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Debatte um Carrère-Roman:"Ich lüge nicht"

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Emmanuel Carrère und Hélène Devynck im Jahr 2015 beim Filmfestival in Venedig.

(Foto: Venturelli/Getty Images)

Emmanuel Carrères Buch "Yoga" sorgt in Frankreich für Unruhe: Die Exfrau des Schriftstellers wirft ihm vor, die Vereinbarung gebrochen zu haben, nie wieder über sie zu schreiben. Die entscheidende Frage dabei lautet: Was ist Wahrheit?

Von Johanna Adorján

Das Buch steht auf der Liste für den Prix Goncourt, es gilt (oder galt bis gerade eben) sogar als Favorit für diesen wichtigsten französischen Literaturpreis, der nur an Werke der Fiktion verliehen wird, nicht an Sachbücher, und seien sie noch so literarisch. Das war zum Beispiel damals die Erklärung dafür, warum Philippe Lançons leuchtend literarisches Buch "Der Fetzen" über das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo, das er selbst schwerverletzt überlebt hatte, 2018 keinen Goncourt bekommen konnte.

Es ist also nicht ganz unwichtig, ob Carrères neues Werk als Roman gilt oder als das, was gemeinhin als wahre Geschichte gilt.

Emmanuel Carrère schreibt seit 20 Jahren autobiografisch, seit seinem spektakulären Buch "Der Widersacher", das die wahre Geschichte eines Hochstaplers erzählt, der zum Mörder wurde, als seine Lügen aufzufliegen drohten. Carrère hatte es zunächst als klassische Reportage erzählen wollen, kam aber nicht weiter. Erst, als er sich selbst in die Geschichte mit hineinschrieb, als er "Ich" schrieb, gelang das Erzählen. Er ist bei dieser Methode geblieben, hat "Limonow", "Ein russischer Roman" oder "Das Reich Gottes" als persönliche Geschichten geschrieben, und die Wahrheit klingt selten literarischer als bei dem sich stets in seinen Obsessionen und Schwächen selbst entblößenden Emmanuel Carrère.

Carrère vollbringt das Wunder, zugleich sehr eitel und sehr bescheiden zu sein

"Yoga", das Ende August in Frankreich erschienen ist und sich bisher bereits 171.000 Mal verkauft hat - es ist das erfolgreichste Buch der literarischen Herbstsaison, handelt von Carrères spirituellen Erlebnissen in den Jahren 2015 bis 2019. In seiner unnachahmlichen Erzählweise, die das Wunder vollbringt, zugleich sehr eitel und sehr bescheiden zu sein, berichtet er, dass er eigentlich plante, ein Buch über Yoga zu schreiben, das er immerhin seit 20 Jahren praktiziert. Ein "heiteres und geistvolles Buch über Yoga" sollte es werden, das war der Plan. Zur Recherche begab er sich im Januar 2015 in ein mehrtägiges Schweige-Meditations-Retreat, von dem das erste Drittel von "Yoga" geistvoll und heiter erzählt. Die Ruhe im Retreat wird aber jäh durch den Terroranschlag auf Charlie Hebdo unterbrochen: Einer der Ermordeten, der Autor Bernard Maris, war ein Freund von Carrère, und Maris' Lebensgefährtin wünscht sich nun, dass er, Carrère, auf der Beerdigung eine Rede hält.

Das ist nur der Anfang dieses schillernd disparaten Buchs. Es handelt außerdem davon, dass bei Carrère mit fast 60 Jahren eine bipolare Störung diagnostiziert wird. Vier Monate lang wird er in der psychiatrischen Klinik Sainte-Anne in Paris behandelt, unter anderem mit Elektroschocks. Und es handelt von Geflüchteten auf der griechischen Insel Leros, wo der Ich-Erzähler Carrère ein paar Monate verbringt. Irgendwie gelingt es ihm, all diese Themen wie Jonglierbälle gleichzeitig in der Luft zu halten und zu einer Erzählung zu verweben: Emmanuel Carrères Versuch, ein besserer Mensch zu werden.

"Was die Literatur angeht, oder jedenfalls die Sorte Literatur, die ich betreibe, habe ich eine Überzeugung, eine einzige", schreibt er in "Yoga": "Dies ist der Ort, an dem man nicht lügt." Das sei der absolute Imperativ, alles andere nur Beiwerk, und er glaube, dass er sich an diesen Imperativ immer gehalten habe: "Was ich schreibe, mag narzisstisch und eitel sein, aber ich lüge nicht."

Seine Exfrau wirft Carrère vor, eine Vereinbarung gebrochen zu haben, die vertraglich festgehalten worden sein soll

In der Online-Ausgabe der französischen Vanity Fair ist nun aber ein Text erschienen, der exakt an dieser Aussage rüttelt. Geschrieben hat ihn die Journalistin Hélène Devynck, die langjährige Ehefrau Carrères, die beiden haben zusammen eine Tochter. Sie haben sich im vergangenen Jahr getrennt, sind seit März 2020 auch formal geschieden. Devynck wirft ihrem Exmann in der Vanity Fair vor, eine vertragliche Vereinbarung mit ihr gebrochen zu haben. Und, das wiegt für Carrère vermutlich schwerer: zu lügen.

