California Noir Die schiefe Bahn meines Lebens

In Sara Grans drittem Roman über die beste aller Detektivinnen steht Claire DeWitt vor dem Fall aller Fälle.

Von Marie Schmidt

Die Kriminologie, wie Sara Gran sie versteht, ist ein wilder, metaphysischer Witz. Und Claire DeWitt, die Detektivin, die sich die in Kalifornien lebende Autorin ausgedacht hat, wäre bei Weitem zu hart und zu smart für den ehrpusseligen Beamtenfleiß des herkömmlichen Ermittlerwesens. Sie ermittelt im Grunde nur in einer großen Sache, nämlich der Frage: Wer bin ich? Verbunden mit den daraus unweigerlich folgenden Problemen: Wer liebt mich? Wer hasst mich? Wer wartet auf mich?

Am Anfang des dritten DeWitt-Romans, unter dem Titel "Das Ende der Lügen" sehr lässig übersetzt von Eva Bonné, schlägt die Detektivin, die nach einem Autounfall, einem Mordanschlag, quasi von den Toten wiederkehrt, die Augen auf: "Ich konnte nichts sehen als blendendes Licht. Ich kniff die Augen wieder zu. Ich rang nach Luft ... Erinnere dich, erinnere dich." Es muss dann natürlich darum gehen, wer versucht hat, Claire DeWitt umzubringen. Aber erst mal kratzt sich die Frau selbst vom Asphalt, rafft sich auf und ihr fällt ein: "Ich war die beste Detektivin der Welt, aber das größte Rätsel hatte ich übersehen: die eigenartig schiefe Bahn meines Lebens."

Drei Episoden dieses Lebens verbinden sich in "Das Ende der Lügen" am Ende weniger logisch denn motivisch. Überhaupt ist die Suche nach der Wahrheit in Sara Grans Krimis keine Indizienkombinatorik, sondern eher ein ästhetischer Prozess, der des Formengespürs der Ermittlerin respektive der Leserin bedarf und dabei wiederum ihre Wahrnehmung formt.

Das Netzwerk der Kollegen, in dem sich Claire DeWitt Freunde und Feinde gemacht hat, gleicht einem okkulten Zirkel mit verschiedenen Meistern. Ihrer heißt Jacques Silette, und der war der Autor eines einzigen Buches mit dem Titel "Détection". Darin Sätze wie dieser: "Die Detektivin, die glaubt, die Wahrheit gefunden zu haben, irrt ebenso wie die Detektivin, die nie danach gesucht hat". Man ersetze "die Detektivin" durch "der Mensch" und erhalte eine ewige Weisheit. "Es gibt keine Fakten", heißt es außerdem in diesem Standardwerk, "nur kleine Steine, die auf dem Weg zur Wahrheit liegen."

"Wer bist du, wenn du nicht clever bist?"

Geniale Detektivinnen und Detektive haben in Sara Grans DeWitt-Krimis den Status großer Künstler und frühere Fälle werden genannt, ohne dass nacherzählt würde, worum es dabei geht, wie ein Kanon berühmter Werke: der "Fall der Miniaturpferde", die "Spur der Zerbrochenen Glühbirne", der "Fall des Blutroten Hibiskus", der "Fall des Melancholischen Bibliophilen". Der Nimbus, den Gran damit um Claire DeWitts Welt aufbaut, wirkt so charismatisch wie komisch.

Die drei Handlungsebenen von "Das Ende der Lügen" spielen in den Jahren 2011, 1999 und 1985. Als Kind wird Claire durch die fiktive "Junior-Spürnase" Cynthia Silverton in die Kriminalsphäre verwickelt. Als junge Frau muss sie einen Fall lösen, damit das "Kalifornische Büro für Sicherheit und Ermittlungsdienstleistungen" sie mit einer Lizenz versieht. Die entscheidenden Momente ihres Lebens haben damit zu tun, dass eine geliebte Freundin und Gefährtin verschwindet. Als ihr zuletzt jemand nach dem Leben trachtet, verschwindet sie beinahe selbst. Da stellen sich ihr diese Probleme: "Wer bist du, wenn du nicht clever bist? Wenn keiner hinschaut? Wer bist du ohne das Leben, das du dir aufgebaut hast?" Vielleicht liest man Sara Grans Roman am besten nicht als Krimi, sondern als psychedelisches Rätsel.