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Burgtheater Wien:This is Künstlerpech

This is Venice Burgtheater Wien

Frei nach Shakespeare: Auch weil es ein Gesellschaftsdrama sein soll, sind in der Inszenierung „This is Venice“ fast immer alle 14 Darstellenden auf der Bühne anwesend.

(Foto: Matthias Horn/Burgtheater)

Ein gescheitertes Shakespeare-Experiment und eine schlecht gealterte, zehn Jahre alte Inszenierung: Martin Kušejs Burgtheater überzeugt noch nicht.

Von Wolfgang Kralicek

Das Venedig von heute ist eine untergehende Pracht. Das Venedig der Shakespeare-Stücke war eine aufstrebende Macht. Antonio etwa, der Kaufmann von Venedig, ist ein früher Vertreter des globalen Handels; er ist nur deshalb gerade knapp bei Kasse, weil seine reich mit Waren aus aller Welt beladene Flotte noch nicht angekommen ist. General Othello wiederum, der Mohr von Venedig, verkörpert die militärische Potenz des Stadtstaates; wenn mal wieder die Türken angreifen, fährt Othello kurz mit seiner Flotte raus und erledigt das Problem. So unerschütterlich ist das Selbstbewusstsein der Venezianer, dass Desdemonas Vater es für einen schlechten Witz hält, wenn Jago behauptet, seine Tochter sei ihm geraubt worden. Geraubt? Doch nicht hier bei uns, ich bitte dich: "This is Venice."

Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner haben "Othello" und "Der Kaufmann von Venedig" für das Wiener Burgtheater neu übersetzt, bearbeitet und zu dem Hybrid "This is Venice" montiert. Protagonist des Doppelstücks ist weder Shylock noch Othello, sondern die Stadt Venedig. Zwischen den Stücken gibt es Parallelen, am wichtigsten ist den Autorinnen der Neufassung aber diese: Sowohl der Jude als auch der Schwarze werden von der rassistischen venezianischen Gesellschaft nur so lange geduldet, wie beide ihr nützlich sind: "Follow the money" wird auf die Bühne projiziert. Ein Gesellschaftsdrama also.

Folgerichtig hat Regisseur Sebastian Nübling, unterstützt von der Choreografin Christine Gaigg, im Grunde eine einzige Massenszene auf die Bühne gebracht. Auf Gerstners von einem Rundhorizont aus Glitzervorhang umgrenzter Bühne ist meist das gesamte, 14-köpfige Ensemble anwesend; befeuert von Lars Wittershagens dunklen Sound-Loops laufen die Schauspielerinnen und Schauspieler anfangs einen Catwalk auf und ab, später umrunden sie die Bühne oder formieren sich zu lebenden Bildern. In fließenden Bewegungen lösen sich einzelne Schauspieler aus der Gruppe heraus, um ihre berühmten Szenen zu spielen. Die Hauptsache aber bleibt das Ganze, die Gesellschaft.

Zwei starke Stücke ergeben zusammen nicht unbedingt ein noch stärkeres

Der Jude Shylock ist mit dem Israeli Itay Tiran besetzt, der eigentlich besser Deutsch spricht, als es hier den Anschein hat; er lässt den Akzent raushängen, um den Underdog-Status seiner Figur zu verstärken, die Tiran mit verzweifeltem Hass ausstattet. Roland Kochs Othello ist nicht nur nicht - wie das vor wenigen Jahren auch an der Burg noch Usus war - schwarz angemalt, sondern spielt auch gar keinen Schwarzen. Seine tragikomische Rolle ist eher der in die Jahre gekommene Stenz, der eine viel zu junge und viel zu eigensinnige Frau (Marie-Luise Stockinger) geheiratet hat und sich von Norman Hackers süffig-süffisantem Jago deshalb nur zu gern in den Eifersuchtsmord treiben lässt.

Es gibt an diesem Dreieinhalb-Stunden-Abend immer wieder schön gespielte Szenen zu sehen. Seltsamerweise kommen sie aber nicht so recht zur Geltung. Das kühn und konzis gedachte Konzept scheitert an den Mühen der Ebene, zum Beispiel daran, dass man lästigerweise dauernd Sachen wie Desdemonas albernes Taschentuch unterbringen muss, die nicht wirklich reinpassen, für den Gang der Handlung aber leider unverzichtbar sind. Die Kombination von zwei starken Stücken ergibt nicht etwa besonders starken Stoff, im Gegenteil, die Komponenten neutralisieren einander eher. This is Künstlerpech.

