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Burgtheater Wien:Spießbürgermonster

Horror und Humor, Kabbala und Kalauer: Franzobels "Der Leichenverbrenner" und George Taboris "Mein Kampf".

Von Wolfgang Kralicek

Herr Kopfrkingl aus Prag ist ein braver Mann. Er vergöttert seine Frau und seine Kinder, er liebt seinen Beruf, er trinkt und raucht nicht, er glaubt an den Dalai Lama und die Wiedergeburt. Nur, dass er im städtischen Krematorium arbeitet, könnte einen stutzig machen. Es sind die späten Dreißigerjahre, Nazideutschland ist dabei, die Tschechoslowakei zu okkupieren, und bald werden Krematorien zum Symbol für den Holocaust werden. Tatsächlich entdeckt auch Kopfrkingl den Herrenmenschen in sich und der brave Mann entwickelt sich nach und nach zu einem Monster. Er denunziert, er arisiert, er tötet seine jüdische Frau und seine Kinder.

Mit grausamer Lakonie entwirft Ladislav Fuks in seinem Roman "Der Leichenverbrenner" (1967) das Psychogramm eines Kleinbürgers, der zum Massenmörder wird. Der Nationalsozialismus erscheint darin wie eine Geisteskrankheit, der Horror wie ein tiefschwarzer Witz. Der Roman ist sichtlich an Kafka geschult; das Stück, das Franzobel daraus gemacht hat, klingt manchmal ein wenig nach Horváth: "Ich habe eine schreckliche Zärtlichkeit für dich", sagt Kopfrkingl etwa zu seiner Frau. Die Dialoge sind bei Franzobel saftiger als bei Fuks, dafür entfaltet sich das Grauen weniger subtil. Die Uraufführung im Wiener Akademietheater hätte ursprünglich am 13. März stattfinden sollen, doch weil die Theater kurz davor geschlossen worden waren, konnte die Premiere erst mit einem halben Jahr Verspätung stattfinden.

Der Leichenverbrenner Herr Kopfrkingl (Michael Maertens, links) bei der Arbeit

(Foto: Matthias Horn/Burgtheater Wien)

Inszeniert hat Nikolaus Habjan, der begnadete Puppenspieler; seine grotesken Pappmaché-Figuren übernehmen diesmal aber nur die Nebenrollen, während die Familie Kopfrkingl von lebendigen Schauspielern dargestellt wird. Dorothee Hartinger spielt die ziemlich püppchenhafte Frau, Alexandra Henkel die flügge werdende Tochter und Sabine Haupt den halbwüchsigen Sohn, der sich zum Leidwesen des Vaters mehr für Gedichte als für Boxen begeistert. Michael Maertens ist Herr Kopfrkingl, und seine Liebenswürdigkeit ist so gekünstelt, dass es von Anfang an pathologisch wirkt. Es ist virtuos und immer wieder auch grimmig komisch, mit welch stocksteifer Körperlichkeit und süßlicher Intonation Maertens dieses Spießbürgermonster ausstattet. Unheimlich oder unbehaglich aber wird dieser 95 Minuten kurze Abend nie, nicht einmal zum bitteren Ende hin. Weder Franzobel noch Habjan haben die richtige Mischung von Horror und Humor gefunden.

