Zombiekomödie "Coupez!" beim Festival von Cannes:Bis das Blut spritzt

Lesezeit: 3 min

Zombiekomödie "Coupez!" beim Festival von Cannes: Ein Film über einen Film im Film: Romain Duris (links) als verzweifelter Regisseur in "Coupez!".

Ein Film über einen Film im Film: Romain Duris (links) als verzweifelter Regisseur in "Coupez!".

(Foto: Lisa Ritaine/dpa)

Die Zombiekomödie "Coupez!" eröffnet das Filmfestival von Cannes, und an der Strandpromenade ist die Hölle los.

Von David Steinitz

Pflichtprogramm am ersten Festivaltag in Cannes ist ein Spaziergang an der Strandpromenade. Am besten ganz in der Früh, bevor ein paar Stunden später die Hölle losbricht und Tausende Gäste Richtung Festivalpalast pilgern. Von Mittag an braucht man hier für eine Strecke von einer Viertelstunde oft eher eine ganze. Aber morgens um halb acht ist die Croisette bis auf ein paar Jogger und Lieferanten noch ruhig.

An den Luxushotels bringen Produktionsfirmen und Weltvertriebe gerade noch Banner auf den Balkonen an, um zu zeigen, in welchen Suiten sie residieren. Dort werden in den nächsten knapp zwei Wochen Filmrechte gehandelt, fertige Projekte in die ganze Welt verkauft und neue Filmideen vorfinanziert. Gegenüber bereiten sich die Besitzer der Strandbars mit ihren Wucherpreisen auf den Besucheransturm vor. Hier finden nachts viele Premierenpartys statt und auch viele Events, die mit dem Filmfestival selbst eigentlich nichts zu tun haben. Aber viele Veranstalter nutzen den Trubel für PR-Aktionen. Ein Eis-am-Stiel-Hersteller zum Beispiel fliegt extra Kylie Minogue für eine Feier ein.

Wer den neuen Film mit Kevin Spacey kaufen möchte, ist in Cannes genau richtig

Nähert man sich zwischen Hotels und Strandbars dem "Palais des Festivals", kommt man an großen weißen Zelten vorbei, in denen sich verschiedene Filmländer präsentieren und Stehempfänge am Strand ausrichten. Auf diesem letzten Abschnitt der Promenade verteilen jeden Morgen Studentinnen und Studenten die Festivalzeitungen der großen Hollywoodmagazine Variety und Hollywood Reporter. Deren Redaktionen fliegen in Mannschaftsstärke aus Los Angeles ein und produzieren tägliche Ausgaben im Hochglanzformat. Das ist eine unterhaltsame Lektüre, während man vor dem Festivalpalast in der Schlange auf den Security-Check wartet. Seit den Anschlägen von Paris und Nizza wird jeder, der hier reinmöchte, durchleuchtet wie am Flughafen.

Zombiekomödie "Coupez!" beim Festival von Cannes: Wenn das Festival von Cannes startet, verwandelt sich die "Promenade de la Croisette" in eine zirkusähnliche Flaniermeile.

Wenn das Festival von Cannes startet, verwandelt sich die "Promenade de la Croisette" in eine zirkusähnliche Flaniermeile.

(Foto: Vianney Le Caer/AP)

Während man also wartet, kann man in den Festivalzeitungen Filmkritiken und Branchenklatsch lesen. Am lustigsten sind aber die Annoncen für Filme, die für den Weltmarkt zum Verkauf angeboten werden. Zum Beispiel wirbt die Firma Picture Tree International für den Kauf der deutschen Provinzkomödie "Kaiserschmarrndrama", die für internationale Interessenten unter dem Titel "Bavarian Rhapsody" angeboten wird.

