"Call Me By Your Name" im Kino Aus jeder Einstellung quillt der Sommer

Im wunderbar sinnlichen Spiel der beiden Hauptdarsteller sehen wir den wilden Wirbel aus Zögern, Begehren und narzisstischen Spiegelungen, die stille Verwirrung und die Überschwänglichkeit des ersten Mals. Als die beiden nach einer gemeinsamen Fahrradtour in der Abgeschiedenheit einer ländlichen Wiese endlich den ersten Kuss austauschen, greift Elio im Taumel der Gefühle Oliver unvermutet in den Schritt. Die Szene lässt beide Männer erstaunt zurück - über das eigene Verhalten und über das des anderen.

Mehr als eine Stunde ist bis zu diesem ersten Moment der körperlichen Intimität bereits vergangen. Das ist das Besondere an diesem Film: Er lässt sich selbst und seinen Zuschauern viel Zeit, öffnet den Raum für alle Zwischentöne. Ebenso stark ist der Eindruck, den die wunderschöne Trägheit dieser Tage hinterlässt: Flimmernd und weiß gleißend und begleitet vom Konzert der Grillen quillt der Sommer aus jeder Einstellung, jedem leuchtenden 35-mm-Bild, jeder Pore des Films. Was man denn hier so treibe, fragt Oliver zu Beginn des Films, und Elio antwortet: "Warten, dass der Sommer vorübergeht."

Angefüllt ist diese Zeit mit Augenblicken, die sich einprägen wie eine eigene, ferne Erinnerung: das Schwimmengehen im nahen Fluss, die allabendlichen Dinner unter den Obstbäumen, die Diskussionen über Buñuel, Heidegger und mittelalterliche Gedichte, der Synthiepop von Giorgio Moroder in der Dorfdisco.

Guadagnino erlaubt sich dafür über lange Strecken eine Art Schwebezustand zwischen narrativen Abschweifungen und retardierenden Momenten: Elio, der gelangweilt durch die große Villa aus dem 17. Jahrhundert streift, Bücher liest und am Klavier klassische Stücke von Bach oder Ravel übt. Sein Vater, der seinem Doktoranden - in einem homoerotischen Moment der Vorahnung - die kühlen, glatten Männerkörper antiker Statuen erörtert: "Sie sind durch ihre zeitlose Ambiguität so ungehemmt, als würden sie uns herausfordern, sie zu begehren." Und immer wieder ist es die Landschaft im mediterranen Licht, die mit ihren sinnlich geschwungenen Feldwegen die Windungen der sich anbahnenden Liebesbeziehung nachzuempfinden scheint.

Besonders Timothée Chalamet überzeugt dabei mit der stummen Wildheit seiner Darstellung. Neben ihm und Armie Hammer spielen aber vor allem auch die saftigen Pfirsiche in den Obstbäumen, zu denen der Blick der Kamera immer wieder zurückkehrt, eine Hauptrolle: erst noch auf der metaphorischen Ebene eines Intellektuellengesprächs, in dessen Verlauf Oliver den etymologischen Ursprung des Wortes "Pfirsich" herleitet. Und dann später in sehr viel expliziterer Weise: In einer berühmten, ebenfalls aus Acimans Roman übernommenen Szene masturbiert Elio in einer Mischung aus Lust und Verzweiflung mit einem ausgehöhlten Pfirsich.

Sogar hier gelingt es Guadagnino, das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, das "Call Me By Your Name" zu einem Meisterwerk der Feinfühligkeit macht. Sein Blick ist aufrichtig und zugleich aufs Höchste stilisiert. Er sucht die Erotik zwischen den Männern, ohne explizit zu sein. Und in alldem findet er eine Wahrheit über die Liebe, die wir alle verstehen: Nichts zu fühlen, wäre Verschwendung.

Call Me By Your Name, F/I/USA/Br 2017 - Regie: Luca Guadagnino. Buch: Guadagnino, J. Ivory, W. Fasano. Kamera: Sayombhu Mukdeeprom. Mit: Timothée Chalamet, Armie Hammer. Sony, 132 Min.

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