Trauer um Burt Reynolds Von sich selbst am meisten unterschätzt

Burt Reynolds schlug beste Rollen aus. Und den Film, für den er fast einen Oscar bekommen hätte, mochte er nicht. Über eine fast gescheiterte Hollywood-Ikone.

Nachruf von Thorsten Denkler, New York

Er hat ihn nie bekommen, den Oscar, die höchste Auszeichnung der US-Filmindustrie. Eine Legende wurde Burt Reynolds dennoch. Als Actionheld vor allem. Ein Ruf, den er sich mit Streifen wie "Beim Sterben ist jeder der Erste" und "Ein ausgekochtes Schlitzohr" erworben hatte. Jetzt ist Reynolds mit 82 Jahren in seiner Heimat Florida gestorben. Und Hollywood trauert um einen Kollegen, der oft unterschätzt wurde. Vor allem von sich selbst.

In den 70er-Jahren war Reynolds ein Garant für volle Kinokassen. In mehr als 80 Filmen hat er mitgespielt. Die erfolgreichsten entstanden in dieser Zeit. Er galt als Charmeur, als Womanizer, braungebrannt, Schnauzbart, jede Menge Brusthaar, das aus seinen weit geöffneten Hemden quoll. Er war das Sexsymbol seiner Zeit. 1972 legte er sich für ein Foto in der Cosmopolitan nackt auf ein Bärenfell. Eine große Dummheit, wie er später bekannte. Er bereute die Sache direkt nach dem Shooting. Aber da war es zu spät.

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Es war nicht das Einzige, was Reynolds später bedauerte. Wenn es um Frauen ging, habe er sich oft wie ein "Arschloch" verhalten, bekannte er einmal. Und wenn es um Filme ging, schlug er die größten Angebote aus. In "Einer flog übers Kuckucksnest" hätte er die Hauptrolle haben können. Er lehnte ab. Jack Nicholson bekam dafür seinen ersten Oscar. Reynolds hätte auch die Hauptrolle in "Stirb langsam" haben können, die dann Bruce Willis übernahm und ihn zum Star machte. Oder Han Solo in "Star Wars". Auch die Rolle als James Bond wurde ihm angeboten.

Immer wieder sagte er ab. Zum einen aus Angst, er könnte etwas falsch machen, wenn einer der Filme floppt. Zum anderen war er überhaupt nicht ehrgeizig, was seine Schauspielerei anging. "Ich habe mich selten geöffnet für neue Autoren oder risikoreiche Rollen, weil ich mich als Schauspieler nie zu sehr herausfordern lassen wollte. Ich wollte einfach nur eine gute Zeit haben", schrieb er 2015 in seinem Buch "But enough about me", genug von mir.

Das Ergebnis war, dass er viele Möglichkeiten verpasst habe, zu zeigen, dass er auch seriöse Rollen spielen könne. Und als "ich endlich aufgewacht bin, da hat mir keiner mehr eine Chance gegeben". Dass er mehr konnte als Hau drauf, zeigte er allerdings in dem Woody-Allen-Film "Alles, was sie schon immer über Sex wissen wollten, aber sich nie zu fragen trauten".

Burt Reynolds wurde 1936 als Burton Leon Reynolds Jr. in Lansing, Michigan geboren und wuchs in Florida auf. Er war ein hervorragender Football-Spieler und hoffte auf eine Profi-Karriere. Ein Autounfall machte die Träume zunichte. Er begann als Stuntman und übernahm bald kleinere Rollen in Fernsehserien.

Sein Film-Debut hatte er 1961 in dem Film "Angel Baby", fast zehn Jahre später kam sein Film "Deliverance" heraus. Es ist einer der wenigen Filme, die auch er für gelungen hält. Darin ist eine Vergewaltigungsszene zu sehen, von der Reynolds später sagte, sie habe vielen Männern geholfen, zu verstehen, was für ein Horror sexuelle Attacken wie diese für Frauen sind. Eine erstaunliche Einsicht für einen Mann seiner Zeit, der als Macho berühmt wurde.