Sie hätten bei der Trennung vereinbart, dass er nie wieder ohne ihr Einverständnis über sie schreiben darf. Zuvor habe er das berühmtermaßen getan. Etwa in "Alles ist wahr" (2015), wenn er über einen gemeinsamen Urlaub in Sri Lanka schreibt, während dem der Tsunami passiert. Auch sonst habe er oft ihre Ideen, ihren Schmerz, ihre Sorgen, ihre Sexualität, ihre Worte in seinen Werken benutzt, so Devynck. Während ihrer Beziehung sei sie damit auch einverstanden gewesen. Heute, nach der Trennung, wolle sie das nicht mehr. Insbesondere wollte sie demnach nicht in diesem Buch erscheinen, denn hier gehe es um die Verwischung der Grenzen zwischen Fiktion und Lügen. Die Fiktion wolle eine Wahrheit darstellen. Die Lüge aber wolle Wahrheit vertuschen.

Ihr Exmann schlage seinen Lesern einen Wahrheitspakt vor. Er behaupte, nicht zu lügen, und nur hier und da aus freien Stücken etwas auszulassen oder zu fiktionalisieren, um seine Nächsten zu schützen. Diese Behauptung ermögliche ihm, schreibt Devynck: eine rechtliche Einschränkung in Selbstbeweihräucherung umzuwandeln und zugleich auch noch den Goncourt-Juroren, die lieber Romane auszeichnen als Lebensbeichten, sehr kräftig zuzuzwinkern. Was sie, seine ehemalige Frau, angehe, habe er es allerdings an Rücksicht missen lassen.

"Dass ich autobiographische Bücher schreibe, sollte keine Überraschung für dich sein"

Bereits Mitte September hatte der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder in einer Radiosendung angedeutet, dass es um das Buch vor dessen Erscheinen eine rechtliche Auseinandersetzung gegeben habe. Dass es vor der Veröffentlichung aus juristischen Gründen umgeschrieben werden musste, er glaube, mehr dürfe er nicht sagen. Nur so viel: Carrère habe viel streichen müssen, und das merke man dem Buch leider an, so Beigbeder. Tatsächlich war der Erscheinungstermin von Juni auf den Spätsommer verschoben worden, angeblich war Carrère nicht rechtzeitig fertig geworden.

Laut Devynck hatte Carrère, während sie die Einzelheiten ihres Vertrags aushandelten, bereits ellenlang über sie geschrieben. Nur Tage nach der Unterzeichnung des Vertrags bekam sie das fertige Manuskript zugeschickt, versehen mit folgendem Vermerk: "Dass ich autobiografische Bücher schreibe, sollte keine Überraschung für dich sein. Diese Geschichte wäre unverständlich, wenn ich nichts über den Kontext sagen würde." Und der Kontext war sie.

Vielleicht muss man ein Insider des französischen Literaturbetriebs sein und von Carrères Privatleben der vergangenen Jahre gewusst haben, um vom fertigen Buch so enttäuscht zu sein wie Beigbeder. Denn auch wenn die Trennung, die Beigbeder zufolge Auslöser für Carrères klinisch behandelte Depression war, nicht explizit vorkommt, schimmert ein gravierender Bruch im Leben des Ich-Erzählers zwischen vielen Zeilen durch, und einmal, kurz vor Schluss, wird er auch ausbuchstabiert. Da zitiert Carrère auf einmal zwei Seiten lang aus seinem zwölf Jahre alten Buch "D'autres vies que la mienne"; an der betreffenden Stelle geht es um seine Liebe zu ebenjener Hélène, die er auch namentlich nennt: Mit ihr sei er angekommen. Das, was so vielen anderen versagt bleibe, habe er mit ihr gefunden.

Um dann aber bitter aus dem Heute zu ergänzen: "Es ist nicht so gekommen."

Mit dieser Passage, schreibt Denvyck, habe er mutwillig und trickreich ihre Vereinbarung gebrochen. Es sei eine "grobe List", einen alten Text über sie nochmals zu veröffentlichen, sie empfinde das als Verrat. Natürlich stehe es dem Autor frei, seine Lebensgeschichte so zu erzählen, wie er wolle. Sie aber wollte vertraglich zugesichert die Freiheit haben, darin nicht vorzukommen. Devynck verrät zudem, dass Carrère in Wahrheit nicht Monate auf Leros verbracht habe, sondern wenige Tage, und zwar mit ihr zusammen. Und dass er nicht nach seinem Krankenhausaufenthalt dort war, wie im Buch dargestellt, sondern noch vor seiner Diagnose. Sie könne diese Liste ewig fortsetzen, schreibt sie.

Carrère hat am Freitagabend im französischen Fernsehen dazu Stellung bezogen und noch mal schriftlich in der Samstagsausgabe der Zeitung Libération. Er zeigt sich zerknirscht, betrübt, findet aber, er habe doch alles richtig gemacht und sich an die Abmachung gehalten. Dass die Geschichte einer beendeten Liebe in seinem Buch nun als Auslassung vorkomme, sei schmerzhaft, aber vielleicht auch sehr treffend. Er könne nachvollziehen, dass es kompliziert sei, in einem Buch vorzukommen, und genauso: nicht vorzukommen. Und nein, es seien nicht nur Tage auf Leros gewesen, sondern bestimmt zwei Wochen.

Was ist wahr und was nicht? Was darf Literatur? Und wer bekommt nun den verdammten Prix Goncourt? Auch wenn seine Exfrau Emmanuel Carrère Lügen vorwirft, dürfte der Umstand, dass das Buch umgeschrieben werden musste, um nicht justiziabel zu sein, die Chancen auf einen Goncourt schmälern.

Wahr ist aber auch, dass dieses Buch, das geistvoll und ein wenig erschöpft von Yoga und Depression, Meditation und Terrorismus, Einatmen und Sterben erzählt, sich auch dann wunderschön liest, wenn man von alledem nichts weiß.

© SZ/cag
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