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Zum Tod von Carlo Strenger:Ein leidenschaftlicher Verteidiger der liberalen Demokratie

Buch/ Carlo Strenger: Diese verdammten liberalen Eliten; Carlo Strenger

Der Schweizer Publizist und Professor für Psychologie und Philosophie, Carlo Strenger, ist im Alter von 61 Jahren gestorben. Das gab der Suhrkamp Verlag am Freitagabend bekannt.

(Foto: Ofer Chen/ Suhrkamp)

Der aus der Schweiz stammende Publizist und Psychotherapeut Carlo Strenger ist überraschend verstorben. Sein Kampf für die liberale Demokratie und den Rechtsstaat ist sein Vermächtnis.

"Diese verdammten liberalen Eliten. Wer sie sind und warum wir sie brauchen": Dieses im Mai erschienene Buch sollte sein letztes sein. Am Freitagabend gab der Suhrkamp Verlag bekannt, dass der Schweizer Publizist und Professor für Psychologie und Philosophie, Carlo Strenger, völlig überraschend im Alter von 61 Jahren in Tel Aviv verstorben ist. Über die Todesursache wurde nicht informiert.

Strenger, der auch in Israel eine Praxis als Psychotherapeut hatte und in Tel Aviv lehrte, versuchte in seinen Kolumnen für die Neue Zürcher Zeitung, den britischen Guardian und die israelische Haaretz vor allem den Fragen der Globalisierung und Spaltung der Gesellschaft nachzugehen. In seinem letzten Buch beschäftigte er sich damit, wer denn diese liberalen Eliten überhaupt seien, die nach Ansicht der Rechtspopulisten an allen Problemen unserer Zeit schuld seien. Er stellt gleich zu Beginn einen vor: sich selbst.

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Geboren wurde Strenger 1958 in Basel, er wuchs in einem orthodoxen jüdischen Elternhaus auf. Seine Wandlung zum säkularen Atheisten beschrieb er einmal als die prägendste Erfahrung seines Lebens. Er studierte in Zürich und Jerusalem, später lehrte er in Tel Aviv und New York. Strenger war ein Kosmopolit und jener Homo Globalis, den er in seinen Büchern The Designed Self und The Fear of Insignificance beschrieben hat. In seinen Studien ging er der Frage nach, wie Menschen, die in einer globalisierten Realität aufwachsen, mehr durch Medien als durch Traditionen beeinflusst werden - und welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Strenger hielt nicht nur anderen, sondern auch sich selbst einen Spiegel vor.

Sein Kampf für die liberale Demokratie ist sein Vermächtnis

In seinem Buch Israel: Einführung in ein schwieriges Land und in vielen seiner Kolumnen widmete er sich dem Nahost-Konflikt. Wie viele Linke war auch Strenger ein scharfer Kritiker der israelischen Besatzung im Westjordanland und des Siedlungsbaus. Aber er trat auch dagegen auf, wenn Israel einseitig verurteilt wurde. Zunehmend wurde er pessimistischer, was die Realisierung einer Zwei-Staaten-Lösung betrifft. Er machte sich auch Sorgen um die Demokratie in Israel, die er durch die Angriffe von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu auf den Rechtsstaat gefährdet sah. Den zunehmenden Einfluss der ultraorthodoxen und nationalistischen Kräfte machte er verantwortlich dafür, dass sich die Gesellschaft in dem Land immer mehr verändert.

In seiner letzten Kolumne für die NZZ stellte er die Frage: "Können Demokraten zynische Staatschefs stoppen?" Strenger bezog sich auf "die Dramen" in den USA, in Großbritannien und Israel. Wie ein guter Therapeut versuchte er stets Positives zu finden und immer wachzurütteln. Sein Fazit: "Vielleicht wird sich also noch ein Kern dessen, was einmal ,die freie Welt' genannt wurde, bewahren. Aber dies wird nur der Fall sein, wenn die Bürger diese liberale Ordnung nicht als garantiert ansehen und bereit sind, gegen totalitäre Tendenzen mit allen legalen Mitteln zu kämpfen." Sein Kampf für die liberale Demokratie und den Rechtsstaat ist sein Vermächtnis. Die Zurufe des scharfen Analytikers werden fehlen.

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