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Nachruf:Ein Kino wie aus wilden Träumen

Drehbuchautor Jean-Claude Carrière 89-jährig gestorben

Jean-Claude Carrière war einer, der mitriss, inspirierte, weiterbewegte. Seine Kooperationen mit anderen Filmemachern sind legendär.

(Foto: Patrick Kovarik/dpa)

"Belle de Jour", "Die Blechtrommel", "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins": Die Filme von Drehbuchautor Jean-Claude Carrière waren subversive, lustvolle Abenteuer.

Von Fritz Göttler

Zu den abseitigen und geheimnisvollen und kreativen Orten der Kinolandschaft gehört das Kloster Santa María de El Paular, im Norden von Madrid, ein Ort der Begegnung für Künstler, und das gleichnamige Hotel daneben. Der Filmemacher Luis Buñuel hatte es im Jahr 1934 entdeckt, mit seinem Freund Federico García Lorca, und kam dann später, von den Sechzigern an, immer wieder hierher zurück, besonders dann, wenn er einen neuen Film vorbereitete, was er damals gemeinsam mit dem Freund Jean-Claude Carrière machte.

Zum Brainstorming, auch wenn das bei den beiden absolut nichts Stürmisches hatte. Sie aßen bei den Mönchen im Kloster, tranken trockenen Martini in der Hotelbar, gaben sich dem Spiel der Erinnerungen und Assoziationen hin. Jeden Morgen das gleiche Ritual, da musste jeder dem anderen seine Träume der Nacht erzählen. Und wenn er sich an keinen erinnern konnte, sich einen ausdenken.

Die aufregendsten Sachen wurden dann in die Filme gesteckt: das merkwürdig sirrende Kästchen, das ein Kunde Catherine Deneuve und den anderen Nachmittagsprostituierten zeigt und das wir Zuschauer nie zu sehen kriegen. Oder die merkwürdige Begegnung der beiden Pilger auf dem Jakobsweg in "Die Milchstraße", mit dem strengen Mann, der Gott sein könnte und die Männer anweist: Geht und nehmt euch eine Prostituierte, macht Kinder mit ihr... Nennt das erste 'Du bist nicht mein Volk' und das zweite 'Kein Erbarmen mehr'.

Catherine Deneuve Characters: Severine Seriz Film: Belle De Jour (Belle de jour) Fr/It 1967, Director: Luis Bunuel 24 Ma

Sirrt das Kästchen schon wieder? Catherine Deneuve in "Belle de Jour".

(Foto: Mary Evans/Imago)

Die Filme sind von einer freien Fantasie gezeugt, subversiv, ikonoklastisch, lustvoll

Mit "Tagebuch einer Kammerzofe" begann 1964 die gemeinsame Arbeit, und der Produzent musste Carrière nachdrücklich mahnen, er möge "dem Meister" doch bitte auch mal widersprechen. Nach jedem Film gab's dann die Erklärung Buñuels, dies sei nun wirklich sein letzter gewesen, ein halbes Dutzend Mal.

Die sechs Filme, die so entstanden, sind natürlich Werke alter weißer Männer par excellence - Carrière ist geboren am 19. September 1931 -, aber beide waren sich dessen wohl bewusst und haben es immer ironisch reflektiert.

Die Filme sind von einer freien Fantasie gezeugt, subversiv, ikonoklastisch, lustvoll, in der Tradition des Surrealismus. Sie zeigen, schrieb die Filmkritikerin Frieda Grafe, dass der eingleisige Weg von der Ursache zur Wirkung, vom Zeichen zu tieferer Bedeutung auch nur eine Fiktion ist.

Die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Buñuel war wesentlich für Carrière, er hat später auch Buñuels Autobiografie mitgeschrieben, "Mein letzter Seufzer". Freundschaft ist immer ein Grundzug seiner Arbeit gewesen, er gehörte zu der Generation, die Mitte dreißig war, als der Mai 68 kam. Da hatte er den jugendlichen Sturm und Drang schon hinter, die Zeit der Reflexion noch vor sich.

Er war in Cannes, als das Festival gestürmt und abgebrochen wurde, gemeinsam mit seinem Freund Miloš Forman, der aus Prag geflohen war und sich sehr über die Vorstellungen des Westens vom Sozialismus wunderte. Carrière schrieb regelmäßig für Forman, von dessen erstem Film im Westen, "Taking Off", bis zum letzten, "Goyas Geister". Auch mit Louis Malle gab es über die Jahrzehnte viele Filme der Zusammenarbeit oder mit Jacques Deray, Filme mit Belmondo und Delon, darunter auch den "Swimmingpool" mit Delon und Romy Schneider. Auch für Jess Franco schrieb er, der eine Art Buñuel des Horror-, Sado- und Splatterkinos war: "Miss Muerte", auf Deutsch "Das Geheimnis des Doktor Z".

Auch am Drehbuch zu Schlöndorffs "Blechtrommel" hat Carrière mitgeschrieben

Mit Godard machte er 1980 "Rette sich, wer kann (das Leben)" und auch beim nächsten Film "Passion" war er dabei. Mit dem deutschen Filmemacher Peter Fleischmann hat er einige böse Projekte auf den Weg gebracht, die radikal quer standen zum soliden, förderungsbewährten deutschen Autorenkino, "Dorotheas Rache", und "Der dritte Grad", Mitte der Siebziger.

Und ein Jahr nach seinem letzten Buñuel, 1977, "Dieses obskure Objekt der Begierde", hat er das Drehbuch zur "Blechtrommel" gemacht, gemeinsam mit Volker Schlöndorff und Franz Seitz, was eine sehr surreale kreative Kombination scheint. Von da an hat er regelmäßig mit Schlöndorff geschrieben, für Romanverfilmungen von Proust und Tournier, bis hin zu Ulzhan - "Das vergessene Licht", 2006.

All diese Filme sind auf eine magische Weise offen und ungemein poetisch geworden, abenteuerlustiger und freier als viele Stücke, die Schlöndorff für den jungen deutschen Film geliefert hatte. Das gleiche könnte man von Margarethe von Trotta sagen, die in Paris ihre Wohnung im gleichen Haus hatte wie Carrière. Dessen kreatives Potenzial lässt sich nicht an einzelnen Werken festmachen, es ist wie ein Fluidum, das andere inspiriert, weiterbewegt, mitreißt. Als Erzähler war er immer mit dem ganzen Körper aktiv.

Am Montag ist Jean-Claude Carrière im Alter von 89 Jahren in Paris gestorben.

© SZ/khil
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