Caesar neu gelesen Gemetzel in Nebensätzen

Niemand, der Latein gelernt hat, wird ihn je vergessen - Caesars "Gallischen Krieg". Markus Schauer hat ihn neu gelesen, und siehe da, es ist durchaus Täuschung im Spiel in dieser Historie.

Von Burkhard Müller

Jeder, der in der Schule Latein gelernt hat, ist ihm begegnet, länger und intensiver als wohl jedem anderen Schulbuch: dem "Gallischen Krieg" von Gaius Julius Caesar, im Original "Commentarii de Bello Gallico". Es verbindet sich in der Erinnerung mit den Finsternissen der Mittelstufe, wenn der Sonnenschein der Kindheit schon verblichen ist, aber die Fackel erwachsener Freiheit noch nirgends leuchtet.

"Gallien gliedert sich insgesamt in drei Teile", so geht es los, um dann lange, lange nicht mehr aufzuhören, immer die gleichen Vorgänge, Gewaltmärsche, Getreideverpflegung, Schlachten und Schanzwerk. Selbst der Humor von Asterix vermochte solche Gleichform nur vorübergehend aufzulockern. Man glaubt das alles noch fast auswendig zu kennen, und Neues auf diesem Feld kann es unmöglich geben. So meint man - bis man das so lesenswerte wie gut lesbare Buch von Markus Schauer in die Hand nimmt, der als Altphilologe in Bamberg lehrt. Es heißt wie sein Gegenstand schlicht "Der Gallische Krieg".

Schauer macht dankenswerterweise keinen Versuch, Caesar, der ausschließlich von seinen Taten und dabei von sich selbst in der dritten Person spricht, individualpsychologisch zu ergründen. Stattdessen erklärt er ihn aus seinem Umfeld und seinen Voraussetzungen, der späten römischen Republik des ersten Jahrhunderts v. Chr. Er tut es so knapp und klar, wie man es selten gelesen hat - das Einleitungskapitel könnte gut auch für sich stehen. Caesar, adelsstolz, ehrgeizig, tapfer, ja tollkühn und seinen Leuten gegenüber von einer unwandelbaren Loyalität, die auf Kosten des Ganzen geht, bietet sich nicht als die große Ausnahme dar, sondern gewissermaßen als Exzess einer zeittypischen Normalität; die Standesgenossen waren genauso, nur in geringerem Maß und mit weniger Erfolg. Man beginnt zu begreifen, wie es geschehen konnte, dass ein grundsätzlich konservativer Charakter, der aber die Gelegenheiten entschieden ergriff, zum Schluss die Revolution herbeiführte.

Markus Schauer: Der Gallische Krieg. Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk. Verlag C. H. Beck, München 2016. 271 Seiten, 19,95 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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Schauer versteht es, Caesars steinerne Ausdruckslosigkeit zum Reden zu bringen. Er ordnet ihn in die historiografische Tradition ein und hebt das dabei doch Neuartige dieser "Kommentare" hervor - auch das ein Fall von revolutionärem Konservatismus. Während man in der Schule immer zu dicht am Text dran war, weil man nicht weiter sah als bis zum nächsten Ablativus absolutus, befreit dieses Buch den Blick zur Vogelperspektive. Da erkennt man denn, wie die scheinbare Geradlinigkeit des Stils doch ihre Tücken hat, wenn sich etwa offenkundige Misserfolge wie die Expeditionen nach Germanien durch beiläufige Bemerkungen über die Wertlosigkeit dieser Gegend in Akte weiser Zurückhaltung verwandeln.

Schauers genaue Lektüre bringt altgediente Urteile ins Wanken; die langen Reden, die gerade die Feinde halten dürfen, erscheinen auf einmal nicht mehr als Zugeständnisse der Fairness, sondern geben ihren Zweck preis, den Gegner erst aufzubauen, damit seine Vernichtung sich umso eindrucksvoller gestaltet. Die längste von allen, die Rede des Galliers Critognatus im belagerten Alesia (er rät zum Kannibalismus in äußerster Notlage), immer als rhetorisches Glanzstück gewürdigt, soll in Wahrheit, wenn man scharf genug hinschaut, ihn als den Barbaren entlarven, der er ist.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Caesar rühmt sich nicht offen (die Schlachtbeschreibungen sind deutlich kürzer und seltener, als man sich zu erinnern glaubte), und er entschuldigt sich nie; selbst Metzeleien mit Hunderttausenden Toten werden in Nebensätzen abgemacht. Gerade in der Sachlichkeit des Tons und der prinzipiellen Verlässlichkeit der Fakten verbirgt sich jedoch, wie Schauer plausibel macht, die List: Caesars Ton lullt das stets wache Misstrauen seiner Landsleute und Rivalen ein und setzt dann unmerklich doch die entscheidenden Akzente. So lautet denn auch der Untertitel von Schauers Buch "Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk". Das freilich bedeutet ein in sich widersprüchliches Resultat, vor allem im Licht der großen Verantwortung, über die sich der Autor im Klaren ist, weiß er doch, dass an der Bewertung Caesars das Schicksal des Lateinunterrichts hängt. Kann man ein Buch, dessen Hauptzweck in der Manipulation liegt, als geniale Literatur erretten, die weiter im Zentrum des Kanons stehen soll?

Sehr viel Humanes hat Caesars Buch einem humanistischen Gymnasium jedenfalls nicht zu bieten. Dass Caesar weiterhin Interesse verdient, müsste man wohl pragmatischer begründen. Caesar, der die bis heute bestehende kontinentale Grenze zwischen Romanen und Germanen zog, der ein halbes Jahrtausend Republik beendete, um ein halbes Jahrtausend Monarchie einzuleiten, dessen Familienname bis ins 20. Jahrhundert den Herrschertitel für die größten Reiche unseres Erdteils abgab - Caesar hat wie kein anderer vor oder nach ihm die Geschichte Europas geprägt. Hitler, Stalin, Napoleon blieben Episode. Caesar blieb.