In der Wahrnehmung der weiten Welt gibt es Cannes nur zehn Tage pro Jahr – kurz vor dem Sommer, wenn das Mittelmeer vor den Küsten der Stadt schon im richtigen, tiefen Blau steht. Dann aber, in diesen zehn Tagen, ist das mittelgroße Cannes, etwa 75 000 Einwohner, die „capitale du septième art“, wie die Franzosen das nennen, die Hauptstadt der siebten Kunst also. Gemeint ist das Kino. Für die Zeit des Filmfestivals verlegen die Fernsehsender jeweils ganze Abteilungen und Livesendungen von Paris an die Croisette, die berühmte Meerpromenade von Cannes, damit alle Zuschauer daheim etwas vom Süden haben. Früher war Cannes mal ein armes Fischerdorf, aber das ist natürlich lange her. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bauten vermögende Russen und Engländer schöne Villen an den Golf von Cannes. Mit dem Kino, seinen Superstars und den vielen Fünfsternehotels stiegen auch die Immobilienpreise rund um den ganzen Zirkus in fast pariserische Sphären. Der langjährige Bürgermeister von Cannes, der Konservative David Lisnard, schafft es übrigens, dass man auch abseits des Festivals von Cannes spricht – oder besser: von ihm. Lisnard ist Präsident der Vereinigung aller Bürgermeister Frankreichs. Und wenn es stimmt, was man hört, dann würde er gerne Präsident der Republik werden.
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Dies war einmal ein Fischerdorf an der Côte d’Azur, jetzt pumpt es sich einmal im Jahr zur Weltzentrale einer Traumfabrik auf.
Von Oliver Meiler
