme Leidenschaft des 16-Jährigen spüren, die einem auch heute noch in die Knochen fährt. Ein Gutteil davon hat er sich in zivilisierter Form ein Leben lang erhalten. Aber er hatte auch ein bisschen Glück. Der damals schon sehr umjubelte Dirigent Leonard Bernstein hatte ihn unter seine Fittiche genommen, mehrere beeindruckende Aufnahmen belegen, wie zuverlässig die Kommunikation funktionierte.

Und auch diese erste Schallplatte mit dem Es-Dur-Konzert von Franz Liszt ist so ein Beispiel dafür, wie die stets überschäumende Energie von Bernstein auf den jungen Watts trifft, ohne diesen jedoch musikalisch in die Knie zu zwingen oder ihm die eigene Sichtweise überzustülpen.

Beide Künstler, Bernstein war damals 45 Jahre alt und auf der Höhe seines Könnens und Wirkens, begegnen sich nicht nur mit professionellem Respekt, sondern suchen jeder im anderen eine neue Sichtweise, ein übersehenes Detail, ein Mosaiksteinchen, das das gemeinsam erarbeitete Ergebnis runder und vollkommener klingen lässt, als beide es zuvor für sich erlebten. Was für den jungen André Watts als einen offenen neugierigen Künstler selbstverständlich gewesen sein mag, war für den fortgeschrittenen Bernstein keineswegs natürliche Voraussetzung. Aber es war die große Qualität dieses Dirigenten, mit jungen Musikern so intensiv, sogar tiefer gehend arbeiten zu können als mit erfahrenen Routiniers - die er, zumindest im Orchester, gleichwohl auch schätzte.

Neun Jahre später spielte Watts die b-Moll-Sonate von Frédéric Chopin ein. Man hört jetzt einen ganz anderen Klang, ein gereiftes Verständnis, eine durchweg konzise Idee von dieser Musik, ohne die ursprüngliche Leidenschaft, das Brennen für diese Musik zu leugnen. Was gerade für diese Sonate gar nicht so einfach ist; bei den meisten Pianisten hört man vier erratische Einzelsätze. Inwieweit Watts wirklich von Liszt beeinflusst wurde, also von dessen Überlieferung und Epigonen, ist so einfach nicht auszumachen, aber der Großvirtuose hat einen prominenten Platz im Repertoire von Watts. 13 Jahre nach seinem Debüt mit Bernstein in der Carnegie Hall gab Watts einen Klavierabend, der im US-Fernsehen zur Hauptsendezeit live und in voller Länge übertragen wurde. Das gab es bis dahin noch nie. André Watts war nun selber zur Legende geworden.

© SZ vom 27.04.2016
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