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"Captain America 2" im Kino:Der Patriot leidet

Kinostarts - 'Captain America 2: The Return Of The First Avenger'

Szene aus "Captain America 2"

(Foto: dpa)

In der zweiten Captain-America-Verfilmung "The Return of the First Avenger" kämpft der Captain auch gegen Melancholie und Paranoia. Unter dem üblichen Marvel-Pomp versteckt sich diesmal ein fieser Thriller.

Von David Steinitz

Der Captain joggt. Und zwar in irrer Geschwindigkeit rund um das riesige Becken vor dem Lincoln Memorial in Washington - wie es sich für einen patriotischen Superhelden gehört. Der einzige andere Läufer, der hier kurz vor Sonnenaufgang ebenfalls unterwegs ist und mithalten will, liegt bald fix und fertig im Gras.

Stählerne Physis und stählerner Patriotismus, das waren die Tugenden, die Captain America während des Zweiten Weltkriegs als fiktive Nemesis der Nazis zum Comic-Superstar machten. Und das sind die Tugenden, die das Regie-Brüderpaar Anthony und Joe Russo ihren Helden in "The Return of The First Avenger" nur zu Beginn beim Joggen genießen lassen, und mit denen sie ihn anschließend genüsslich in den Wahnsinn treiben.

Der zweite Teil der Captain-Saga schließt inhaltlich an den Superhelden-Gruppenausflug "The Avengers" an, bei dem der Captain (Chris Evans) sich dem Geheimdienst S.h.i.e.l.d und der hübschen Black Widow (Scarlett Johansson) angeschlossen hatte. Und hat natürlich wieder den gewohnten Marvel-Action-Pomp zu bieten: Monsterschlachten mit fliegenden Kriegsschiffen und spektakuläre Kabbeleien mit einem renitenten Bösewicht namens Winter Soldier. Der Zuschauer weiß zwar, dass der Held nie ernstlich in Todesgefahr schwebt- schließlich ist bereits der Start von "Captain America 3" angekündigt. Doch sogar daraus machen die Russos einfach eine Tugend: Sie setzen weniger auf körperliche Bedrohung denn auf mentale. Weshalb der "First Avenger" unter seiner dicken Action-Glasur im Kern vor allem ein ziemlich fieser Thriller über Paranoia und Einsamkeit geworden ist.

Captain America der Melancholiker

Während der aktuelle Superheldenhype von Spider- bis Batman in erster Linie Neurotiker hervorgebracht hat, ist Captain America in diesem Film vor allem ein Melancholiker. Nach seinem Zeitsprung am Ende von Teil eins, in dem er noch gegen eine Supernazitruppe namens Hydra kämpfte, hat er die letzten 70 Jahre verpasst und die einstigen Weggefährten fast alle verloren. Deshalb würde der Captain seine Zeit am liebsten damit verbringen, die versäumte Popkultur nachzuholen. Und dann dieses Internet! Gegen so viel Digitalisierung kommt sich eine physisch veranlagte Muskelmaschine schnell unnütz vor.

Auch mit dem Patriotismus ist es nicht mehr so einfach wie früher, weil die Deutschen jetzt nett sind und die politischen Probleme plötzlich im Innern liegen: Beim Geheimdienst ist eine Verschwörung im Gange, die unter anderem ein Späh- und Drohnenprogramm hervorbringt, bei dem selbst die NSA und das US-Militär rote Ohren bekommen würden. Wie die Russos ihren einsamen, desillusionierten Helden durch dieses Labyrinth aus Misstrauen und digitalem Wahn hetzen und dabei freudig das reale Washingtoner Treiben zuspitzen, ist für einen Hollywood-Blockbuster dieser Größenordnung, der weltweit und altersübergreifend funktionieren muss, um die Gewinnschwelle von ein paar hundert Millionen Dollar zu erreichen, schon erstaunlich.

Dass innerhalb eines solchen Rezeptfilms immer noch Subversion möglich ist, liegt am Konzept der Marvel-Studios, die mit ihrem Superhelden-Imperium natürlich das restliche Hollywood herausfordern, sich aber trotz Umsätzen in Milliardenhöhe immer noch als Independent-Label verstehen, das die Großen ärgern will. Dazu gehört zum Beispiel, dass Marvel gerne Regisseure abseits der bekannten Riege der erfahrenen Blockbuster-Veteranen engagiert. Zum Beispiel den Shakespeare-Mann Kenneth Branagh beim ersten "Thor".

Auch für die Russos ist der "First Avenger" das erste große Kinospektakel, für das sie sich die kratzbürstigen Polit-Thriller der Siebzigerjahre zum Vorbild genommen haben. Deutlichste Reminiszenz: Sie haben es geschafft, Robert Redford zu besetzen, der die Galionsfigur jener Filme war, in "Die drei Tage des Condor" oder "Die Unbestechlichen" - und der das ganz große Konfetti-Kino sonst eher meidet. Er spielt den undurchsichtigen S.h.i.e.l.d.-Strippenzieher Alexander Pierce, der in seinem schicken Anzug Captain America lehrt, dass Bürokraten eine wesentlich größere Herausforderung sind, als ein wildgewordener Winter Soldier.

Captain America: The Winter Soldier, USA 2014 - Regie: Anthony und Joe Russo. Buch: Christopher Markus, Stephen McFeely. Kamera: Trent Opaloch. Mit: Chris Evans, Scarlett Johansson, Robert Redford, Samuel L. Jackson. Disney, 136 Minuten.

© SZ vom 29.03.2014/pfn

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