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"Netzwerk Wissenschaftsfreiheit":Rettung naht

Leerer Hörsaal

Angst vor der Cancel-Culture? Leere Reihen in einem Hörsaal der Humboldt-Universität in Berlin.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Ein Zusammenschluss von Professoren prangert ein angebliches Einknicken der Hochschulen vor dem linken Mainstream an.

Von Paul Munzinger

Eine Schweigespirale sah die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er-Jahren in der deutschen Gesellschaft am Werk, und eine Schweigespirale gibt es nach Ansicht einer Gruppe durchaus namhafter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch heute wieder: an deutschen Universitäten. Dort herrsche ein Klima, das geprägt sei von der Angst, wegen der falschen Meinung geächtet zu werden. Ein Klima, in dem es Mut brauche, unbequeme Fragen zu stellen - einen Mut, den viele sich nicht leisten könnten oder wollten, man hat ja Familie.

Wer die Freiheit in Forschung und Lehre derart in Gefahr sieht, würde sich unterlassener Hilfeleistung schuldig machen, schlösse er sich nicht zu einem rettenden Netzwerk zusammen. Mehr als 70 Forscherinnen und Forscher haben das nun getan, "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" heißt ihre Gründung. Es gibt eine Homepage, ein Manifest und den per virtueller Pressekonferenz erklärten Willen, "die Freiheit von Forschung und Lehre gegen - insbesondere ideologisch motivierte - Einschränkungen zu verteidigen".

Schon mit dem Wort "umstritten" beginne die Ausgrenzung

Auf der Mitgliederliste finden sich viele bekannte Namen aus dem konservativen Spektrum, die in den letzten Jahren wegen ihrer Positionen teils heftig kritisiert wurden - nicht selten von den eigenen Studierenden. In den Medien werden sie gern mit dem Adjektiv "umstritten" vorgestellt - genau damit beginnt aus Sicht der Gruppe die Ausgrenzung. Die Migrationsforscherin Sandra Kostner gehört dazu, der Jurist Reinhard Merkel, die Historiker Jörg Baberowski und Andreas Rödder. Alles Leute, die auch alleine wissen, wie man sich Gehör verschafft, um Identitätspolitik oder Cancel Culture zu kritisieren, die sich aber gemeinsam mehr Schlagkraft für ihr Anliegen erhoffen.

Dem Netzwerk geht es nicht nur um den Platz auf der Bühne - darum also, dass man nicht mehr eingeladen werde, wenn man etwa gegen Quoten argumentiere. Es gehe vor allem darum, was "die latente Drohung einer informellen Sanktion" (Reinhard Merkel) hinter den Kulissen anrichte: dort, wo Drittmittel verteilt, Papers begutachtet, Karrieren gemacht werden. Dort finde längst eine "Selbst-Konformisierung" statt, sagt Rödder, ein vorauseilendes Einknicken vor dem Mainstream.

Die Frage ist: Wer ist denn dieser Mainstream? Wer erzeugt den so beklagten Konformitätsdruck? Ironischerweise, sagt Rödder, sehe man heute die Folgen der unternehmerischen, auf Leistung gepolten Universität. Sie zwinge dazu, Anträge so zu formulieren, wie sie die Entscheider in den Gremien lesen wollten - also etwa mit Genderstern. Die unternehmerische Universität als Steigbügelhalterin des linken Mainstreams - eine mutige These ist das in jedem Fall.

© SZ/freu
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