Süddeutsche Zeitung

Oper "Flammen":Sex ist nicht genug

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Calixto Bieito inszeniert in Prag Erwin Schulhoffs vergessene Oper "Flammen". Er irritiert und begeistert.

Von Helmut Mauró

Diesmal konnte man für die Reihe "musica non grata" an der Prager Staatsoper einen prominenten Regisseur anlocken. Calixto Bieito inszenierte Erwin Schulhoffs einzige, weitgehend vergessene Oper "Flammen" nach dem Libretto von Karl Josef Beneš, eine expressionistische Variation über den Don-Giovanni-Plot, die 1932 in Brünn uraufgeführt wurde. Gerade darum geht es in dieser deutsch-tschechischen Produktionsreihe, für die sich Intendant Peer Boye Hansen seit etwa einem Jahr engagiert: Werke der Zwischenkriegszeit wieder auferstehen zu lassen, die damals für das Prager Musikleben und historisch gesehen auch darüber hinaus von Bedeutung waren.

Damals wurden am Neuen Deutschen Theater, der heutigen Staatsoper, während der Intendanz von Alexander Zemlinsky Bühnenwerke bedeutender, zumal jüdischer Komponisten gezeigt, von Ernst Krenek etwa, Franz Schreker, Kurt Weill, Arnold Schönberg und Zemlinsky selbst, aber auch von heute weniger bekannten Komponisten wie Pavel Haas, Hans Krása, Gideon Klein, Viktor Ullmann, Rudolf Karel oder Jaromír Weinberger. Das deutschsprachige Prager Bürgertum hatte den Theaterbau als Gegenstück zur Tschechischen Nationaloper initiiert und finanziert. Der Einfluss jüdischer Künstler war groß, aber nicht bestimmend, man orientierte sich allgemein an der deutschen Kultur, definierte sich über Sprache und Standeszugehörigkeit.

Zemlinskys Vater war erst 1870 zum Judentum konvertiert und Sekretär der jüdisch-türkischen Gemeinde geworden, die Mutter stammte aus einer jüdisch-türkischen Familie. Alexander Zemlinsky wiederum konvertierte 1899 vom Judentum zum Protestantismus. Mit dem Aufziehen des Nationalsozialismus änderte sich die Situation auch in Prag dramatisch, einige der genannten Komponisten wurden nach Theresienstadt deportiert und anschließend in Vernichtungslager.

Die Prager Oper will vergessene Werke in ihrer ursprünglichen Wirkung gelten lassen

Das schwingt natürlich alles mit bei dieser nunmehr deutsch-tschechisch deklarierten Initiative, ist aber nicht Bestandteil der Bühnenproduktion. Man will die Werke in ihrer ursprünglichen Wirkung gelten lassen, was natürlich, nimmt man den Anspruch ernst, neue und zeitgemäße Inszenierungen erfordert. Calixto Bieito, der noch vor wenigen Jahren als Skandalregisseur galt, weil er Gewalt und Sex und möglichst beides verschränkt bot, ließ es diesmal ruhig angehen. Was ebenso provokant erscheinen musste, denn wo könnte man mit mehr Sex und Gewalt einsteigen als in die Geschichte von Don Juan, dem moralfernen Sex-Maniac.

In der Prager Produktion blickt man nun erst mal verdutzt auf eine schwarze Wand, eine riesige Plastikfolie, die den Bühnenraum versperrt und nur einen schmalen Spielstreifen an der Rampe frei lässt. Ins Dunkel hinein schlängelt sich eine einsame traurige Flötenmelodie, die aber gleich von Gesang abgelöst wird, wörtlich übersetzt: "Aus dem Fenster funkelt das Licht, die Dunkelheit leuchtet hell. Die Nacht führt zur Sünde." In der deutschen Fassung von Max Brod klingt das noch dichter und führt in die expressionistische Sprachwelt der Zeit: "Weißer Glanz vom Fenster her entkleidet gierig die Nacht." Gesungen wird hier aber Tschechisch, die Übertragung von Brod kann man auf kleinen Monitoren im Vordersitz mitlesen.