"Hast du schon einmal von Adolf Hitler gehört?", fragt Herr Kopfrkingl am Beginn von Franzobels Stück seine Frau. "Der Aquarellmaler?" erwidert diese. "Der ist mir unsympathisch." Am Tag nach dem "Leichenverbrenner" hatte im großen Haus ein Stück Premiere, das in die Zeit zurückführt, als Hitler tatsächlich noch nicht der große Leichenverbrenner, sondern ein kleiner Aquarellmaler war: "Mein Kampf" von George Tabori spielt vor dem Ersten Weltkrieg in einem Wiener Männerwohnheim, in dem Hitler auf den jüdischen Privatgelehrten Schlomo Herzl trifft; zu den Bettgängern des Asyls gehört auch Gott, der sich als Koch namens Lobkowitz ausgibt. Herzl arbeitet an einem Buch, für das er noch einen Titel sucht: "Ecce Schlomo" und "Mein Leben" werden verworfen, das Rennen macht schließlich "Mein Kampf". Uraufgeführt wurde das Stück 1987 im Akademietheater, der Autor führte selbst Regie und spielte den Lobkowitz. Es war das erste von vielen Tabori-Stücken, die in den Peymann-Jahren auf die Bühnen des Burgtheaters kamen, und ist eines seiner besten. Kabbala trifft auf Kalauer, flache Witze stehen neben tiefen Weisheiten, die ganze Leidensgeschichte des Judentums passt in eine Nussschale.

Der große Diktator: Marcel Heuperman spielt den jungen Adolf Hitler in der Neuinszenierung von George Taboris „Mein Kampf“ als peinliches Riesenbaby.

(Foto: Marcella Ruiz Cruz)

Der israelische Schauspieler und Regisseur Itay Tiran, seit dem Vorjahr im Ensemble des Burgtheaters, verzichtet in seiner Inszenierung auf die versiffte Atmosphäre des Männerasyls. Die Bühne von Jessica Rockstroh ist aus hellen Holzbrettern gezimmert; Betten und in Lumpen gehüllte Komparsen gibt es nicht. Den Hitler spielt der junge, massige Marcel Heuperman als Riesenbaby mit Verdauungsproblemen; immer wieder rutscht ihm die schlabbrige Unterhose vom Hintern, immer wieder sitzt er laut furzend auf dem Nachttopf. Heuperman als Hitler - das ist, als hätte nicht Charlie Chaplin, sondern Oliver Hardy den "Großen Diktator" gespielt. Die Hauptrolle aber, das ist das Schöne an diesem Stück, spielt hier gar nicht Hitler, sondern Schlomo Herzl, die personifizierte Verkörperung der Diaspora. "Ich saß am Ufer des Donaukanals - oder war's Babylon? - und weinte", sagt er. In der Uraufführung spielte Ignaz Kirchner den Schlomo Herzl, der intellektuelle Schmerzensmann des Peymann-Ensembles schien die perfekte Besetzung für die Rolle zu sein. Markus Hering, der sie in der Neuinszenierung spielt, ist ein ganz anderer, viel weicherer Typ - und auch ein ganz wunderbarer Schlomo. Hering ist, mit Unterbrechungen, seit Jahrzehnten am Burgtheater engagiert, hat aber selten groß gespielt. Schlomo Herzl ist die Rolle, auf die er lange warten musste, und das Warten hat sich gelohnt. Hering ist immer ganz bei sich, er spielt natürlich und kontrolliert, verzweifelt und komisch zugleich: Hiob als Komiker, der ewige Jude als Woody-Allen-Figur.

Regisseur Tiran hat die Inszenierung seiner Großmutter Deborah gewidmet, einer Auschwitz-Überlebenden. Und er hat Auschwitz in das Stück eingeschrieben: In seiner Fassung hat Schlomo nicht nur 2000 Jahre Judenverfolgung hinter sich, sondern auch die Shoah, auf seinen Unterarm ist eine Nummer ("mein VIP-Stempel") tätowiert; dass diese zeitlose Figur hier offenbar in die Zukunft reisen kann, ist ein stimmiger, plausibler Kunstgriff. Auch den jüdischen Witz, mit dem das Stück endet, hat Tiran ausgetauscht. Der neue Witz geht so: Zwei Juden amüsieren sich königlich über ihre KZ-Erlebnisse. Da kommt Gott dazu und fragt, was denn so komisch sei. Darauf antworten die Juden: "Wenn du nicht dabei gewesen bist, kannst du es auch nicht verstehen."

© SZ vom 14.10.2020

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