Carolina Setterwall: "Betreff: Falls ich sterbe":Voyeurismus ohne Tränen

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Erzählprinzip Reißverschluss: Carolina Setterwall erzählt eine Liebesgeschichte von ihrem Ende und ihrem Anfang her. (Foto: Linnea Jonasson Bernholm/Linnea Jonasson Bernholm)

In Carolina Setterwalls Buch "Betreff: Falls ich sterbe" wird viel geweint, aber es berührt einen seltsam wenig. Über die Grenzen des autofiktionalen Erzählens.

Von Sophie Wennerscheid

Die Bremsen kreischen. Es kracht, heftig. Totenstille. Dann das Heulen der Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen. Am Straßenrand sammeln sich Schaulustige. Entsetzen und Mitleid mischen sich mit Voyeurismus und Sensationsgier. So ähnlich geht es einem beim Lesen von Carolina Setterwalls Debüt "Betreff: Falls ich sterbe", das 2018 in Schweden erschien und schnell weltweit verkauft wurde. Der Titel des Buchs ist lakonisch und sein Stil weit vom Schlagzeilenstil der Yellow Press entfernt, aber es wird hier wie dort auf einer ähnlichen Klaviatur der Gefühle gespielt. In Setterwalls Buch, das bewusst auf eine Genreangabe verzichtet und wohl am ehesten in die Kategorie "eine wahre Geschichte" passt, entspricht das Kreischen der Bremsen dem ersten Kapitel des Buchs, "Mai 2014". Die Ich-Erzählerin Carolina sitzt auf dem Sofa und stillt ihren drei Monate alten Sohn Ivan als sie eine E-Mail ihres Partners und Vaters des Kindes erhält: "Gut zu wissen, falls ich mal den Löffel abgebe: Mein Computerpasswort ist Ivan2014. Eine ausführliche Liste befindet sich im Dokument Falls ich sterbe.rtf. Hoffen wir das Beste! LG Aksel."

Fünf Monate später, am 27. Oktober 2014, noch immer ganz am Anfang des Buchs, kracht es. Nachdem sie die Nacht wie üblich mit dem Kind im Nebenzimmer verbracht hat, geht Carolina mit Ivan auf dem Arm ins Schlafzimmer, um Aksel zu wecken. "Ivan will gerade loskrabbeln, als ich sehe, dass etwas nicht stimmt. Du liegst auf eine Weise da, wie du es sonst nie tust, wenn du schläfst. Verdreht und krumm, in vorgekippter Seitenlage, dein Gesicht ins Kissen gedrückt." Auf einmal ist klar, "Du bist nicht mehr da. Du bist tot." Später lernen wir: plötzliches Herzversagen.

Von diesem Verlustschock her entwickelt Setterwall ihre Geschichte, die von ihrem tragischen Ende, aber auch, sonst wäre sie nicht tragisch, von der romantischen Liebe zwischen dem Eigenbrötler Aksel und der nach vorn drängenden Carolina lebt. Katze, Wohnung, Baby, ist das eine erreicht, muss das nächste geschehen. Ein Innehalten, ein Rücksichtnehmen auf das Tempo des Partners gibt es nicht. In diese Geschwindigkeit nimmt das Buch auch seine Leserin mit hinein. Die Ereignisse ziehen einen in ihren Bann, weggucken, weitergehen wie bei einem Verkehrsunfall kaum möglich. Der Leser wird zum Voyeur.

Struktur und Stil zwingen dazu, sich mit der Erzählerin zu identifizieren. Ihr Ich saugt alles ein

Der erste Teil des Buches umfasst die Jahre 2009 bis 2014 und funktioniert nach dem Prinzip eines Reißverschlusses, der vom falschen Ende her aufgerissen wurde und dessen Seiten es nun wieder zusammenzufügen gilt. Der eine Erzählstrang handelt von der Zeit mit Aksel und der andere von der ohne ihn. Im April 2009 lernen Carolina und Aksel sich auf einer Party kennen. Es folgt, brutal dagegen geschnitten, Aksels Tod im Oktober 2014. Im Kapitel darauf lesen wir von der ersten gemeinsam verbrachten Nacht im Mai. Dann springen wir wieder vor in die ersten Stunden nach seinem Tod. Zurück zum ersten Besuch bei den Eltern im Juni und wieder vor zum Sterbetag, an dem mittlerweile die Familie des Toten eingetroffen ist. Die Turbulenzen des Liebeslebens, Lust und Frust des Zusammenseins: Kapitel um Kapitel, kaum eins länger als drei, vier Seiten, aber alle mit der genauen Monats- und Jahresangabe versehen, werden die beiden Zeitebenen zusammengeführt. Am Ende springen wir noch ein letztes Mal zu der Nacht vor Aksels Tod zurück: "Als ich in der letzten Nacht einschlafe, in einem Schlafzimmer, das an deins grenzt, tue ich das in dem Glauben, dass wir Tausende von Tagen vor uns haben. Das haben wir nicht. Diese Nacht ist unsere letzte. Wir verbringen sie nicht gemeinsam."

