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Cannes:Männer, die auf Palmen warten

Am Dienstag beginnen wieder die Filmfestspiele von Cannes, wo man sich auf die Altstars des Kinos konzentriert - inklusive Quentin Tarantino.

Festivalprogramme sind zunächst einmal ein Versprechen. Solange man nicht weiß, was sich hinter den Titeln all der noch ungezeigten Filme verbirgt, kann man sich zumindest vorstellen, dass jeder einzelne einen bis ins Mark erschüttern könnte. Quentin Tarantinos heiß erwarteter "Once Upon A Time in Hollywood" zum Beispiel - wird er das Meisterwerk, das viele erwarten, oder, oh Schreck, vielleicht doch eine Enttäuschung? Und wird Abdellatif Kechiches "Mektoub, My Love" an der Croisette für ähnlich viel Wirbel sorgen wie 2013 sein Drama "Blau ist eine warme Farbe"?

Am Dienstag werden die 72. Filmfestspiele von Cannes mit Jim Jarmuschs Zombiekomödie "The Dead Don't Die" eröffnet, der in den kommenden zehn Tagen mit zwanzig weiteren Filmen um die Goldene Palme konkurrieren wird. Außerhalb des Wettbewerbs gilt das Elton-John-Biopic "Rocketman" als eines der Großereignisse der diesjährigen Festspiele, der Film von Dexter Fletcher läuft außer Konkurrenz. Elton John wird darin vom Briten Taron Egerton gespielt. So richtig berühmt ist der bislang nicht, der größte Star bei der Premiere wird der echte Elton John sein.

Das ist symptomatisch, das Kino hat sich verändert in den letzten Jahren, und für ein Festival wie Cannes ist es nicht einfach, damit umzugehen. Das hat weniger mit Netflix zu tun, obwohl der Streamingdienst in Cannes auch in diesem Jahr wieder außen vor bleibt, weil das Festival weiterhin auf Filme setzen will, die primär im Kino ausgewertet werden. Es geht eher ums Personal. Namen spielen im Kino heute eher eine untergeordnete Rolle. Regiestars wachsen zwar nach, sind aber, gerade im Blockbusterbereich, vor allem in der Branche und kaum darüber hinaus bekannt. Aus der Generation Steven Spielberg wird noch mit den Namen der Regisseure auf den Plakaten geworben, das passiert bei jüngeren Filmemachern kaum noch. Das bedeutet für ein Festival wie Cannes, dass es mit den bereits etablierten Altregiestars vorlieb nimmt.

Die Namen des Wettbewerbs 2019 lesen sich wie das Programm von vor 15 Jahren

Pedro Almodóvar, Ken Loach, Quentin Tarantino, Jim Jarmusch, die Brüder Dardenne, Terrence Malick, Marco Bellocchio . . . Die Namen der Regisseure im diesjährigen Wettbewerb klingen seltsam vertraut, als würde man ein Festivalprogramm von vor fünfzehn Jahren durchblättern. Man kann das als Versammlung alter Meister sehen. Oder sich fragen, ob es überhaupt möglich ist, dass dieselben Filmemacher, die schon die Achtziger und Neunziger filmisch begleiteten, tatsächlich noch die richtigen sind, um sich einen Reim auf die Gegenwart zu machen.

Leonardo DiCaprio in Quentin Tarantinos Film „Once Upon a Time in Hollywood“, der in Cannes Weltpremiere feiert.

(Foto: Sony)

Noch wichtiger: Die Schauspieler. Es gibt gute Gründe, warum auch Netflix heute gern aufs Hollywood von früher zurückgreift, auf Robert Redford und Jane Fonda, auf Al Pacino und Robert de Niro. Deren jüngster gemeinsamer Film "The Irishman" - Regie Martin Scorsese - hätte toll nach Cannes gepasst, wo er aber natürlich nicht läuft, weil er eine reine Netflixproduktion ist.

Stars sind bei Festivals eine Hauptattraktion, dass sie anreisen und auf dem roten Teppich posieren gehört zu den wichtigsten Gründen, warum ein teurer Spaß wie Cannes überhaupt stattfindet. So ein Festival ist ein Wirtschaftsfaktor, steckt man Steuergelder hinein. Das rentiert sich nur, wenn es attraktiv ist. Und Stars, für die Leute tatsächlich zu einem Festival fahren, wie sie es einst für Paul Newman oder Sophia Loren oder Ingrid Bergman getan haben, sind heute nur noch selten.

Die Sorte Kino, die in Cannes läuft, schafft selbst keine Stars mehr, bestenfalls profitieren diese Filme von einem Personal, das anderswo berühmt geworden ist. Pedro Almodóvar beispielsweise setzt für seinen neuen Film "Leid & Herrlichkeit", den er am kommenden Wochenende im Wettbewerb präsentieren wird, auf Antonio Banderas - eine solide Zusammenarbeit, die einst 1982 bei "Labyrinth der Leidenschaften" begann. Das heißt ja nicht, dass diese Filme nicht tatsächlich die wichtigsten des Jahres sein könnten. Vielleicht kann Almodóvar sich ja tatsächlich noch einmal selbst überbieten. Er wird im Herbst siebzig Jahre alt; die Brüder Dardenne sind, gemessen daran, junge Hupfer, Jean-Pierre, der ältere der beiden, ist Jahrgang 1951.

Die Österreicherin Jessica Hausner, die mit ihrem Film "Little Joe" dabei ist und Céline Sciamma mit "Portrait of a young Lady on Fire" sind im Wettbewerb beispielsweise neu, wenn sie auch beide seit vielen Jahren Filme machen. Aber Filme von Frauen kamen in Cannes ja traditionsgemäß im Wettbewerb nur selten vor. Das ist in diesem Jahr anders, es sind immerhin vier. Aber selbst Jessica Hausner, die noch nicht einmal fünfzig ist, hatte ihren ersten Auftritt in Cannes vor 18 Jahren, mit "Lovely Rita" in der Nebenreihe Un Certain Regard.

Hat das wirklich nur mit der Auswahl zu tun, die das Festival trifft - oder ist das Kino, für das diese Filmemacher stehen, eine geschlossene Gesellschaft? Die Relevanz auf dem Markt hat sich jedenfalls verschoben, der wird von sehr wenigen großen Filmen dominiert.

In jeder Hinsicht aber ist der Regisseur Ken Loach ein gutes Beispiel dafür, dass Filme von alten Herren nicht nur für alte Herren gemacht sein müssen, und dass sich manchmal ein Film zu schlechteren Bedingungen besser durchsetzen kann in der Reizüberflutung der Gegenwart. Bei seinem Werk "I, Daniel Blake" vor drei Jahren hieß es, dies sei möglicherweise seine letzte Arbeit.

Dann hat der Film nicht nur die Goldene Palme gewonnen, er wurde auch Loachs größter kommerzieller Erfolg. Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass er mit "I, Daniel Blake" gar keinen Film für seine eigene Generation gemacht hat. Auf die Ängste, vom Wirtschaftssystem fallengelassen zu werden, keinerlei Rückhalt zu bekommen, hat die ältere Generation kein Monopol; und so ist Daniel Blake auch nur die eine Hälfte der Geschichte gewesen, die Loach erzählte. Die andere ist eine junge Mutter, die überhaupt nie hineingelassen wurde in geordnete Verhältnisse. Vielleicht gelingt ihm nun mit seinem neuen Film "Sorry We Missed You", wenn er in ein paar Tagen in Cannes gezeigt wird, noch einmal ein solcher Coup - beim letzten Mal hat auch keiner damit gerechnet.