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Castorf in Köln:Heldenleben für Europa

Aus dem bürgerlichen Heldenleben; Aus dem bürgerlichen Heldenleben

Eine Liebe zu Europa: Lilith Stangenberg und Sophia Burtscher.

(Foto: Thomas Aurin)

Frank Castorf inszeniert in Köln Carl Sternheim: vier Theaterstücke und einen Roman. Eine Regietheater-Zeitreise.

Provokant? Nein. Laut? Ja. Politisch? Kaum. Rauschhaft? Ein bisschen. Schmerzhaft? Nein. Der neueste Inszenierungs-Exzess des ehemaligen Bürgerschrecks und Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf, "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", bietet am Schauspiel Köln ein ausschweifendes Mash-up aus vier Stücken und einem Roman, erotische Live-Videos und Schauspiel an der Schmerzgrenze. Dennoch wirkt der Abend erstaunlich altbacken - oder gerade deshalb.

Der unberechenbare Skandalautor Carl Sternheim würde eigentlich tolle Voraussetzungen für böses, sogar verstörendes Theater bieten. Seine Stücke wurden regelmäßig ausgebuht und verboten. Die Aufführung der Komödie "1913" etwa stellte der Berliner Polizeipräsident 1916 unter Strafe. Das Stück sei "in gegenwärtiger Zeit geeignet, den inneren Frieden zu stören", verkündete er. Stimmt. Mitten im schönsten Weltkrieg hatte Sternheim es gewagt, am Beispiel einer dekadenten Familie von Waffenproduzenten die zerstörerische Kraft von Profitmaximierung und Nationalismus auf der einen, von Ignoranz und Weltflucht auf der anderen Seite durchzudeklinieren. Noch dazu hat sich Sternheim im Laufe der Arbeit an seinem Komödienzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" zum Sprachzertrümmerer entwickelt. Er schreibt bald ohne Rücksicht darauf, was das Feuilleton als künstlerisch wertvoll erachtet. Er verdichtet die bildungsbürgerliche Hochsprache zu gezierten Nonsensphrasen, die an den anarchischen Humor Karl Valentins erinnern. Er parodiert den militärischen Kommandostil, vor allem in "Das Fossil", dem letzten Teil des Zyklus, entstanden 1922.

Bei Bruno Cathomas, der in Köln das besagte Fossil, General a.D. von Beeskow, brachialkomisch und stimmlich immer am Anschlag spielt, klingt das so: "Das war Aufstoß psychologischer Säure ..." - er schnappt nach Luft - "Komm mir nicht chemisch! Logisch! Wesentlich! Verflucht. Das Substantiv birgt Krach und Katastrophe. Bumm ich kenn' mich in Dynamit aus. Ah, Dynamik!" Castorf verdoppelt den Sprachirrsinn, indem er Sternheims Dialog zwischen Vater und Sohn zum Monolog verkürzt. Das steigert die Absurdität der Szenen, die auf engstem Raum zwischen der ersten Sitzreihe und dem roten Vorhang im Depot 1 performt werden. Es lässt dem Publikum allerdings auch kaum eine Chance, dem Inhalt zu folgen. Sternheim hat in der Figur des "Fossils" die akute Gefahr eines Putsches durch rechte Militärs in der Zwischenkriegszeit thematisiert. In der Inszenierung wird das nicht klar, man sieht lediglich kalte, brutalisierte Familienbeziehung. Statt verstehen zu wollen, groovt man sich auf einen bildungsbürgerlich mit Anspielungen gespickten Bilder- und Textrausch zur Live-Salonmusik von Marlies Debacker ein. Sinn wird unerwartet zur Nebensache.

Ernst - oder ein ironischer Kommentar auf schlechtes politisches Theater?

Ähnlich ist es mit den politischen Seitenhieben, sie wirken wie Pflichtübungen: In einer Szene aus der Komödie "Die Hose" erweitert Melanie Kretschmann den Text der Luise Maske: Der Barbier sei nicht nur "ein Rüpel", sondern "ein Rüpel, Rowdy, geradezu ein Skinhead vom CFC", tönt sie in imitiertem Sächsisch. Der Chemnitzer Fußballclub hat ein massives Neonaziproblem, so weit, so naheliegend. Wenig später stimmt dann Nikolay Sidorenko als Theobald Maske den Sprechchor "CFC, CFC, AfD, AfD" an, das Ensemble fällt fröhlich ein, ebenfalls in schlechtem Sächsisch. Die AfD als Ostproblem, als dumpfe Hooligan-Bande, ernsthaft? Oder soll das ein ironischer Kommentar auf schlechtes politisches Theater sein?

Nach der Pause werden die anfangs wirr verwobenen Plots klarer. Auf der großen Bühne, die Aleksandar Denić in einen realistisch heruntergekommenen Nachbau des Spiegelsaals von "Clärchens Ballhaus" in Berlin verwandelt hat, spielen Szenen und Slapstickeinlagen aus "Der Snob" und "1913". Oben rechts im halboffenen Separee werden Live-Videos zu Sternheims Roman "Europa" produziert. Dort steht Gaststar Lilith Stangenberg im Zentrum, die den Abend bereits mit einem anstrengenden halbstündigen, verrucht in die Livekamera geflirteten Auszug aus "Europa" eröffnet hat. Sie übertrumpft das herausragend spielende Ensemble noch einmal mit ihrer unbändigen Energie.

Stangenberg ist Europa, Romanfigur und zugleich Symbol für einen Kontinent zwischen Lebensfreude und Kriegslüsternheit: kunstbegeistert, aufgeklärt, abenteuerlustig in Sachen Sex, Drogen und Politik. Sie sucht und findet das wildestmögliche Leben der Zehner-Jahre des 2o. Jahrhunderts, bis sie bei einem revolutionären Aufruhr gegen das Militär getötet wird.

Wie bei Castorf üblich, treten die Frauen leicht bekleidet bis nackt auf. Peter Miklusz als Europas Lover Carl tut das auch. Das passt zum Inhalt, zu den erotischen Exzessen einer emanzipierten jungen Frau. Um erfüllte weibliche Lust geht es dabei allerdings nicht. Das wird in Stangenbergs Liebesszenen mit Sophia Burtscher als Christine überdeutlich. Beide Frauen posieren mit großen Augen und in orientalistischen Dessous nicht für einander, sondern für die Kamera (Andreas Deinert, Simon Baucks). Die bedient leider, wieder einmal, einen eindeutig hetero-männlichen Blick.

Nach fast sechs Stunden "Heldenleben" taucht man auf wie aus einer Regietheater-Zeitreise. Alles war da, das exzessive Spiel, die Lautstärke, die soghafte Erzählweise, Erotik, schwitzige Witze und kleine Provokationen. Nur: die politische Reflexion des Inhalts, vor allem aber der eigenen stereotypen Darstellungsweise fehlt.

© SZ vom 24.01.2020
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