Der Ton gleicht sich in allen Kapiteln, die Sätze sind kurze Bestandsaufnahmen ohne schmückende Adjektive, Bilder und Vergleiche. Alle richten sich im Präsens und in Du-Form an Aksel. Das macht das Buch eindringlich. Aber auch eintönig. Der Stil nimmt einen hinein in die Klage über ein nicht zu Ende gelebtes, ein gehetztes, vielleicht ein zu Tode gehetztes Leben. Es bleibt der Leserin aber auch nichts anderes zu tun, als der Geschichte zu folgen. Da es keine Zwischentöne, keine Perspektivenwechsel, keine Metaebene gibt, bewegen wir uns zwar zwischen heute und damals, bleiben aber die ganze Zeit an der Oberfläche des Erzählten.

Es hilft wenig, dass die Erzählerin uns teilhaben lässt an ihrer schmerzhaften Selbstbefragung, wie viel Schuld sie möglicherweise an dem Tod des Geliebten hat. Ist sie, die so sehr auf ein gutes Leben fokussiert war, übers Ziel hinausgeschossen? Natürlich bescheinigen alle, Familie, Freunde, Ärzte und Psychologen, dass sei nicht der Fall gewesen. Und die Leserin kann nicht anders, als dieser Lesart zu folgen, es ist die einzige, die das Buch zulässt. Trotz der Selbstzweifel und der oft unsympathischen Züge der Protagonistin kann sie sich der Sympathie oder zumindest der Empathie der Leserin sicher sein. Struktur und Stil des Buches sind darauf angelegt, uns mit der Trauer, der Wut, der Getriebenheit und Bitterkeit Carolinas zu identifizieren. Alles wird eingesogen in den Strudel des leidenden Ichs.

Carolina Setterwall: Betreff: Falls ich sterbe. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021, 476 Seiten, 22 Euro. (Foto: N/A)

Dass die Vorarbeiten zu Setterwalls Buch ihrem Blog entstammen, den sie nach dem Tod des Partners begonnen hat, passt gut ins Gesamtbild dieses Buchs, dessen Ton zwar sachlich ist, genau damit aber auf die Emotionalisierung des Lesers zielt. Wer einmal den autobiografischen Pakt mit der Autorin geschlossen hat, kann ihr gegenüber nur schwer Distanz wahren. Ihr Leiden macht sie sakrosankt. Das Komische daran ist nur: das Leiden berührt nicht. Der Erzählerin fließen permanent die Augen über. Ihr Gesicht ist verquollen vom ständigen Weinen. Wer wollte ihr es verdenken. Nur lässt es trotzdem kalt. Sicher nicht jede Leserin und jeden Leser. Aber wohl den- und diejenige, die von Literatur mehr erwartet als eine hell ausgeleuchtete Leidensgeschichte.

Ob nun als Roman vermarktet oder als erlebtes Leben präsentiert, der Stoff braucht die richtige Stimme. Die hat Setterwall hier nicht gefunden. Vor allem der lange zweite Teil des Buches, der die Jahre 2015 und 2016 umfasst, wirkt verstörend eindimensional. Nun folgen wir chronologisch dem Leiden der jungen Frau, deren Leben sich nun um ihr Kind dreht, während der Text selbst im Stillstand verharrt. Dieser Mangel an literarischer Finesse kann sich hinter dem tagebuchartigen Duktus verstecken, aber das rettet die Geschichte nicht davor, ins Kolportageartige abzurutschen.

Als Carolina sich am Ende in einen Mann verliebt, der seine Frau verloren hat und die kleine Tochter allein großziehen muss, ist das Glück groß. Dann wird sie unerwartet schwanger, er will das Kind, sie nicht. Sie entscheidet sich für eine Abtreibung. Die Beziehung ist, bis auf Weiteres, gescheitert. Dass die Ereignisse autobiografisch verbürgt sind, macht es schwer, das Gelesene als zu dick aufgetragen zu kritisieren. Aber ist es nicht egal, ob es sich um einen Roman oder um erlebtes Leben handelt? Wenn die traumatische Dimension des Erlebten nicht zum Tragen kommt, sondern aller stilistischen Geradlinigkeit zum Trotz verplaudert wird, dann kann der Text nicht als Text, nicht als Literatur überzeugen, sondern bleibt eine Echokammer für Emotionen, die, gerade weil sie nicht über sich hinausweisen, nicht berühren.

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