So gesehen, ist "This is Venice" symptomatisch für Martin Kušejs erste Spielzeit als Direktor des Burgtheaters, die bisher insgesamt nicht ganz hält, was man sich von ihr versprochen hat. Die alten und die neuen Schauspieler - darunter, neben Itay Tiran, noch einige andere, deren erste Sprache nicht Deutsch ist - müssen erst zu einem Ensemble zusammenwachsen.

Der ehrgeizige Plan, in der ersten Saison fast nur Regisseurinnen und Regisseure zu engagieren, die bisher nie an der Burg inszeniert haben (ja, erstaunlicherweise hat auch Nübling noch nie hier gearbeitet), hat diesen Vorgang möglicherweise noch erschwert. Die eingesessenen Spieler haben es nicht nur mit neuen Kolleginnen, sondern meist auch mit Regisseuren zu tun, die sie nicht kennen - und umgekehrt. Ulrich Rasches wuchtig-chorische "Bakchen" oder Kušejs drastisch-düstere Interpretation von Kleists "Hermannsschlacht" sind keine schlechten Arbeiten; aber es fehlt ihnen die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, die es braucht, um wirklich zu überzeugen.

Andererseits spricht es für Kušej und seine Dramaturgie, dass sie bei der Spielplangestaltung vorerst auf sichere Nummern - Tschechow & Co. - verzichtet haben und auch auf der großen Bühne Projekte wie Kay Voges' multimedial-verspielte Weltuntergangs-Show "Dies Irae" riskiert haben.

Das Projekt mit Kornél Mundruczó wurde wegen "künstlerischer Differenzen" abgebrochen

Für die konventionelleren Abende ist bisher hauptsächlich der Chef selbst verantwortlich, der vier Münchner Produktionen mitgebracht hat, darunter "Faust" und "Don Karlos". Im Burgtheater steht derzeit jeden zweiten oder dritten Abend eine Kušej-Inszenierung auf dem Spielplan; dazu kommt die elf Jahre alte Erfolgsproduktion "Der Weibsteufel" im Akademietheater, die noch in der Direktion Bachler Premiere hatte.

Immerhin zehn Jahre hat Kušejs Inszenierung "Das Interview" auf dem Buckel; dass auch diese Arbeit im Akademietheater jetzt wieder aktiviert wurde, war allerdings nicht geplant. Eigentlich hätte der ungarische Regiestar Kornél Mundruczó das vor allem als Oper bekannte Stück "Tosca" inszenieren sollen; keine drei Wochen vor der geplanten Premiere aber wurde das Projekt wegen "künstlerischer Differenzen" abgebrochen. Auf der Suche nach einem kurzfristigen Ersatz fiel Kušej das Zweipersonenstück ein, das er damals mit Birgit Minichmayr (die bei Mundruczó die Tosca spielen sollte) am kleinen Theater Neumarkt in Zürich herausgebracht hatte.

"Das Interview" basiert auf einem 2003 produzierten Film des niederländischen Enfant terrible Theo van Gogh, der im Jahr darauf von einem islamistischen Attentäter ermordet wurde. Ein Politikredakteur (Oliver Nägele) ist von seiner Redaktion zu seinem Missvergnügen dazu verdonnert worden, eine Schauspielerin (Minichmayr) zu interviewen, die als Protagonistin einer drittklassigen TV-Serie normalerweise ein Fall für die Klatschseite ist. Keine guten Voraussetzungen für ein Interview, das dann auch nicht stattfindet. Stattdessen liefern die beiden Kombattanten einander einen Psychokrieg, in dem keine der untersten Schubladen verschlossen bleibt und echte Entblößungen von falschen Geheimnissen nicht mehr zu unterscheiden sind.

Man könnte von einem Well-made-Play sprechen, wenn es nicht so schlecht gemacht wäre. Die Situation ist so unglaubwürdig, die Figuren so unplausibel, dass man ihr Duell einfach nicht ernst nehmen kann und es deshalb auch herzlich egal ist, wer hier zuletzt lacht. Vor zehn Jahren wurde "Das Interview" von der Kritik dennoch als "Sternstunde" gefeiert. Aus heutiger Sicht ist das schwer nachzuvollziehen. Anscheinend ist die Zeit nicht spurlos an Stück und Inszenierung vorbeigegangen.

© SZ vom 27.02.2020
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