Auch ein sehr nach B-Picture aussehender Thriller mit dem in der Versenkung verschwundenen Kevin Spacey wird angeboten, durch den er aus der Versenkung vermutlich nicht wieder herausfinden wird. Er heißt "Peter Five Eight", auf dem Foto sieht man den der sexuellen Belästigung beschuldigten Spacey mit einer großen Knarre. Und irgendein Witzbold hat sich als Untertitel des Films die Zeile "Der Schuldige zahlt immer seinen Preis" ausgedacht. Ob damit die Filmfigur oder ihr Darsteller gemeint ist? Wer den Film zu Distributionszwecken kaufen möchte, kann sich jedenfalls an die amerikanische Firma VMI Worldwide wenden.

Auf den letzten Metern zum Festivalpalast steht man dann unter der Riesenversion des offiziellen Posters dieser Jubiläumsausgabe zum 75-jährigen Bestehen: Es zeigt eine Szene aus "The Truman Show", die letzte, in der Jim Carrey über himmelfarbene Stufen hinaus in die Freiheit steigt - einer der großen Momente der jüngeren Kinogeschichte. Wobei, was heißt jünger, der Film ist auch schon 24 Jahre alt.

Ja, es geht schon auch ums Kino - trotzdem rennen erst mal alle zur Espressobar

Um die großen Kinomomente von morgen zu entdecken, ist man jedenfalls hierhergekommen. Wobei die meisten Besucher im Palais zugegebenermaßen nicht als Erstes ins Kino rennen, sondern zur Gratis-Espressobar eines großen Kaffeekapselherstellers im ersten Stock. Dort lassen ein gutes Dutzend attraktiver Französinnen und Franzosen die Kapselmaschinen in einer Geschwindigkeit glühen, dass man jegliche Klimaschutzhoffnungen fahren lässt - Greta Thunberg bekäme vermutlich einen Herzinfarkt.

So, jetzt aber Kino! Dort lief am Dienstag unter dem üblichen Tamtam der Eröffnungsfilm "Coupez!", eine Zombiekomödie. Zombiekomödien mögen sie gern in Cannes, schon vor drei Jahren wurde das Festival mit Jim Jarmuschs "The Dead Don't Die" eröffnet. "Coupez!" wurde vom französischen Regisseur Michel Hazanavicius inszeniert. Er gehört zu den erfolgreichsten Filmemachern Frankreichs, sein größter Hit war 2011 die Stummfilmhommage "The Artist".

Jetzt erzählt er die Geschichte eines Filmteams, das für eine neue Internetplattform einen Live-Zombiefilm in nur einem Take am Stück drehen soll. Die Hauptrolle spielt der französische Kinostar Romain Duris. Er ist der verzweifelte Regisseur des Zombie-Projekts, bei dem alles schiefgeht, was schiefgehen kann. Zickige, betrunkene oder an Diarrhö leidende Schauspieler machen sein Leben zur Hölle und versauen den Film.

Der erzählerische Kniff ist, dass man in der ersten halben Stunde von "Coupez!" den kompletten versauten Zombiekurzfilm zu sehen bekommt und sich fragt, in welchem Schwachsinnsspektakel man denn jetzt gelandet ist. Erst danach wird in Rückblenden erzählt, wie das Ganze zustande kam. Das ist ein gewagtes dramaturgisches Manöver für einen Eröffnungsfilm. Denn die Zuschauer in Cannes sind gnadenlos. Wer sich hier nicht sofort unterhalten fühlt, verlässt auch gern mal nach zwanzig, dreißig Minuten den Saal, obwohl es in "Coupez!" erst dann richtig losgeht - also zumindest ein bisschen.

Der Film hat durchaus ein paar absurde und komische Szenen. Ein Riesenknaller ist er allerdings nicht. Aber die magischen Kinomomente können ja noch kommen. Denn von jetzt an konkurrieren knapp zwei Wochen lang 21 Filme im offiziellen Wettbewerb um die Goldene Palme.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFilmfestspiele in Cannes
:Netflix, nein danke

Ist das Kino noch zu retten? Das Filmfestival in Cannes will es zumindest versuchen. Der Krieg in der Ukraine macht sich aber auch hier bemerkbar.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB