Cannes-Eröffnungsfilm "Grace of Monaco" Am Gängelband des öligen Fürsten

Nicole Kidman eröffnet als "Grace of Monaco" das Festival von Cannes und trotzt dem Protest der monegassischen Fürstenfamilie. Die ist empört über "völlig fiktionale Szenen" - doch sind die eigentlich so schlimm?

Von Tobias Kniebe

Dies ist das Jahr, in dem alles anders kam. Es begann schon am Airport von Nizza, kaum merklich zunächst. Der Himmel über der Ankunftshalle schien noch azurblauer, die Luft noch wärmer und blütenschwerer, die Zikade eine Spur aggressiver zu sein als sonst.

Und als der Filmkritiker gerade zu den Taxis ging, kam ein metallicblauer Sunbeam Alpine Roadster vor ihm zum Stehen. Das Verdeck war offen, am Steuer saß eine blonde junge Frau, die ihm bekannt vorkam. Sie hielt das Lenkrad mit weißen Handschuhen, dann winkte sie. War er gemeint? Ganz offensichtlich. Er zögerte kurz, dann warf er seine Reisetasche auf ihre Rückbank und stieg kommentarlos ein, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt.

Wenig später brausten sie über die Küstenstraße, tief unten glitzerte das Meer, und noch immer hatten sie kein Wort gesprochen. Der warme Fahrtwind zerrte an ihrem halblangen Haar und an ihrem pfirschsichfarbenen Halstuch. Sie ließ den Motor aufheulen und die Pinien am Straßenrand schneller vorbeijagen. Jede Kurve drückte ihn tiefer in den Sitz, doch ihm erschien ihre Fahrweise überhaupt nicht gefährlich. Er fühlte sich leicht und frei und ganz ruhig.

So ungefähr sieht es aus, wenn Filmkritiker träumen - in Vorfreude auf das Festival von Cannes. Dass die Hauptdarstellerin in diesem wiederkehrenden Tagtraum exakt wie Grace Kelly aussieht, und zwar genau so, wie Alfred Hitchcock sie vor sechzig Jahren erschaffen hat, liegt irgendwie in der Natur der Sache.

Ich-heirate-einen-Prinzen-Märchen

Einmal, nur einmal sollte das der Auftakt sein - unsere ganz private Ankunft beim legendären Festival an der Côte d'Azur. Auch "Grace of Monaco", Olivier Dahans mit Glamour und Kontroversen aufgeladener Cannes-Eröffnungsfilm, beginnt mit einer Autofahrt an der Côte d'Azur.

Eine blonde Frau, eine schmale Küstenstraße, die Pinien jagen vorbei, unten glitzert das Meer. Und auch hier ist bald nicht mehr klar, welcher Teil davon reales Geschehen ist, welcher nur Hollywood-Rückprojektion, und welcher an einen kollektiven Traum anknüpft, den nicht nur Filmkritiker träumen, wenn sie zwischen Monaco, Nizza und Cannes unterwegs sind.

Die legendäre Grace Kelly, gespielt von der auch sehr berühmten Nicole Kidman; das Fürstentum von Monaco, als Fixpunkt des internationalen Jetset und Schauplatz höfischer Intrigen; ein Ich-heirate-einen-Prinzen-Märchen, unter dessen makellos schöner Oberfläche bittere Realitäten und handfeste Machtkämpfe lauern - das alles ist so nah am Blitzlichtgewitter von Cannes, da wundert es nicht, dass "Grace of Monaco" schon lange als Eröffnungsfilm des Festivals 2014 gesetzt war. Diese Mischung aus Hollywood-Glanz und europäischem Filmschaffen, danach suchen sie dort ja immer.

Gewisse Zuspitzungen

Auch wenn die Fürstenfamilie von Monaco, wie mehrfach um die Welt und auch wieder zurück ging, nicht einverstanden ist - und die Premiere am Mittwochabend boykottiert hat. Fürst Albert und seine Schwestern Caroline and Stéphanie haben den Film als "unnötig glamourisierend" bezeichnet und ihm "große historische Ungenauigkeit" sowie "völlig fiktionale Szenen" vorgeworfen - schon in der Drehbuchphase seien alle Änderungswünsche des Hofs ignoriert worden, behaupten sie.

Dabei macht der Film diese Herangehensweise selbst zum Thema, wenn er sich schon im Vorspann als "fiktionales Werk, inspiriert von realen Ereignissen" annonciert. Außerdem verkündete Regisseur Olivier Dahan, der mit seinem aufsehenerregenden Edith-Piaf-Biopic "La Vie en Rose" immerhin schon mal den Schauspiel-Oscar für Marion Cotillard nach Frankreich geholt hat: "Ich hasse Biopics."

Und gibt dann ganz freimütig zu, dass er gewisse Zuspitzungen im Leben der Grace Kelly, als sie dann Grace of Monaco wurde, schlichtweg erfunden hat: "Ich brauchte das eben für meine Story."