Süddeutsche Zeitung

Goldene Palme:Cannes feiert das politische Engagement

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Die Jury gibt Ken Loach seine zweite Goldene Palme. Die Berlinerin Maren Ade, Siegerin der Herzen, geht leer aus. Aber was bleibt vom Filmfest in Cannes?

Analyse von Tobias Kniebe

Es gibt nicht allzu viele Wege, in Cannes einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Genaugenommen sind es nur zwei - der Weg des Spielers und der Weg des Meisters. Dass beide sich in der Praxis ständig vermischen, ist zwar wahr, ändert an der grundsätzlichen Dualität aber eher nichts.

Die Spielerinnen und Spieler erinnern daran, dass im "Palais des Festivals" auch ein Casino als Untermieter haust, natürlich nicht ohne Grund. Alle Chips auf einmal setzen, das Wagnis des Neuen und Unerprobten eingehen, die Kunst des Kinos, wenn es gelingt, ein Stück vorantreiben - darum geht es ihnen. Spieler, die schon mal die Goldene Palmen gewonnen haben, waren David Lynch mit "Wild At Heart", Quentin Tarantino mit "Pulp Fiction" und zuletzt Abdellatif Kechiche mit "Blau ist eine warme Farbe".

Der zweite Weg, den die Meisterinnen und Meister beschreiten, will eher nichts überstürzen. Sondern Stufe um Stufe vorangehen, wie man das auf der berühmten Treppe von Cannes eben so macht, wenn man einmal ganz oben ankommen will. Da geht es um die Vollendung der Form. Wer etwas Gutes und Unverwechselbares macht, und das jedes Mal besser, wird irgendwann auch ganz an der Spitze stehen. Wie Michael Haneke mit seinem "Weißen Band" und mit "Amour", wie die Dardenne-Brüder mit "L'Enfant" oder Ken Loach mit "The Wind That Shakes The Barley".

Es geht um ein Spiel im Spiel

Geht man so an die Sache heran, muss man Maren Ade und ihren "Toni Erdmann" eher zu den Spielerfilmen zählen. Es geht ja sogar um ein Spiel im Spiel: Ade hat sich eine Figur namens Winfried ausgedacht, einen pensionierten Musiklehrer, der von Peter Simonischek verkörpert wird und erfolglos versucht, den Kontakt zu seiner erwachsenen Tochter - Sandra Hüller als hyperfähige Businessfrau - wieder herzustellen. Dann aber beginnt er ein Spiel, er erfindet den schamlosen Toni Erdmann mit seinem Pferdegebiss, der nach Bukarest fährt und "Keine Zeit, Papa" als Antwort einfach nicht mehr gelten lässt.

Von da dann werden die Dinge verrückter und peinlicher, als man es wirklich beschreiben kann. Zeitweise zieht man die Luft scharf ein, ein Effekt des Fremdschämens, zeitweise stößt man sie scharf wieder aus, weil man völlig unkontrolliert losprusten muss. Und doch, das macht die Sache so spannend, ist Maren Ade keine reine Spielerin. Ihr Kino der mitleidlos genauen Milieubeobachtung hat sie systematisch und völlig unhektisch über drei Filme und fünfzehn Jahre hinweg aufgebaut, eher nach Art der Meister.

Schon öfter zum Beispiel hat das deutsche Kino versucht, in die spezielle Welt der Unternehmensberater vorzudringen, aber immer fühlte es sich nur so an, als habe jemand da ein paar Stichworte aufgeschnappt und weiter nichts verstanden. Oder verstehen wollen, nach dem Motto: Sind ja eh bloß rücksichtslose, erfolgshungrige Idioten. Maren Ade dagegen ist von dieser Welt genuin fasziniert, das merkt man an ihren haarsträubend präzisen Dialogsätzen, und vielleicht ist das der wirkliche Schritt ins Neue hier: Eine Welt, die man komödiantisch in den Ausnahmezustand treibt, zugleich bis ins letzte Detail zu studieren und ernst zu nehmen.

Aber wie das bei den Spielern manchmal so ist - sie mögen die Sieger der Herzen sein, aber die Logik der Wahrscheinlichkeit steht doch gegen sie. Und manchmal gehen sie, wie Maren Ade, dann eben leer aus. Die Jury um "Mad Max"-Regisseur George Miller, der unter anderem Kirsten Dunst, Vanessa Paradis, Mads Mikkelsen und Valeria Golino angehörten, schlug sich sehr eindeutig auf die Seite eines Kinos, das Innovation und Überraschung nicht zu seinen höchsten Werten erklärt - dafür aber die stetige Arbeit an der Meisterschaft, am traditionellen Geschichtenerzählen, traditionellen Zugriff auf die Emotionen der Zuschauer.