Berühmt wurde er für Filme, in denen er einen liebevollen Halunken im Kampf gegen die Obrigkeit spielte. So wie in "Ein ausgekochtes Schlitzohr", von dem zwei weitere Teile gedreht wurden. Hatte er wirklich Qualität abgeliefert, war ihm das manchmal nicht wirklich bewusst. 1998 etwa erhielt er eine Oscar-Nominierung und den Golden Globe für die beste Nebenrolle in "Boogie Nights", in dem er den Pornofilm-Produzenten Jack Horner spielt.

Reynolds mochte den Film nicht, dennoch wurde er dafür bejubelt

Reynolds mochte die Rolle nicht, er mochte den Film nicht, er hat sich den fertigen Film 15 Minuten angesehen, dann hatte er genug, sagte er später in einem Interview. Die Kritiker aber überschlugen sich. Und feierten einen Reynolds, der sich in dem Film so verletzlich zeigt wie kaum zuvor. Mark Wahlberg, der in "Boogie Nights" die Hauptrolle spielt, sagte später, Reynolds hätte den Oscar verdient gehabt. Damals bekam ihn Robin Williams für "Good Will Hunting".

"Boogie Nights" war ein Erfolg, den Reynolds zu dem Zeitpunkt bitter nötig hatte. Als er den Golden Globe entgegennahm, sagte er, die vergangenen Jahre seien doch recht ruhig gewesen. Er habe viel ferngesehen. Ruhig aber waren die Jahre nur beruflich. Mit Beginn der 80er-Jahre stieg Reynolds aus der A-Liga der Film-Schauspieler ab in die C- bis "Gar-nicht-mehr-wahrnehmbar"-Liga. Finanziell ging es ihm immer schlechter. Einige Fehlinvestitionen und eine äußerst teure Scheidung trieben ihn in den Ruin. 1996 musste er Insolvenz anmelden.

Nach dem Comeback kamen Gesundheitsprobleme dazu. Er musste sich einer Rückenoperation unterziehen und wurde danach abhängig von Schmerzmitteln. Ähnliches hatte er schon einmal erlebt. Während der Dreharbeiten zu dem Film "City Heat" mit Clint Eastwood im Jahr 1984 verletzte er sich am Kiefer. Die Schmerzen gingen nicht mehr weg. Reynolds nahm Schmerzmittel, bis er nicht mehr ohne konnte.

Es kamen Gerüchte auf, er sei an Aids erkrankt. Damals war das gleichzusetzen mit dem Karriereende. Zwei Jahre lang bekam er keinen Job, berichtete er später. Das Einzige, was ihm dann angeboten wurde, seien billige Action-Filme gewesen. Er habe die Filme gemacht, um zu beweisen, dass es ihm gut gehe.

Reynolds blieb bis zuletzt gut beschäftigt. Allein seit 2014 taucht er in zwölf mehr oder minder unbedeutenden Filmen auf. Oft auch in der Hauptrolle. Ein Film sticht heraus, "The Last Movie Star", der letzte Filmstar, den er 2016 abgedreht hat. Es geht um den nicht gerade vorteilhaft gealterten Filmschauspieler Vic Edwards, dessen beste Jahre lange vorbei sind. Der aber für sein Lebenswerk geehrt werden soll. Wie er zu spät merkt, auf einem kleinen, unbedeutenden Filmfestival in Nashville, Tennessee.

Der Film ist so stark an das Leben von Reynolds angelehnt, dass Regisseur Adam Rifkin ihm gesagt haben soll, er werde den Film nicht machen ohne ihn. Er wurde in diesem Frühjahr in wenigen Kinos in den USA gezeigt und ist seitdem auf einigen US-Streaming-Plattformen zu sehen. Vielleicht kommt der Film ja jetzt noch größer raus. Es wäre dem Film und Burt Reynolds zu wünschen.