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Carolin Emckes RAF-Buch:Die Täter sollen sprechen können

Es lässt sich einiges einwenden gegen diesen Vorschlag. Der Staat ist verpflichtet, Mord und Terror zu ahnden. Die Täter haben ein Recht auf eine angemessene Strafe, die Allgemeinheit den Anspruch, vor ihnen geschützt zu werden. Der moderne Rechtsstaat beginnt, indem er sich als Instanz der Allgemeinheit, unabhängig von Opfern und Tätern gleichermaßen behauptet, sein Gewaltmonopol nach Regeln durchsetzt.

Carolin Emcke weiß das, und hat starke Gründe auf ihrer Seite. Auch in einem Gerichtsverfahren werden detaillierte Aussagen und Reue hoch bewertet; das Urteil wird gesprochen - Zeichen für die Rückkehr zum Gespräch.

Ermittlungen wurden zum Desaster

Aber die Mörder Herrhausens sind nie gefasst worden. Die Ermittlungen wurden zum Desaster, einem gespenstischen Schurkenstück, von dem Verschwörungstheoretiker lange zehren könnten. Ein psychisch kranker V-Mann des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz machte zunächst detaillierte Aussagen, widerrief dann diese und schließlich seinen Widerruf.

Den Zorn der Opfer auf die Bundesanwaltschaft kann man gut verstehen. Wir wissen nicht, wer Detlev Karsten Rohwedder, wer Alfred Herrhausen oder Gerold von Braunmühl tötete.

Die zum Teil hysterischen Reaktionen auf die Gnadengesuche von Christian Klar und Birgit Hogefeld verrieten wenig Interesse an der Wahrheit, auf die gerade die Angehörigen ein Anrecht besitzen. Aber auch die Öffentlichkeit weiß wenig über die zweite und dritte Generation der RAF, muss sich mit halben Geschichten, Legenden und Lücken bescheiden.

Im Namen des Kollektivs

Die bisherigen Aufklärungsversuche haben nicht zum Erfolg geführt. Warum also nicht Freiheit gegen Aufklärung tauschen? Den stärksten Grund zur Skepsis benennt Wolfgang Kraushaar in seinem hellsichtigen Kommentar im selben Buch. Die Terroristen sind nicht zum Reden gemacht, ihre "Identität", ihr Selbstverständnis verbietet ihnen geradezu die Teilnahme an dem Gespräch, das Emcke fordert.

Man muss nur in den Erinnerungen blättern, die Till Meyer von der "Bewegung 2. Juni" verfasst hat. Taktische Kritik wird man da finden, manches Detail, aber keine Bereitschaft, das Revolutionskollektiv zu verlassen, als Individuum andere Individuen zu akzeptieren.

Emcke selbst berichtet von einem Besuch bei Peter-Jürgen Boock, der damals log wie später auch. Ihr Gegenbeispiel ist Silke Maier-Witt, die nach ihrer RAF-Karriere in der DDR untertauchte, 1990 verhaftet wurde. Sie wirke heute scheu, offen, transparent, "wie es nur jemand sein kann, die sich rücksichtslos selbstkritisch betrachtet hatte". Da sie wohl den Mut zum Sprechen besäße, wünschte Emcke manchmal, Maier-Witt hätte Herrhausen ermordet.

Skepsis bleibt

Aber wäre vom Gros der Terroristen mehr zu erwarten als Sündenstolz oder Legitimationsrhetorik? Wer würde, nachdem ihnen Straffreiheit zugesichert wurde, ihre Aussagen prüfen, ob diese richtig und vollständig sind? Wer garantiert die sachgerechte Information über V-Männer und ihre Umtriebe? Wären die Motive der Täter im Gespräch besser zu verstehen oder enthalten die halb gestanzten, halb vulgären Erklärungen die ganze platte Wahrheit über die Propaganda der Tat? Welche Form müsste man finden, um den Anklang an Kritik- und Selbstkritik-Rituale, an die Unterwerfung des anderen im Dialog zu vermeiden?

Skepsis bleibt, aber sie ist auch im Inneren dieses Textes stets präsent. Er phantasiert nicht von Versöhnung, Erlösung, Heilung. Er vergegenwärtigt Schmerz und Erniedrigung durch Gewalt, lebt vom gestauten Pathos der Aufklärung, die konsequent nicht ohne einen utopischen Ausblick zu haben ist. Im Blick auf das gewünschte Gespräch erfahren wir, was fehlt.

Emcke will bloß Wahrheit. Das ist mehr als die Öffentlichkeit fordert, wenn von der jüngsten Vergangenheit die Rede ist, und es ist mehr, als sie bekommt.

Carolin Emcke: Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF. Mit Beiträgen von Winfried Hassemer und Wolfgang Kraushaar. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 190 Seiten, 16,90 Euro.