Cannes-Eröffnungsfilm mit Deneuve Retterin der verkorksten Jugend

Bringt den Jungkriminellen (Rod Paradot) zurück auf die richtige Bahn: Catherine Deneuve als Richterin in "La tête haute".

(Foto: dpa)

Als knallhartes Anti-Glamour-Werk tritt der Cannes-Eröffnungsfilm "La tête haute" an. Vollzieht dann aber eine erschreckend devote Kehrtwende.

Von David Steinitz, Cannes

François Truffaut, der große Pate des französischen Kinos, hätte vermutlich einen Herzinfarkt erlitten, wäre er am Mittwochabend im Eröffnungsfilm des diesjährigen Festivals von Cannes gesessen. Cannes-Chef Thierry Frémaux, der genau weiß, dass er das glamouröseste Filmfestival der Welt leitet, und sich also ein bisschen was erlauben kann, wollte dieses Jahr einen anderen Einstieg finden als sonst. Die 68. Auflage des Festivals sollte mit einem knallharten Anti-Glamour-Werk eröffnet werden, das all die Abendkleidfrauen und Smoking-Männer im Festivalpalast an der Strandpromenade erst mal ordentlich emotional durchprügelt, bevor sie zur Eröffnungsparty dürfen.

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Kleider auf dem roten Teppich

Also wählte er "La tête haute" der Französin Emmanuelle Bercot aus, die von der Kindheit und Jugend eines unzähmbaren Vorstadtjungen erzählt. Mit dreizehn klaut er sein erstes Auto und legt anschließend eine deprimierende Karriere durch alle Institutionen hin, die Sozialamt und Jugendgericht parat haben. Gefilmt ist das Ganze in zappeligen Nahaufnahmen, immer ganz nah dran an jeder Schlägerei, dazu Hip- Hop, extra laut.

Das ist in erster Linie ziemlich pseudo-provokant, und theoretisch könnte man diesen Film einfach ignorieren und auf die großen Highlights der kommenden Tage warten, die viele herrliche Kinoorgien versprechen. Hätte nicht einst der große Truffaut an selber Stelle mit demselben Thema das spießige französische Kino komplett umgekrempelt: 1959 zeigte er hier "Sie küssten und sie schlugen ihn/Les 400 coups" - und bis heute wird an diesem Film jeder neue Versuch in Sachen Jugend-Sozialdrama jenseits der Prekariatspornografie gemessen.

Der Prügelknabe bekommt die Kurve

Die legendäre Schlusseinstellung von Truffauts Film, in der der junge Delinquent Antoine Doinel aufs Meer zurennt, einen Schlenker macht und dann direkt in die Kamera blickt, war ein Zeichen des Aufbruchs, der Wildheit, auch des fröhlichen Ungehorsams gegen staatliche und elterliche Autoritäten. Wenn man mit dieser Szene im Hinterkopf in "La tête haute" sitzt, ist es richtig erschreckend, was für eine devote Kehrtwende dieser Film propagiert.

Nachdem Regisseurin Bercot die Zuschauer knapp zwei Stunden durchs Lebenselend ihres Protagonisten gezerrt hat, bekommt der Prügelknabe durch die Hilfe einer Richterin - gespielt von Catherine Deneuve - plötzlich doch noch die Kurve. In der letzten Einstellung geht er geläutert aus dem Bild, und die Kamera blickt unterwürfig von außen auf das Gerichtsgebäude, in dem die Deneuve herrscht und vor dem eine französische Flagge im Wind weht.

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Die fast Perfekten

Bitte? Die mütterliche Deneuve als Repräsentantin eines Sozialstaats, der die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben darstellt? Lauter kann man gar nicht mehr nach einer schützenden Mami flennen, und das ist in etwa der schlimmste Horrorfilm, den Truffaut sich hätte vorstellen können - aber so sind wohl die aktuellen Befindlichkeiten.

Dass Cannes-Zirkusdirektor Frémaux im Anschluss daran zwei Wettbewerbsfilme programmiert hat, die im Kampf um die Goldene Palme wohl keine ernsthafte Konkurrenz darstellen werden, könnte man als Seufzer der Erfahrung auslegen. Weil die paar Tausend Fachbesucher und Journalisten in den ersten 48 Stunden vor allem damit beschäftigt sind, sich auf der Suche nach Orientierung, Koffein und Wlan gegenseitig durch den Festivalpalast zu schubsen. Also fährt Frémaux an Tag zwei erst mal brave bis trashige Kost auf.