Goldene Palme Cannes feiert das politische Engagement

Der britische Regisseur Ken Loach gehört mit seinem Film "I, Daniel Blake" zu den Preisträgern.

(Foto: AFP)

Die Jury gibt Ken Loach seine zweite Goldene Palme. Die Berlinerin Maren Ade, Siegerin der Herzen, geht leer aus. Aber was bleibt vom Filmfest in Cannes?

Analyse von Tobias Kniebe

Es gibt nicht allzu viele Wege, in Cannes einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Genaugenommen sind es nur zwei - der Weg des Spielers und der Weg des Meisters. Dass beide sich in der Praxis ständig vermischen, ist zwar wahr, ändert an der grundsätzlichen Dualität aber eher nichts.

Die Spielerinnen und Spieler erinnern daran, dass im "Palais des Festivals" auch ein Casino als Untermieter haust, natürlich nicht ohne Grund. Alle Chips auf einmal setzen, das Wagnis des Neuen und Unerprobten eingehen, die Kunst des Kinos, wenn es gelingt, ein Stück vorantreiben - darum geht es ihnen. Spieler, die schon mal die Goldene Palmen gewonnen haben, waren David Lynch mit "Wild At Heart", Quentin Tarantino mit "Pulp Fiction" und zuletzt Abdellatif Kechiche mit "Blau ist eine warme Farbe".

Filmfestspiele 2016

Die spannendsten Filme von Cannes

Der zweite Weg, den die Meisterinnen und Meister beschreiten, will eher nichts überstürzen. Sondern Stufe um Stufe vorangehen, wie man das auf der berühmten Treppe von Cannes eben so macht, wenn man einmal ganz oben ankommen will. Da geht es um die Vollendung der Form. Wer etwas Gutes und Unverwechselbares macht, und das jedes Mal besser, wird irgendwann auch ganz an der Spitze stehen. Wie Michael Haneke mit seinem "Weißen Band" und mit "Amour", wie die Dardenne-Brüder mit "L'Enfant" oder Ken Loach mit "The Wind That Shakes The Barley".

Es geht um ein Spiel im Spiel

Geht man so an die Sache heran, muss man Maren Ade und ihren "Toni Erdmann" eher zu den Spielerfilmen zählen. Es geht ja sogar um ein Spiel im Spiel: Ade hat sich eine Figur namens Winfried ausgedacht, einen pensionierten Musiklehrer, der von Peter Simonischek verkörpert wird und erfolglos versucht, den Kontakt zu seiner erwachsenen Tochter - Sandra Hüller als hyperfähige Businessfrau - wieder herzustellen. Dann aber beginnt er ein Spiel, er erfindet den schamlosen Toni Erdmann mit seinem Pferdegebiss, der nach Bukarest fährt und "Keine Zeit, Papa" als Antwort einfach nicht mehr gelten lässt.

Von da dann werden die Dinge verrückter und peinlicher, als man es wirklich beschreiben kann. Zeitweise zieht man die Luft scharf ein, ein Effekt des Fremdschämens, zeitweise stößt man sie scharf wieder aus, weil man völlig unkontrolliert losprusten muss. Und doch, das macht die Sache so spannend, ist Maren Ade keine reine Spielerin. Ihr Kino der mitleidlos genauen Milieubeobachtung hat sie systematisch und völlig unhektisch über drei Filme und fünfzehn Jahre hinweg aufgebaut, eher nach Art der Meister.

Schon öfter zum Beispiel hat das deutsche Kino versucht, in die spezielle Welt der Unternehmensberater vorzudringen, aber immer fühlte es sich nur so an, als habe jemand da ein paar Stichworte aufgeschnappt und weiter nichts verstanden. Oder verstehen wollen, nach dem Motto: Sind ja eh bloß rücksichtslose, erfolgshungrige Idioten. Maren Ade dagegen ist von dieser Welt genuin fasziniert, das merkt man an ihren haarsträubend präzisen Dialogsätzen, und vielleicht ist das der wirkliche Schritt ins Neue hier: Eine Welt, die man komödiantisch in den Ausnahmezustand treibt, zugleich bis ins letzte Detail zu studieren und ernst zu nehmen.