Bushs versprochener Aufbruch ins All (2) Das große Schnupfenmassaker

Mythen und Missverständnisse um die Fahrt zum Mars - naturgemäß groß. Sehr groß. Größter Hollywoodstil.

Von FRITZ GÖTTLER

Wer Geschichte schreiben will, braucht ein paar starke Worte. Zum Beispiel: "We have to make Mars the future - or mankind is history." Die Zukunft heißt Mars - oder die Menschheit kann sich als abgeschrieben betrachten. Ein entschiedenes Entweder-Oder, in dem eine klare Konzeption von Geschichte, von Geschichtsbewusstsein und geschichtlicher Mission aufscheint. Handlungsbedarf wird signalisiert. Und das Mars-Ding ist alles andere als ein präsidiales Riesenspielzeug.

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Der Satz oben ist allerdings nicht ganz neu, er entstammt dem Film "Red Planet" aus dem Jahr 2000. Der Mars hat es ja nicht ganz leicht gehabt in der amerikanischen Mythen-, speziell in der Hollywood-Filmgeschichte. Während der Planetenbruder Jupiter mit einem einzigen Film sich nachdrücklich ins Bewusstsein der Kinogänger weltweit eingeschrieben hat, ist der Mars nicht immer ganz ernst genommen worden - auch wenn er brillieren durfte mit der Röte von Technicolor. Mit dem majestätischen Trip zum Jupiter bestreitet Stanley Kubrick lässig den zweiten Teil von "2001", während die Mars-Movies in die B- oder C-Produktionsecke abgeschoben waren, wo man mit billigen Raketenmodellen und Pappmachéplanetenoberflächen zurechtkommen musste. Im "Krieg der Welten" haben die Marsianer den Part des Kinderschrecks, sie verbreiten ein paar Stunden Angst und Schrecken, als sie auf der Erde landen, aber dann fallen sie einem lächerlichen Schnupfen zum Opfer.

Ein wenig besser sah es in "The Angry Red Planet" aus, da darf der Mars-Herrscher immerhin den Menschen bei ihrer Vertreibung aus dem Planeten-Paradies ein "Kommt bloß nicht mehr wieder" hinterher brummen. In "Mein Onkel vom Mars" gab es quietschfidelen Karneval auf dem Mars. Den Abschuss lieferte schließlich Tim Burton mit "Mars Attacks!", wo Jack Nicholson einen Präsidenten grimassiert, dem jener doch recht nahe kommt, der kürzlich seinen Truthahn bei den Boys in Bagdad ablieferte.

Mit dem Ende des Weltkriegs war die Ideologie, war die Mythen- und Geschichtenwelt des (europäischen) Kolonialismus verschwunden. In den Marsfilmen der Fünfziger scheint ein kleiner Restbestand davon am Leben gehalten - der rote Planet ist die alte Dschungelwelt, ein wenig weiter nach draußen verlegt, an den Rand der zivilisierten Welt, aber dem schwarzen Kontinent sehr verwandt. Und manchmal tragen die Astronauten Helme, die nicht nur an Livingstone erinnern, sondern auch an den laufenden Koreakrieg - Hollywoods Patentrezept, die mystischen Momente zu mixen mit den realistischen Accessoires.

Als dann das Mondprojekt die Nasa beschäftigte und die Phantasie der Millionen vor den Bildschirmen, rückte der rote Planet aus dem Sucher der Kameras - erst der Pathfinder brachte ihn 1997 wieder zurück. Selbst James Cameron, der mit der Titanic zum King of the World wurde, wollte nun auch der Raum-König werden und plante ein TV-Stück über den Mars. 2000 kamen gleichzeitig zwei große Produktionen zum Thema heraus, Brian de Palma drehte für Disney "Mission to Mars", mit Tim Robbins, Connie Nielsen und Gary Sinise. Und Antony Hoffman präsentierte "Red Planet" mit Val Kilmer, Carrie-Anne Moss, später die Trinity in "Matrix", und Terence Stamp - der Film mit dem ehrgeizigen Mars Terraforming Project, siehe oben

Es geht darum, ganz ernsthaft, den Mars als eine zweite Heimat zu entdecken, in bester amerikanischer last-frontier-Tradition, ihn seiner mystischen Aura aber nicht zu berauben. Zwei Purifikationsfilme, zwei Riten des Neuanfangs. Die Erde ist, mehr oder weniger explizit, am Ende. Das Rot, das diese Filme entfalten hat die Sinnlichkeit eines Traums. Und schnell ist Ahnung von Gott im Spiel: "Wir haben den Ursprung des Lebens gesucht", heißt es in "Mission" eindeutig, "aber wir haben es auf dem falschen Planeten getan." Ähnlich muss es gemeint sein, wenn Val Kilmer "Red Planet" ein gottergebenes "I saw Elvis" loslässt. Was den Mond angeht - der ist im Vergleich zum Erfahrungstrip Mars immer ein Sonntagsspaziergang gewesen. Zu sehen bei M. Georges Méliès, vor über hundert Jahren, in seinem "Le voyage dans la lune".