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Rap-Video "WAP":Bodenlose Versautheit

Cardi B - WAP feat. Megan Thee Stallion_Youtube

Stolz und Fleischlichkeit: Szene aus "WAP".

(Foto: Cardi B feat. Megan Thee Stallion/Youtube)

Die Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion breiten im Video zu ihrem Song "WAP" sexuelle Schlüsselbilder aus, die man aus maskulin gesteuerten Inszenierungen kennt. Aber es geht um so viel mehr.

Von Joachim Hentschel

Nein, natürlich wird keine Vulva gezeigt in dem Musikvideo. Und ja, trotzdem glaubt man sie zu sehen, viele sogar. Wenn man "WAP" laufen lässt, den radikalen, sensationellen Hip-Hop-Clip der US-Rapperinnen Cardi B und Megan Thee Stallion, werden die Vulven und Vaginen sogar irgendwie hörbar. Was schon semiotisch bemerkenswert ist.

Es kam ja bislang selten vor, dass ein Hitradiosong weibliche Geschlechtsorgane mit derart großem poetisch-euphorischem Aufwand beschworen und buchstäblich in Manifesttafeln gemeißelt hat. "WAP", Anfang August veröffentlicht, hat gerade die Nummer-eins-Position der amerikanischen Charts erreicht und wurde auf Youtube bis Sonntag 128 Millionen mal angeklickt. Und es ist, auch ohne solche Zahlen, zum komplett unwahrscheinlichen Sommerhit geworden, in einem Jahr, in dem die ordnungsgemäße Abwicklung eines Popsommers gar nicht möglich war. Der Ruhm kommt auch daher, dass im Diskurs über Song und Video wirklich alles zusammendiffundiert ist, was derzeit an Hashtags und kulturellen Topoi umherfliegt: Gender- und Hautfarbenpolitik, Cancel Culture, kulturelle Aneignung, der US-Wahlkampf, sogar Hygienefragen.

Riesige, glänzende Körperteile

Ärztinnen meldeten sich zu Wort, widersprachen dem Statement eines rechtsrepublikanischen Moderators, der die im Lied zelebrierte tropfnasse Vagina ("WAP" steht für "wet-ass pussy") als medizinisch bedenklich einstufte. Sogar der "Tiger King" hüpfte noch einmal aus der Kiste, die in den Lockdown-Wochen geliebte Netflix-Doku über Geschäfte mit Wildtieren. Carole Baskin, in der Serie die Schurkin, kritisierte den Einsatz von Tigern bei den "WAP"-Dreharbeiten. Cardi B antwortete sinngemäß, dass eine Frau, die unter Verdacht stehe, ihren Mann ermordet zu haben, ganz ruhig sein könne.

In dem Video sieht man die zwei Heldinnen - in postmodern-körperbetonten Kunstkleidern von Nicolas Jebran und Thierry Mugler - mit diversen Partnerinnen durch eine Villa wandeln, die zu gleichen Teilen Caligari-Kabinett, Bumsbuden-Fantasie und Bugs-Bunny-Cartoon ist. "There's some whores in this house", es sind Huren im Haus, wiederholt eine gesampelte Stimme, die über dem irren Rummelplatz aus Wasserballett, gynäkologischer Choreografie, riesigen, glänzenden Körperteilen und einem enzyklopädischen Reigen an Sexmetaphern kreist. Lustigerweise ist im Video nur eine entschärfte Version des Songs zu hören, das Original findet man bei Audio-Streamingdiensten.

Ob "WAP" denn noch feministische Ermächtigung sei oder schon wieder Porno nach altem, heteronormativen Rezept, stellte der Schauspieler Russell Brand zur Debatte, leider so altklug und dusslig, dass er niedergebrüllt wurde. Dabei ist die Frage gar nicht dumm - und führt, anders als die lahme, katholischstämmige Moralkritik, ins Zentrum des Phänomens.

Natürlich breiten Cardi B und Megan Thee Stallion eine Menge an sexuellen Schlüsselbildern aus, die so ähnlich auch in maskulin gesteuerten Inszenierungen vorkommen (Regie führte zwar Colin Tilley, aber die Kreativdirektion lag in den Händen von Cardis Gefolgschaft). Entscheidend ist jedoch, dass im "WAP"-Video keine Männer vorkommen, nicht als Absender oder Wortführer, nicht einmal als Leerstellen, die gefüllt werden müssten. Für männliche Betrachter ist es hier kaum möglich, die Brüste und Hintern irgendwie auf sich zu beziehen, diesen Sex persönlich zu nehmen. In Hip-Hop-Videos gibt es die Idee schon länger, der Clip ist ein neuer Kulminationspunkt.

100 000 Dollar für Corona-Tests

Aber die wahre Bedeutung von "WAP" reicht weiter. Denn besonders nach den verschiedenen Schreckensbildern der letzten Monate liegt eine geradezu unbändige Kraft im Anblick einer Chorus Line aus schwarzen Frauen, die im knöcheltiefen Wasser tanzen, Stolz und Fleischlichkeit behaupten, das verbindende Element menschlicher Körperausflüsse feiern.

Cardi B hat aus gutem Grund betont, dass sie für Corona-Tests beim Dreh über 100 000 Dollar ausgegeben habe, dennoch (oder gerade deshalb) ist die bodenlose Versautheit von "WAP" die transgressive Utopie der Stunde. Man kann dieses Video nicht reinigen. Das, was viele andere Schmutz nennen, bedeutet hier einfach alles.

© SZ vom 24.08.2020
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