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Carolin Emckes RAF-Buch:Die Täter sollen sprechen können

Noch immer sind die Mörder des RAF-Opfers Alfred Herrhausen nicht gefasst. In ihrem neuen Buch "Stumme Gewalt" schlägt Carolin Emcke eine Amnestie für die Täter vor. Denn sie will bloß noch die Wahrheit.

Drei Wochen nachdem die Mauer gefallen war, wurde Alfred Herrhausen ermordet. Carolin Emcke, die ihn seit langem kannte - er war ihr Patenonkel - fuhr zum Haus der Familie nach Bad Homburg. An diesem Tag begann sie zu rauchen. Er scheidet ihr Leben. Es gibt ein Davor und ein Danach und "in der Mitte nur eine Bruchstelle der Bewusstlosigkeit".

Sie war damals 22 Jahre alt, sie ist Journalistin geworden, hat für den Spiegel geschrieben, aber über ihre Freundschaft zu Herrhausen und die Tage nach dem Attentat hat sie in den knapp zwei Jahrzehnten seither nicht berichtet.

Jetzt tut sie es in einem schmalen Buch, das in Form und Gehalt so ungewöhnlich ist wie wenige. Gut sortierende Leser werden eine Weile zögern, bis sie für dieses "Nachdenken über die RAF" den richtigen Platz im Regal gefunden haben.

Eine Meditation im philosophischen Sinne

Man wird es kaum zu den Werken der Zeitgeschichte stellen wollen. Emcke bemüht sich nicht, aus allerlei Quellen ein stimmiges Bild zu gewinnen, das Gewesene zu vergegenwärtigen. Meist stellt sie Fragen, manchmal spekuliert sie. Und obwohl ihr Buch eine klare Forderung aufstellt - die Einrichtung eines öffentlichen Forums für das Gespräch zwischen Tätern und Opfern -, stünde "Stumme Gewalt" unglücklich neben politischen Streitschriften und Analysen.

Verfasst hat sie eine Meditation im philosophischen Sinne, so wie man es von Descartes kennt. Der Zweifel an dem, was gewiss scheint, gehört ebenso dazu wie die streng kontrollierte Sprache.

Emcke eröffnet eine plapperfreie Zone. Die wenigen Floskeln politischer Theorie, die sich eingeschlichen haben, stören umso mehr. Hier soll jedes Wort schweres Gewicht tragen. Einzeln stehen die meisten Sätze auf einer Zeile. Das Druckbild verspricht Prosaminiaturen, zwingt den Leser zum geduldigen Nachvollzug.

Route jenseits der unverhohlenen Konfrontation

Das passt zur Absicht, die sicheren Häfen des Meinens und Bescheidwissens zu verlassen, eine Route zu suchen jenseits des "ungebrochen Kollektiven", der unverhohlenen Konfrontation, aber auch abseits "individualistischer Intimität".

Am Nachmittag, man saß zu mehreren in der Küche, "hatte die RAF angerufen. Das ist nicht richtig. Da war keine Gruppe, die anrief. Da war noch nicht einmal ein Mensch. Es war eine gesichtslose, akzentfreie, männliche Stimme, die mit niemandem sprechen wollte, sondern nur verkünden." Das Opfer, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, seine Familie, seine Freunde werden zum Objekt degradiert, auf Posten geschoben nach dem Plan der Verbrecher.

Mit der Erfahrung biographischer Enteignung beginnen diese Meditationen. Sie versprechen keine neue Wahrheit über die RAF, begründen vielmehr, warum wir trotz Ermittlungen, Recherchen und Geschichtsschreibung, öffentlicher Debatte und Ausstellungen dem Schweigen weiterhin ausgeliefert sind.

Freiheit gegen Aufklärung

Um den Raum des Schweigens zu verlassen, in den Täter und Opfer eingeschlossen sind, schlägt Carolin Emcke ein Gespräch vor. Sie will wissen, was die Täter in Herrhausen sahen, wie sie ihn beobachteten, ob sie bemerkt hatten, dass er ein neues Hüftgelenk besaß, ob ihnen Zweifel gekommen waren.

Sie will die Geschichte in ihrem ganzen Umfang, in ihren Details kennen, um sie erzählen zu können. "Sie", die Terroristen, "sollen gehen dürfen. Frei sein. So frei, wie man sein kann, wenn man Schuld auf sich geladen hat. (. . .) Freiheit gegen Aufklärung. Amnestie für das Ende des Schweigens."

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum für Terroristen das offene Gespräch so schwierig ist.