Dunkle Gestalten rotten sich derweil auf der Bühne zusammen und "Frauen, die in Leidenschaft brennen". Das Flammenbild dazu liefert das Staatsopernorchester unter Leitung von Jiři Rožeň in bunten Klangsprengseln einzelner Instrumente, die Harfe offenbar elektronisch verstärkt. Die Musik verbreitet aber bald ein eher mulmiges Gefühl, changiert zwischen impressionistischer Klangidylle und scharf konturierten Dissonanzen, oft beides gleichzeitig übereinandergeschichtet. Unterschwellig schwingen Jazz-Rhythmen mit - Schulhoff liebte das und war einer der Ersten und Eifrigsten, die den Jazz in die Oper holten. Die Menschen in den schwarzen Mänteln bilden einen stummen Kreis vor der schwarzen Plastikwand, Theater wird jetzt allein von der Musik gespielt.

"Der Leib brennt" - aber ohne großen Lustgewinn

Bieito lässt ihr diesen Soloauftritt, denn bald schon wird es konkreter auf der Bühne, Frauen verlangen nach Juan: "Küsse, sauge, zerreiße meine Hüften, meine Brüste, alles nimm." Und noch immer hält sich Regisseur Bieito zurück, die Bühne bleibt verschlossen, nur an der Rampe wirft sich Juan auf die Frauen, lacht sie aus - "nur der Leib brennt" -, erwürgt sie. Alles ohne großen Lustgewinn, wie es scheint, Orgelklänge gemahnen ein wenig ans Jüngste Gericht, aber oft klingt das Orchester eher nach Hindemith. Schulhoff gehört zu der breiten Tradition einer traditionell orientierten Moderne, die in Vergessenheit geriet, weil man, unter der Führung des Philosophen Theodor W. Adorno, in der Nachkriegszeit lieber Schönberg und den Seriellen den Vorrang einräumen wollte.

Schulhoff dagegen setzt auf Klangfarben und traditionelle Dissonanzspannung, auf Zitate - etwa aus Mozarts "Don Giovanni" - und Anklänge an französischen Impressionismus und Neue Deutsche Schule, an Debussy, Ravel und Strauss. Don Juan sucht derweil nach der Seele, er ist auch hier ein Getriebener, und anders als in den bisherigen Dramatisierungen ist genau dies Thema der Oper. "Weib, wo ist deine Seele? Ich will sie haben", ruft er noch während der physischen Übung. Sie will seinen Körper, er will ihre Seele, und es scheint, als hätten beide nichts, was diese Bezeichnung rechtfertigte. Sie sitzt auf ihm, mit ihrem goldenen Strahlenkranz - die Göttin ist Fleisch geworden. Bieito mag diese Anmutungen von Mysterienspiel, und das geht hier vor allem mit der expressiven Musik gut zusammen.

Sex allein ist nie genug

Es gibt ja keine große Geschichte zu erzählen, es geht allein um die Entlarvung zwischenmenschlicher Beziehungsmythen, das irrationale Verlangen nach Liebe. Sex ist nie genug. Aber die Versentimentalisierung dessen, was die Liebe sein soll, verhindert sie auch hier. Allerdings ist es diesmal Don Juan, der davon träumt, dass das Physische allein doch nicht alles sein kann. Genauer: Die Liebe darf nicht nur ein Glück des Augenblicks sein, sie muss einen ganzen Lebenssinn hergeben und vor allem von der Lebensangst erlösen: "Die Dunkelheit der Zukunft kann nur der Schein der Liebe besiegen."

Denys Pivnickij gibt Don Juan als grellen Tenor, heldisch überdreht, nicht wie üblich nur um sich selbst kreisend, sondern von psychischen Zentrifugalkräften beinahe schon zerrissen. Nur die ständige Bewegung rettet ihn. "Ich gehe immer weg und kehre immer wieder", sinniert er, und damit kann die Suche selber zum Ziel werden, kann er sich lösen und erlösen "vom Fleisch der Leidenschaft". "Spürst du", entfährt es ihm bei Max Brod, "den Geist, der die Flügel ausbreitet und siegreich in den Adern dröhnt?" Nein, niemand spürt den, und auch Don Juan ergibt sich bald wieder seiner Todessehnsucht - das einzige Liebesgefühl, auf das er sich verlassen, das er kontrollieren kann.

Es wird übermächtig, und im zweiten Teil erbarmt sich Bieito dann doch noch, die Bühne zu öffnen, einen Leichenwagen aus dem Schnürboden herunterhängen zu lassen, an dem dieser existenzialistische Don Giovanni am Ende von Donna Anna mit viel Klebeband gefesselt wird. Endlich hat sie ihn, küsst ihn lange, aber ihre Erlösung, seufzt sie, die liege schon wieder in der Unendlichkeit. Nur die Musik tröstet noch, sanft führt sie hinaus aus dem Lustgezerre auf der Bühne und dem Ringen um gefühlte Wahrheiten.

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