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Casper im Interview:"Die Boulevardisierung der Welt erfüllt mich mit Ekel"

Und irgendwann haben Sie darüber einfach geschrieben?

Das war im Prinzip die Lösung. Aber natürlich schreibe ich nicht mehr bloß für mich selbst, das wäre gelogen. Man weiß, wer das alles hören wird, und das höchstwahrscheinlich eine Menge Leute eine Menge in die Sachen hineinprojizieren werden.

Wie geht die Arbeit dann los?

Anfangs ganz pragmatisch mit Zeitdruck: Die Leute haben die Platte vorbestellt, also müssen wir sie jetzt auch endlich machen. Der Rest kam dann mit der Zeit. Klar war erst mal vor allem, dass ich nicht noch mal erzählen kann, wie ich mich mit 16 im Schützenheim geprügelt habe.

Spielt in dem Prozess Musik anderer Künstler eine Rolle?

Ich liebe "Schall & Wahn" von Tocotronic, vor allem den Song "Eure Liebe tötet mich". So habe ich mich lange gefühlt. Also konnte ich darüber ja auch gleich schreiben.

Manchmal hat man beim neuen Album den Eindruck, dass die eigene Angst für Sie eine Metapher für den Zustand des Landes ist?

Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass parallel zur Boulevardisierung meines Lebens auch die Boulevardisierung der Welt voranschreitet, was mich mit Ekel erfüllt.

"Bild mir keine Meinung aus dieser Zeitung, die von Verleumdungen lebt", rappen Sie etwa, "Morgellion" ist ein Song über Wutbürger und Verschwörungstheoretiker, und generell geht es viel um den Tod. Hier spricht aber schon nicht nur die Kunstfigur "Casper", sondern auch sein Schöpfer Benjamin Griffey, oder?

Schon. Ich habe den Eindruck, dass sich die Welt, in der wir leben, Dystopien wie "The Running Man" angenähert hat. "Lang lebe der Tod, unser täglich Brot" - das ist es, was die Leute wollen, der Tod ist die größte Sensation. Es geht nicht mehr darum, wie schlimm etwas ist, sondern um die Frage, wie man selbst möglichst effektiv die Sensationsgier der Leute befriedigen kann. Die Sendung mit der besten Quote wäre tatsächlich die, bei der ein Kandidat am Ende stirbt. Der krasseste Skandal bekommt am meisten Aufmerksamkeit.

Und ich glaube sogar, dass wir uns erst am Anfang der Ekelsprirale befinden. Andy Warhol hatte Recht. Demnächst werden Bibi und Dagi Bee live aus dem Kriegsgebiet berichten, immer gleich mit den richtigen Produktempfehlungen für Teens. Geflüchtete werden von Youtube-Teams an der italienischen Küste empfangen werden und vor der Kamera Stylingtipps bekommen. Für so was gäbe es 20 Millionen Klicks.

Oha.

Verstehen sie mich nicht falsch, ich beschreibe nur die Orwell-Welt, in der wir inzwischen leben. Es ist natürlich ein heftiges Auskotzen, ein großer Mittelfinger. Aber man spürt hoffentlich auch die Verzweiflung, die Wut und die Ohnmacht, die ich bei diesen Gedanken habe.

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