Die Täter sollen sprechen können

Es lässt sich einiges einwenden gegen diesen Vorschlag. Der Staat ist verpflichtet, Mord und Terror zu ahnden. Die Täter haben ein Recht auf eine angemessene Strafe, die Allgemeinheit den Anspruch, vor ihnen geschützt zu werden. Der moderne Rechtsstaat beginnt, indem er sich als Instanz der Allgemeinheit, unabhängig von Opfern und Tätern gleichermaßen behauptet, sein Gewaltmonopol nach Regeln durchsetzt.

Carolin Emcke weiß das, und hat starke Gründe auf ihrer Seite. Auch in einem Gerichtsverfahren werden detaillierte Aussagen und Reue hoch bewertet; das Urteil wird gesprochen - Zeichen für die Rückkehr zum Gespräch.

Ermittlungen wurden zum Desaster

Aber die Mörder Herrhausens sind nie gefasst worden. Die Ermittlungen wurden zum Desaster, einem gespenstischen Schurkenstück, von dem Verschwörungstheoretiker lange zehren könnten. Ein psychisch kranker V-Mann des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz machte zunächst detaillierte Aussagen, widerrief dann diese und schließlich seinen Widerruf.

Den Zorn der Opfer auf die Bundesanwaltschaft kann man gut verstehen. Wir wissen nicht, wer Detlev Karsten Rohwedder, wer Alfred Herrhausen oder Gerold von Braunmühl tötete.

Die zum Teil hysterischen Reaktionen auf die Gnadengesuche von Christian Klar und Birgit Hogefeld verrieten wenig Interesse an der Wahrheit, auf die gerade die Angehörigen ein Anrecht besitzen. Aber auch die Öffentlichkeit weiß wenig über die zweite und dritte Generation der RAF, muss sich mit halben Geschichten, Legenden und Lücken bescheiden.

Im Namen des Kollektivs

Die bisherigen Aufklärungsversuche haben nicht zum Erfolg geführt. Warum also nicht Freiheit gegen Aufklärung tauschen? Den stärksten Grund zur Skepsis benennt Wolfgang Kraushaar in seinem hellsichtigen Kommentar im selben Buch. Die Terroristen sind nicht zum Reden gemacht, ihre "Identität", ihr Selbstverständnis verbietet ihnen geradezu die Teilnahme an dem Gespräch, das Emcke fordert.

Man muss nur in den Erinnerungen blättern, die Till Meyer von der "Bewegung 2. Juni" verfasst hat. Taktische Kritik wird man da finden, manches Detail, aber keine Bereitschaft, das Revolutionskollektiv zu verlassen, als Individuum andere Individuen zu akzeptieren.

Emcke selbst berichtet von einem Besuch bei Peter-Jürgen Boock, der damals log wie später auch. Ihr Gegenbeispiel ist Silke Maier-Witt, die nach ihrer RAF-Karriere in der DDR untertauchte, 1990 verhaftet wurde. Sie wirke heute scheu, offen, transparent, "wie es nur jemand sein kann, die sich rücksichtslos selbstkritisch betrachtet hatte". Da sie wohl den Mut zum Sprechen besäße, wünschte Emcke manchmal, Maier-Witt hätte Herrhausen ermordet.

Skepsis bleibt

Aber wäre vom Gros der Terroristen mehr zu erwarten als Sündenstolz oder Legitimationsrhetorik? Wer würde, nachdem ihnen Straffreiheit zugesichert wurde, ihre Aussagen prüfen, ob diese richtig und vollständig sind? Wer garantiert die sachgerechte Information über V-Männer und ihre Umtriebe? Wären die Motive der Täter im Gespräch besser zu verstehen oder enthalten die halb gestanzten, halb vulgären Erklärungen die ganze platte Wahrheit über die Propaganda der Tat? Welche Form müsste man finden, um den Anklang an Kritik- und Selbstkritik-Rituale, an die Unterwerfung des anderen im Dialog zu vermeiden?

Skepsis bleibt, aber sie ist auch im Inneren dieses Textes stets präsent. Er phantasiert nicht von Versöhnung, Erlösung, Heilung. Er vergegenwärtigt Schmerz und Erniedrigung durch Gewalt, lebt vom gestauten Pathos der Aufklärung, die konsequent nicht ohne einen utopischen Ausblick zu haben ist. Im Blick auf das gewünschte Gespräch erfahren wir, was fehlt.

Emcke will bloß Wahrheit. Das ist mehr als die Öffentlichkeit fordert, wenn von der jüngsten Vergangenheit die Rede ist, und es ist mehr, als sie bekommt.

Carolin Emcke: Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF. Mit Beiträgen von Winfried Hassemer und Wolfgang Kraushaar. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 190 Seiten, 16,90 Euro.