Süddeutsche Zeitung

Casting-Star Susan Boyle:Tränen lügen nicht

Die schottische Talentshow-Finalistin Susan Boyle erregt weltweit die Gemüter - ihre Ausbrüche spalten die Zuschauer.

Ein echter Star zeichnet sich dadurch aus, dass Zweifel an seinem Geisteszustand lautwerden. Iggy Pop zum Beispiel schneidet sich seinen sehnigen Leib bei Konzerten zuweilen mit Rasierklingen auf, Amy Winehouse irrlichtert über die Karibikinsel St. Lucia und Sänger Marilyn Manson, dessen Beruf viele mit "Schockrocker" anführen, wird oft unterstellt, er trinke am liebsten Katzenblut.

Nun hat es Susan Boyle ins Finale der Castingshow "Britain's Got Talent" geschafft - und sie zeigt echte Starqualitäten. Ein paar Tage ist es her, da rückte die Polizei an im Wembley Plaza Hotel in London, um die 46-Jährige zur Räson zu bringen.

Sie war pöbelnd durch die Lobby gezogen und hatte Reportern mit Worten eins übergebraten, die hier besser nicht wiederholt werden. Am Ende bekam sie einen fürchterlichen Heulkrampf und suchte Zuflucht im Rinnstein vor der Tür.

Es wird der Druck sein, der die Sicherungen der Arbeitslosen aus dem schottischen Dorf Blackburn durchbrennen ließ. Seit ihrem Start in der Show vor sechs Wochen ist ihre überschaubare Welt aus den Fugen geraten.

Als die Schadenfreude der Rührung wich

Als sie mit ihrer Rauhaardackelfrisur à la Dagmar Schipanski zur Bühne lief und arthritische Hüftschwünge machte, regierte im Saal blanke Schadenfreude.

Dann sang das Mauerblümchen "I Dreamed a Dream" aus "Les Misérables" - und im Studio öffneten sich die Schleusen. Menschen lagen sich in den Armen, Jurorin Amanda Holden gab vor, sich dafür zu schämen, Boyle, die ungeküsst ist und allein mit ihrer Katze wohnt, unterschätzt zu haben. "Wir waren alle so zynisch", hauchte sie tränenschwer.

Die Vermarktungsmaschinerie lief an, fast 60 Millionen Mal wurde das Video bei Youtube angeklickt, Oprah Winfrey lud sie in ihre Talkshow, die Macher von "South Park" ehrten sie mit einer Figur in der US-Zeichentrickserie, Demi Moore lässt sich nach London fliegen, um Boyle im Finale beizustehen.

Und die Speerspitze der Psychologie machte sich auf, das Phänomen Boyle zu deuten. Ihr Schlüssel zum Erfolg? Sie sei eben "eine aus dem Volk", mit der sich der gemeine Zuschauer identifizieren könne.

Auch ohne Sieg eine Gewinnerin

Diese Idee wurde schon öfter bemüht, bei Paul Potts, dem opernsingenden Handyverkäufer, der auch bei "Britain's Got Talent" überzeugte oder dem "Supertalent" und Hartz-IV-Empfänger Michael Hirte mit der Mundharmonika, der rührend ungeschickt herüberkam.

Doch dürfte es weniger um Identifikation als um Mitleid gehen. Nicht um Respekt auf Augenhöhe, sondern darum, gönnerhaft über ihren Kopf zu streicheln, unbesehen davon, wie gut sie musizieren.

Die Generalprobe lief für Susan Boyle nicht rund. Im Halbfinale trug sie zwar eine neue Frisur und ein Glitzerkleid, dafür eierte sie ziemlich durch "Memory" aus Cats. Ihr größter Konkurrent am Samstag ist nicht ohne: Auch der zwölfjährige Shaheen Jafargholi mit seinem Babygesicht und der Soulstimme hat viele Fans.

Auch wenn Susan Boyle nicht siegen sollte, ist sie eine Gewinnerin. Nicht die Susan Boyle aus Schottland, sondern die aus Kerrville in Texas. Dort lebt nämlich Susan K. Boyle, eine unbeachtete Künstlerin, bieder wie die Britin. Seit die schottische Boyle ihr Lied geträllert hat, haben 200.000 Menschen ihre Internetseite angeklickt.

Viele schreiben ihr, dass sie nicht nur toll singe, sondern ebenso male. Menschen interessieren sich für ihre Kunst, mehr aber noch für ihre Domain www.susanboyle.com. Zuletzt soll ein Mann 500.000 Dollar dafür geboten haben.

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SZ vom 30.05.2009/hai/odg
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