Bevor der Hauptpreis in diesem Sinn vergeben wurde, gab es jedoch eine wilde Mischung der Entscheidungen. Der Große Preis der Jury für den Kanadier Xavier Dolan löste geradezu wütende Reaktionen bei den Kritikern aus, hatten sie sein Familien-Schreigefecht "Juste La Fin Du Monde" doch fast einstimmig verrissen - zu eindimensional die hysterisch erregten Figuren, zu wenig Entwicklung hin zu irgendeiner Erkenntnis.

Etwas gnädiger aufgenommen wurde der Regiepreis für die Engländerin Andrea Arnold, die sich in "American Honey" ganz auf die Seite der prekären amerikanischen Jugend schlägt, auf Reisen mit einer Drückerkolonne für den Zeitschriftenvertrieb - aber auch nicht viel mehr mitzuteilen hat, als dass dieses Leben wild und hart ist. Genau wie das Leben in Manila, in Brilllante Mendozas "Ma' Rosa", für den die Hauptdarstellerin Jaclyn Jose gewann.

Bestes Drehbuch für Farhadi

Schon an diesem Punkt war dann klar, dass kämpferische Armutsstudien bei der diesjährigen Jury sehr großen Eindruck hinterlassen hatten - so dass es dann fast wie eine Erholung wirkte, dass auch "Forushande/The Salesman" von Asghar Farhadi mit zwei Preisen bedacht wurde: Bestes Drehbuch für Farhadi und Bester Darsteller für Shahab Hosseini, der seinen männlichen Protagonisten spielt.

Es ist immer wieder verblüffend, wie Asghar Farhadi es versteht, einfache Konstellationen des Alltags zu nehmen und dann Schritt für Schritt mit Suspense aufzuladen. In "The Salesman" zeigt er ein Paar aus der Theaterwelt von Teheran, das durch bloßen Zufall mit der verborgenen Seite der iranischen Gesellschaft in Berührung kommt, Prostitution und Bigotterie. Und wie dann völlig verschiedene Leben schicksalhaft kollidieren.

Loach machte Cannes zur Feier des politischen Engagements

Der große Sieger schließlich, Ken Loach mit seinem Agitprop-Kracher "I, Daniel Blake", machte die Cannes-Preise endgültig zu einer Feier des politischen Engagements, der klaren und unzweideutigen Parteinahme für die Bedürftigen und Bedrängten dieser Welt - und entsprechend kämpferisch war die Dankesrede des unbeugsamen, 79-jährigen britischen Kino-Sozialisten. "Von einer verzweifelten Zeit" war da die Rede, der die Künstler etwas entgegensetzen müssten, von einer Verteidigung der Menschen gegen "die Mächtigen".

Genauso ist der Film, der einem nordenglischen Schreiner kurz vor der Rente folgt, der nach einem Herzinfarkt nicht mehr arbeiten kann und schließlich, durch krasse Willkür im englischen Sozialsystem, in den Amtsstuben sogar stirbt. Einen frischen Impuls, wie das Kino ihn erhalten kann, wenn mal wieder ein Spieler gewinnt, liefert die Jury in Cannes also diesmal nicht - aber immerhin ehrt sie einen Mann mit seiner zweiten Goldenen Palme, der wenigstens ein Meister und ein aufrechter Kämpfer für seine Art des Filmemachens ist. Damit muss man sich wohl zufriedengeben.

Die Wucht des Neuen aber, die in diesem Jahr in Cannes zu spüren war, wird sich weiter ihren Weg durch die Kinosäle bahnen - da braucht man sich keine Sorgen zu machen.

  • Goldene Palme: "I, Daniel Blake" von Ken Loach (Großbritannien)
  • Großer Preis der Jury: "Juste la fin du monde (It's Only the End of the World)" von Xavier Dolan (Kanada)
  • Preis der Jury: Andrea Arnold für "American Honey" (Großbritannien)
  • Beste Schauspielerin: Jaclyn Jose für "Ma' Rosa" von Brillante Mendoza (Philippinen)
  • Bester Schauspieler: Shahab Hosseini für "Forushande (The Salesman)" von Asghar Farhadi (Iran)
  • Beste Regie: Olivier Assayas für "Personal Shopper" (Frankreich) und Cristian Mungiu für "Bacalaureat (Graduation)" (Rumänien) (zu gleichen Teilen)
  • Bestes Drehbuch: Asghar Farhadi für "Forushande (The Salesman)"

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SZ vom 23.05.2016
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